Leben zu veredeln vermag - das ist ' s , was ich Ihnen nie vergessen werde ! « » Nie , Felicitas ? « Das junge Mädchen schüttelte energisch , mit einer fast wilden Gebärde den Kopf . » Also darein muß ich mich unwiderruflich ergeben , « sagte er mit einem schwachen Lächeln , das sich jedoch , wahrscheinlicherweise sehr gegen seinen Willen , merkwürdig melancholisch gestaltete . » Ich habe Sie tödlich beleidigt , und doch - ich wiederhole es - konnte und durfte ich nicht anders handeln ... « Er ging einigemal im Zimmer auf und ab . » Ich muß noch einmal eine schmerzende Stelle in Ihrer Seele berühren , indem ich meine Motive verteidige , « fuhr er rasch fort ; » Sie sind völlig mittellos und von - verfemter Herkunft . Sie sind darauf angewiesen , Ihr Brot selbst zu verdienen . Wenn ich Ihrer Erziehung eine höhere Richtung gab , dann erst wäre es grausam gewesen , Sie in die niedere Dienstbarkeit zurückzustoßen , und doch hätte ich nicht anders gekonnt ; oder glauben Sie , daß eine Familie sich dazu verstehen wird , ihren Kindern die Tochter eines Taschenspielers als Erzieherin zu geben ? ... Wissen Sie nicht , daß ein Mann « - er hielt einen Augenblick inne , tief Atem schöpfend , während eine fahle Blässe sein Gesicht bedeckte - » ja , daß ein Mann aus den höheren Kreisen , der sein Leben vielleicht mit dem Ihrigen verknüpfen würde , große innere und äußere Opfer bringen müßte ? - Welch unausgesetzte Demütigung für Ihr stolzes Herz ! ... Das sind die sozialen Gesetze , die Sie mißachten , welche aber die Mehrzahl der Menschen oft mit unsäglich innerer Anstrengung und Aufopferung aufrecht erhält , aus Pietät vor dem Vergangenen , und weil sie politisch unbedingt notwendig sind ... Auch ich muß mich ihnen unterwerfen - es steht ja nicht jedem auf der Stirne geschrieben , was er innerlich durchmacht - auch von mir verlangen jene Gesetze Entsagung und - einen einsamen Lebensweg . « Er schwieg . Es durchschauerte Felicitas seltsam , hier in stiller Mitternachtsstunde in das Geheimnis eines streng verschlossenen Männerherzens blicken zu können , das in scheuer Hast , fast widerwillig und mit bebenden Lippen ausgesprochen wurde ... Er liebte , und ohne Zweifel ein weibliches Wesen , das nach sozialen Begriffen hoch über ihm stand . Eben noch in Haß und Entrüstung ihm gegenüberstehend , beschlich sie jetzt ein ihr bis dahin völlig unbekanntes Weh ... War es möglich , daß sie Mitleid fühlen konnte für ihn ? Hatte sie in der That einen so unverzeihlich schwachen Charakter , sie , die neulich so entschieden ausgesprochen : » Wenn ihm ein Leid widerführe , ich würde es nie beklagen ! « Und schließlich war er ja gar nicht einmal zu bedauern - warum legte er die Hände entsagend in den Schoß , statt mit männlicher Thatkraft um den hohen Preis zu ringen ? » Nun , Felicitas , haben Sie keine Entgegnung ? « fragte er , » oder fühlen Sie sich abermals gekränkt durch meine Erklärung , die ich nicht umgehen konnte ? « » Nein , « entgegnete sie kalt . » Das ist Ihre spezielle Ansicht - es liegt mir nichts ferner , als der Wunsch , sie geändert zu sehen ... Sie werden hingegen auch mir den Glauben nicht nehmen können , daß es brave , vorurteilslose Menschen gibt , die das ehrliche Herz und treue Wollen auch in einer Taschenspielerstochter anerkennen ... Was soll ich Ihnen noch antworten ? Wir würden doch nie zu einem Ende kommen ... Sie stehen auf dem Standpunkte der sogenannten Vornehmen , die sich selbst mit Ketten anbinden , damit sie um Gottes willen nicht herunterfallen , und ich gehöre in die von Ihrer Kaste mißachtete Klasse der Freidenkenden ... Sie selber sagen , unsere Lebenswege gehen binnen kurzem auseinander auf Nimmerwiedersehen - noch strenger geschieden aber sind wir innen ... Haben Sie noch einen Befehl in Bezug auf die Kranke für mich ? « Er schüttelte den Kopf , und ehe er noch ein Wort zu sagen vermochte , hatte sie das Zimmer verlassen . 17 Aennchens Genesung schritt rasch vorwärts ; gleichwohl wurde Felicitas ihres Wärteramtes noch nicht enthoben . Die Kleine , sonst ein stilles , geduldiges Kind , wurde heftig und aufgeregt , sobald das junge Mädchen das Zimmer verließ ; es blieb mithin der Regierungsrätin nichts übrig , als Felicitas zu bitten , so lange bei dem Kinde zu bleiben , bis es vollkommen hergestellt sei . Die junge Witwe that dies ohne Zweifel mit um so leichterem Herzen , als der Professor sich im Krankenzimmer fast gar nicht mehr aufhielt . Er kam jeden Morgen , um nach der Kleinen zu sehen , aber diese Besuche währten kaum drei Minuten . Manchmal nahm er das Kind auf den Arm und trug es einigemal drunten im sonnigen , geschützten Vorderhof auf und ab - sonst wurde er wenig im Hause gesehen . Es war , als habe ihn plötzlich eine wahre Leidenschaft für den Garten erfaßt ; seine Tageseinteilung war eine ganz andere geworden ; er arbeitete früh nicht mehr in seinem Zimmer - wer ihn sprechen wollte , wurde hinaus in den Garten geschickt . Frau Hellwig fügte sich seltsamerweise der Marotte , wie sie diesen Umschlag nannte , und richtete es zur großen Genugthuung der Regierungsrätin so ein , daß nun auch die Hauptmahlzeiten meist im Gartenhause gehalten wurden . Das alte Kaufmannshaus war dadurch zu Zeiten wieder stiller als je ; man kam oft vor zehn Uhr abends nicht nach Hause . Es geschah aber auch manchmal , daß der Professor allein und früher zurückkehrte . Dann hörte ihn Felicitas langsam die Treppe heraufkommen ; sonderbarerweise wiederholte sich dabei stets etwas Eigentümliches - er ging nämlich konsequent einige Schritte wie mechanisch nach dem Krankenzimmer hin , dann blieb er plötzlich mitten im Vorsaale stehen , als besinne