» Chère tante , sie muß doch Dein rothes Shawl sehen . « Und oben die Zimmerchen , es war so niedlich und fein , wie sie es nie gesehen , man fühlte den Fußboden nicht , solche weichen Decken lagen , und Sophas an allen Wänden , und schwere bunte Gardinen machten die Stuben dunkel , daß sie vor der Zeit Licht anzünden mussten . Keine Talglichte , sondern eine Lampe mit gedämpftem Glase , die an der Decke hing . Da hätte das Zimmer erst wunderbar schön ausgesehen . Leider war der Schlüssel verlegt zum Kasten , wo das rothe Tuch lag , und die Tante hatte gemeint , sie müsse es zuerst ein Mal bei Tage sehen , weil die Farben bei Licht ganz andere würden . Auch war ein Besuch gerade eingetreten , ein vornehmer Herr , vor dem es doch nicht schicklich war , Toilette zu machen . Der Herr hatte ihr zuerst gar nicht sehr gefallen , er war klein und hüftenlahm , und ging an einem Stock , der ihm als Krücke diente . Auch sein geröthetes Gesicht mit vielen Pickeln war hässlich . Aber sie hätte auch da bald eingesehen , wie der Schein trügen kann . Er war ein Kammerherr vom Hofe , der Herr von St. Real , den sie schon nennen gehört , der eine gelegentliche Vorfuhrvisite bei der Obristin machte . Er war die Artigkeit selbst gegen die Damen und auch gegen sie . Er sprach so fein und verbindlich , wie sie noch keinen Herrn sprechen gehört , und schien alles zu wissen , denn er lächelte fein zu Allem , was sie sagte , und machte dann eine Bemerkung , woraus sie sah , daß er die Sache kannte . Sie hatte nie geglaubt , daß die vornehmen Herrn so freundlich gegen Bürgerliche wären . Er hatte sich erkundigt , ob sie Klavier spiele und singen könne , und was ihre Lektüre sei , was sie zuerst nicht verstanden . Dann hätte er ihre Eltern sehr gelobt , daß sie ihr keine Romane in die Hände gaben , denn das sei alles nicht wahr , was darin stehe und verwirre die Phantasie . » Und denkt Euch , « fuhr sie auf , » er kennt auch Herrn van Asten ! Denn er fragte , bei wem ich Unterricht hätte ? Und als ich ihn nannte , sagte er , er hätte von ihm gehört , daß er ein sehr verständiger junger Mann wäre . Und den Beweis sähe er jetzt vor Augen . Ich wurde roth . Aber er fuhr fort : das Gute kommt doch wohl nicht alles vom Lehrer , sondern das Beste von den Eltern . Ich war wie übergossen , als er Deinen Namen nannte , Väterchen , und in meiner Verlegenheit fragte ich ihn , ob er Dich denn kenne ? Ich selbst habe nicht die Ehre , antwortete er , aber der Name Ihres Herrn Vaters ist bei Hofe wohl bekannt und sehr gut angeschrieben . « Sie sprang auf , und fiel dem Vater um den Hals : » Väterchen , man kennt Dich bei Hofe ! « Die Mutter wischte eine Thräne aus dem Auge . Der Vater meinte , man müsse auch nicht alles glauben , was die Leute uns ins Gesicht sagen . Nachdem hatte sich der Kammerherr empfohlen , so höflich und fast respektvoll , daß sie sich wieder geschämt , denn gegen die Nichten war er gar nicht so fein . Er hoffe sie ein andermal wieder zu sehen , und die Obristin hatte gesagt , das solle nächstens geschehen , auf eine Tasse Chokolade , wenn ihre Wohnung erst ganz in Ordnung sei , und darauf war sie mit dem Kammerherrn fortgefahren in die Oper . Ein Bedienter sollte Adelheid nach Hause bringen , aber die Nichten hätten es sich nicht nehmen lassen , sie selbst zu begleiten . Der Rückweg sei nun nicht so angenehm gewesen , denn sie wären oft angesprochen worden von unverschämten jungen Männern . Aber die Nichten hätten sie schön zurecht gewiesen : » Schämen Sie sich nicht , anständige Damen zu attaquiren ? « Da hätten die Herren gelacht , aber die Nichten hätten sie um Gottes Willen gebeten , es der Tante nicht wieder zu sagen , denn sie würde sehr böse sein , weil sie die Adelheid wie ihren Augapfel liebte , aber sie hätten es auch ja nur gethan , weil sie sie noch mehr lieb hätten . Die Adelheid hatte in ihrer Aufregung und in ihrer Freude , daß ihr Vater bei Hofe bekannt sei , das Haus und die Straße vergessen . So wusste man noch immer nicht , wo die Frau Obristin wohnte . Fünfzehntes Kapitel . Auch eine Idylle . Der Minister saß in seiner Laube . Die Laube hatte die Aussicht auf den sehr großen Garten , von dem nur der kleinere Theil von Gärtners Hand in Blumenbeete und Weingelände geordnet war . Auf durchschnittenen Wiesen weideten Kühe mit Schweizergeläut . Vor dem Minister stand ein Tisch mit Akten und Schreibzeug . Neben ihm saß die Frau Ministerin . Der Minister saß in einer hellen linnenen Jacke und groben Haus- oder Gartenschuhen . Das Aktenstück lag schon lange aufgeschlagen vor ihm , die Dinte in der Feder war eingetrocknet , und der Kanzleibote hinter der Laube wartete eine halbe Stunde auf die Unterschrift des Citissime - denn der Minister horchte , den Kopf im Arm , auf das Schweizergeläut . Die Ministerin , in einem so einfachen Hauskleide , daß man sie für eine einfache Bürgerfrau gehalten hätte , wenn nicht ihre Haube mit Brüsseler Spitzen besetzt gewesen , und ein Mullumwurf den bloßen Hals bedeckte , strickte eifrig . Sie strickte blauwollene Strümpfe , und erzog ihre Kleinen , die an der Laube spielten . Wenn sie sich mit Sand warfen , sollte sie den Streit schlichten , und doch dabei auch auf die älteste Tochter horchen