unsere Hauswirtin , und hat der Faber sie erst geheiratet , so gehört sie in die Gesellschaft , so gut wie - « » Deine Gründe gelten nicht , Eberhard , « unterbrach ihn die Mama . » Das Mädchen hat sich auf das unschicklichste betragen . Als Fabers Braut mußte sie zu Hause bleiben , oder als des Schenkwirts Tochter sich in Küche und Keller halten . Der schäferlichen Toilette noch gar nicht einmal zu gedenken . Unsere Tochter jedoch stand einmal in der Reihe , und eine Reckenburg wird auf jedem Platze ihre Haltung zu behaupten wissen , zumal wenn eine Amtmannsfrau , die aus einer Mühle stammt , ihr beim Rückzug das Prävenire spielt . « Ich erwiderte kein Wort , küßte den Eltern die Hand und eilte in meine Kammer . Ich dachte nicht daran , mich auszukleiden und niederzulegen . Unbeweglich saß ich auf dem Bettrand , ich weiß nicht , wie lange . Mir war , als wäre ich von einem hohen Turm gefallen , und krause Phantome wirbelten in dem erschütterten Hirn . Ich hörte einen leisen Schritt an der Tür : ich rührte mich nicht ; ich spürte einen heißen Atem an meiner Wange , ich blickte nicht auf , aber meine Hand zuckte , die Frevlerin von mir zu stoßen , die zu meinen Füßen niederkniete und ihren Kopf in meinem Schoße barg . » Sind Sie mir böse , Fräulein Hardine ? « flüsterte sie mit ihrem kindlichsten Klang . Ob ich ihr böse war ! Der Atem stockte mir und das Blut siedete im Grimm gegen die treu- und schamlose Schenkendirne . Ich wendete das Gesicht von ihr ab und starrte geradeaus in den Spiegel , der auf meinem Nachttische stand . Und dieser Spiegelblick löste den Bann . Denn was heißt denn gerecht sein , als richtig sehen ? Ich aber sah in dem engen Rahmen das Freifräulein von Reckenburg in seinem hohen Toupet und steifen Brokat , die mannshohe Gestalt mit dem hochgeröteten Gesicht , zu der die weltkundige Gräfin gesagt hatte : » Du entzündest kein junges Herz « . In ihrem Schoße aber lag , von seinem goldenen Lockenschleier umhüllt , ein Kind mit allen Reizen des Weibes , mit pulsierender Glut und auf der Stirn den Stempel : » Dir wird kein junges Herz widerstehen « . Nach langer Pause und einem tiefen Atemzuge senkte ich den Blick von dem Spiegelbilde hinab in den Schoß . » Gut sein , gut sein ! « flüsterte die Zauberin , und ihre Lippen brannten auf meiner Hand , heiß von dem Leben , das eines anderen Atem dem Busen eingehaucht hatte . » Du hast dich hinreißen lassen , Dorothee , « sagte ich , indem ich sie in die Höhe zog und mich erhob . » Wenn es dir aber leid ist - « » Leid ? « rief sie , erbebend unter dem Schauer des ersten , kaum geahnten Glücks . » Leid ? O nimmermehr leid ! Und wenn ich darüber sterben sollte , Hardine ! « Sie floh aus der Tür . Und ich ? Gelt , ich lag wie auf Rosen gebettet und schlummerte in Gottes Frieden nach großmütiger Heldinnen und schöner Seelen Art ? Ich sage Euch aber , auf Nesseln und Dornen habe ich mich gewälzt , wie siedendes Blei hat es in meinem Herzen gewühlt , und wenn eines gebetet hat in dieser Nacht , so war es das selig frevelnde , nicht das entsagende Menschenkind . Die Familie von Reckenburg konnte es allseitig nur gutheißen , daß ihre beschämte Hauswirtin sich in den nächsten Tagen ihrer Begegnung entzog , daß sie auch den lauernden Blicken und Stichelreden der Nachbarschaft aus dem Wege ging und nur von der Gartenseite in die väterliche Wohnung schlüpfte . Selber Frau Adelheid hielt das Kind , das unter ihren Augen erwachsen war , zu hoch , um nachhaltige Wirkungen einer übermütigen Laune zu befürchten , und die kleinstädtische Klatscherei stachelte diese stolze Geringschätzung der Gefahr . Im übrigen hatten wir genug zu tun , uns der eigenen Haut zu wehren ; denn wenn die bürgerlichen Bolzen sich nach dem Dachstübchen richteten , vor welchem die Faberschen Scherbecken geglänzt hatten , die giftigen Pfeile der » Gesellschaft « zielten auf das untere Geschoß , dessen Insassen , betört von fürstlicher Gunst , der gerechtfertigten Empörung Trotz geboten und erst dadurch den Skandal unheilbar gemacht hatten . Selbstverständlich , daß unter diesen Zuträgereien die freiherrliche Familie ihren Nacken höher und stolzer denn jemals trug . Verhehlt aber soll nicht werden , daß eine Migräne , welche die Hausfrau die Woche hindurch an das Bett fesselte , in heimlichen Gallenaffektionen ihren Grund gehabt haben mag . Solchergestalt wandelten Vater und Tochter am Sonntagmorgen allein zur Kirche , und hier war es , wo sie die schöne Frevlerin zum erstenmal nach jenem heillosen Abend wiedersahen . Sie saß unserer adligen Empore gegenüber im Schiff dicht unter der Kanzel , und schon während des Liedes konnten uns die neugierigen Blicke nicht entgehen , welche in der unteren Gemeinde zwischen ihrem Platz und dem hohen Herzogsstuhle , hinter dessen Gittern der Prinz - leider mit Unrecht - vermutet ward , auf und nieder flogen . Wie mußte nun aber das Behagen dieser Aufregung wachsen , als jetzt der würdige Hofprediger die Kanzel bestieg und über das bekannte Thema : » Gebet Gott und Cäsar « , die Pflichten gegen Altar und Thron , die der Fügsamkeit gegen die geheiligte Ordnung der Stände und das Schauerbild sündiger Frei- und Gleichmacherei seiner Gemeinde kräftiglich zu Gemüte führte . Dem einsamen , harthörigen alten Herrn war ohne Zweifel kein Wort über die große lokale Tagesfrage zu Ohren gekommen . Er hatte seine Predigt schon anfangs der Woche ausgearbeitet , im lodernden Zorn über die Rebellen in Paris , welche den frommen , unglückseligen König zur Kriegserklärung gegen das verwandte Österreich , seinen einzigen Hoffnungsanker , gezwungen hatten . Wenn etwa das