ohne uns etwas zu ver geben ; denn wie Sie nun vermittelst dieser Papiere dem fabelhaften Sohne meines Onkels Harald zu seinem Rechte verhelfen wollen - wie Sie in einem Ihrer Briefe sich auszudrücken die Güte haben , - ist auf keine Weise abzusehen . Das kommt darauf an , welchen point de vue man überhaupt für die Frage nimmt ; erwiderte Herr Timm . Und darf ich bitten , mir den Ihrigen etwas genauer anzudeuten ? Warum nicht ; ich mache mir sogar ein specielles Vergnügen daraus . Meiner Meinung nach liegt die Sache etwa so : Ich habe hier eine Reihe von Documenten und Papieren , die nicht nur über das Verhältniß des Baron Harald mit Mademoiselle Marie Montbert das klarste Licht verbreiten , sondern auch in der Hand eines klugen , praktischen Mannes ( wie es jeder beliebige gute Advocat ist ) einen Faden abgeben würden , um über das Verbleiben besagter Marie Montbert , respective ihres Kindes , das heißt also : über das Verbleiben der im Testamente des Baron Harald als Erben von Stantow und Bärwalde bezeichneten Personen eine sichere Kunde zu gewinnen . Was nennen Sie sicher , Herr Timm ? fragte die Baronin . Was sich beweisen läßt , gnädige Frau . Beweisen läßt sich aber , daß die von mir angedeutete Person , in welcher ich durch eine glückliche Verkettung höchst eigenthümlicher , fast wunderbarer Umstände den bewußten Erben gefunden zu haben glaube , erstens : denselben Namen führt , welchen Monsieur d ' Estein ( ich bitte Sie den Brief Nr. 25 einzusehen ) nach der Entführung der Marie Montbert von Grenwitz annehmen zu wollen erklärt ; zweitens , daß ein Mann , Namens Stein , in Begleitung einer jungen Person , welche für seine Frau , und eines Kindes , welches für seinen Sohn galt , kurze Zeit nach Baron Haralds Tod in W. einwanderte . Woher wissen Sie das ? fragte Felix . Weil ich selbst in W. gewesen bin und die alte Frau gesprochen habe , in deren Haus Herr Stein vom ersten bis zum letzten Tage seines Aufenthaltes in jener Stadt gelebt hat . Weiter . Drittens , daß dieser Herr Stein dieselbe Person ist , welche Marie Montbert von Grenwitz entführte , d.h. Monsieur d ' Estein , der , sich der jungen Dame anzunehmen , einzig und allein das Recht und die Pflicht hatte . Weshalb dieselbe Person ? Weil der Mann , welcher die Entführung bewerkstelligte , genau so aussah , wie der Mann , welcher wenige Monate später in W. einwanderte . Das dürfte denn doch schwierig zu beweisen sein ! rief Felix mit ungläubigem Lächeln . Nicht so schwierig , als Sie vielleicht glauben . Ich habe , ganz zufällig , den Mann aufgefunden , bei dem sich Monsieur d ' Estein - schon damals unter dem Namen Stein - vierzehn Tage lang aufgehalten hat , um die Gelegenheit in Grenwitz zu erspähen , und der auch hernach in der Nacht der Entführung das Paar in seinem Wagen von Grenwitz bis an die Fähre , über die Sie heute noch gekommen sind , gebracht hat . Dieser Mann heißt Clas Wendorf , wohnt in Faschwitz und ist Jedermann , auch dem Pastor Jäger , als ein durchaus glaubwürdiges Individuum bekannt . Eine Confrontation dieses Mannes mit der Frau Pahnke in W. würde die Indentität des Entführers der Marie Montbert , d.h. des Monsieur d ' Estein , mit dem französischen Sprachlehrer Stein in W. bis zur Evidenz klar machen . Die Baronin und Felix warfen sich während dieser Auseinandersetzung Blicke zu , welche die Bestürzung , in die sie durch die unwiderstehliche Logik von Herrn Timms Argumenten versetzt waren , deutlich genug verriethen . Sie haben die vier Wochen gut angewandt ; sagte Felix . Es geht so , sagte Herr Timm gemüthlich . Die Tage sind jetzt schon ein wenig kurz . Ueberdies mußte ich , um mein Versprechen zu halten , Niemand in die Sache blicken zu lassen , bevor ich Ihnen vollständige Mittheilung gemacht hatte , bei den Erkundigungen , die ich einzog , sehr vorsichtig zu Werke zu gehen . Wenn wir hernach ohne diese Vorsichtsmaßregeln operiren und alle Hilfsmittel , die uns das Gesetz an die Hand giebt , benutzen können , so läßt sich in vier Tagen mehr thun , als jetzt in eben so viel Wochen . Und Herr Timm rieb sich vergnügt die Hände . So denken Sie wirklich daran , diese abenteuerliche Geschichte in ' s Publikum zu bringen ? sagte Anna-Maria mit einem Ton , der ironisch sein sollte . Ich verstehe Sie nicht , gnädige Frau , erwiderte Herr Timm mit einer Miene treuherziger Einfalt , die ihm in einem Lustspiel den Applaus der Kenner des Parquets eingetragen haben würde . Ich meine : beabsichtigen Sie in der That gegen unsern Wunsch und Willen eine Familienangelegenheit , die doch uns allein angeht , die nebenbei schon seit vielen Jahren begraben und vergessen ist , der Oeffentlichkeit , das heißt dem Gespött und dem Geklatsch plebejischer gemeiner Menschen preiszugeben ? Der Applaus der Kenner würde sich bei weiterer Beobachtung von Herrn Timms ausdrucksvollem Gesicht erneuert haben . Gegen Ihren Wunsch und Willen - eine Angelegenheit , die Sie allein angeht - ich habe wirklich nicht das Vergnügen , zu wissen , wie ich die Worte der Frau Baronin deuten soll . Ich kann unmöglich glauben , daß es gegen den Wunsch einer Dame von dem bekannten strengen Rechtlichkeitsgefühl der Baronin von Grenwitz ist , wenn der letzte Wille eines Sterbenden heilig gehalten wird ; wenn der Zufall oder die Vorsehung es so fügt , daß dieser Wille gegen alles Menschenerwarten nach so viel Jahren doch noch zur Ausführung gelangt ; ich kann nicht glauben , daß Sie - aber was rede ich denn ? Sie werden mich auslachen , daß ich den Scherz , mit dem Sie meine vielleicht übergroße Dienstfertigkeit ironisirten , einen Augenblick für Ernst genommen habe . Weiß ich