so drohenden Gefahr entgegentreten zu sehen . Endlich fiel ihr ein , Otto zu benachrichtigen , ihm einen Expressen zu senden . Im Begriff , einige Zeilen aufzusetzen , um ihn nach Bern zu berufen , überfiel sie ein neues Schwanken . Würde er zeitig genug kommen ? Sie stand noch unschlüssig am Schreibtische , als Duguet meldete , daß der alte Herr Professor im Salon sei . Wer ist noch drüben ? fragte sie mechanisch . Die beiden jungen Damen und Herr Gotthard . Gottlob ! Heute gedenkt er also nichts in der unseligen Sache zu unternehmen ! sagte sie zu sich selbst . Drüben war Alles heiter . Der alte Professor erzählte und neckte die Mädchen ; Gotthard war gesprächig , aufmerksam und freundlich ; die vorhergegangene Stunde trat weit zurück und barg sich hinter ihre Schwestern ; in der Gegenwart schien Alles behaglich . Im Kamin knisterte die auflodernde Holzflamme , auf dem Tische standen schon Frühlingsblüten . Der Professor machte Vrenely eine emphatische Beschreibung Basels ; Paris und London fielen ganz daneben weg . Gotthard war zum ersten Male gesellig-liebenswürdig , er entfaltete ein hinreißend komisches Talent , sowol im Vortrag einiger Reiseabenteuer , als in Darstellung der darin vorkommenden einzelnen Persönlichkeiten . Er und der Professor warfen einander das Gespräch zu , wie einen bunten Spielball ; Leontine und Vrenely bildeten ein höchst dankbares Publicum . Zum Glück kam niemand Fremdes ; die Zeit verging Allen ungewöhnlich rasch und man trennte sich spät . Erst auf ihrem einsamen Stübchen fiel Annen die Möglichkeit bei , daß Gotthard sie absichtlich sorglos gemacht habe , daß seine Neigung ihr ein Opfer gebracht . Sie flog an ' s Fenster ; drüben brannte , wie allabendlich , seine stille Studirlampe . Aber die sorgende Liebe hat Argusaugen ! Anna kannte gewisse Bewegungen am Schatten , wenn Gotthard ein Buch vom Schreibtischregal herunterlangte , oder einen beschriebenen Bogen weglegte ; sie wußte genau die Zeit , wo der Docht trüber zu brennen begann und er Oel zugießen mußte . Sie erwartete den Schatten seiner Gestalt ; es regte sich nichts . Mit immer gespannterer Aufmerksamkeit lauschte sie hinüber , Stunde um Stunde verging in langsam tönenden Vierteln ; mit der wachsenden Angst steigerte sich die Ueberzeugung , daß auch die brennende Lampe zurückgelassen worden sei , um sie zu täuschen , zu beruhigen , und daß er nicht mehr da sei . Aber wo war er ? Großer Gott ! vielleicht war schon Alles verloren ! wußte sie es denn ? Leise öffnete sie ihre Thüre , dichte Finsterniß umhüllte das ganze Haus , sie schlich hinaus über den Flur ; sie war sich selbst nicht bewußt , was sie eigentlich wollte . Vor Allem horchen , ob der Fremde fort sei , ob Gotthard bei ihm in der Bodenkammer , wo er versteckt sein sollte . Die Thüre , welche die von ihr bewohnte Etage von den Uebrigen trennte , war abgeschlossen ; ohne Sophien zu klingeln , konnte sie nicht hinaus . Trostlos kehrte sie zurück , warf sich am Fenster auf einem Fußschemel in die Knie und starrte , die Hände krampfhaft gefaltet , wieder hinüber . Die Lampe war düster geworden und jetzt nahe am Verlöschen ; kein Laut drang durch die öde Nacht , Todesstille überall . Es ward eiskalt im Zimmer , Anna erstarrte nach und nach ganz ; alles Leben zog sich in das glühende , wachende , wartende Auge , das ihr wie eine Kohle in der Stirn brannte . Plötzlich flammte drüben eine strahlende Helle auf , die Vorhänge wurden mit gewaltiger Hand auseinander gerissen . Er war ' s ! Er stand mit dem Lichte in der Hand am Fenster , winkte grüßend , trat einen Schritt zurück , deutete mit der Hand rückwärts , als ob jener fort sei ; er sah erhitzt , aber kräftig und glücklich aus . Nur wenige Secunden dauerte das alles , dann sank der Vorhang abermals und tiefes Dunkel verschlang das ganze Bild . Aber wer vermöchte die blendende Sonne des Glücks in Annens Seele zu beschreiben ! Er war gerettet - und das Werk vollbracht . Es war spät am Morgen , als Sophie die Rouleaux aufzog . Anna hatte sich erst niedergelegt , als der Tag sie , immer noch auf ihrem Fauteuil sitzend , überraschte ; sie war wie nach einem langen Schlafe frisch und klar . Mon Dieu , qu ' elle est belle ! dachte still Sophie , indem sie ihr beim Anziehen behilflich war ; eine laute Bemerkung wagte sie nicht . Nun war sie fertig . Annens Schritt hatte die Elasticität der frühesten Jugend wieder , Augen und Wangen glänzten wie nie zuvor ; es sprach sich ein Gefühl einer so ganz überwältigenden Freude in jeder Bewegung aus , daß man sie fast fragen mußte , was ihr denn Glückliches begegnet ? Madame müssen etwas recht Schönes geträumt haben , sagte endlich lächelnd die alte Sophie . Etwas Wunderschönes , ma bonne , erwiderte Anna . Sie weiß noch nicht , daß er glücklich fort ist , dachte sie mit heimlichem Jubel . Nach beendigter Morgentoilette begann sie nachzusinnen , wie sie die Details der Flucht des Fremden erhalten könne . Sie hatte eine ernste Scheu vor Gotthard , die aus der tiefen Achtung entsprang , die sie für ihn hegte . Er wird nicht kommen , sagte sie zu sich , denn nöthig ist es nicht . Da lag das Paquet mit seinen Schriften noch auf ihrem Schreibtische ; sie verschloß es sorgsam , um - nur etwas zu thun . Leontine kam immer noch nicht ; ihr mußte doch anzumerken sein , welcher Stein vom Herzen ihr die Flucht des Fremden sei . Fast eine Stunde über die gewöhnliche Zeit war vergangen und noch immer war sie nicht da . Jetzt hörte Anna einen leisen Schritt auf dem Corridor , unwillkürlich lief sie Leontinen entgegen , öffnete ihre Zimmerthür und - Kronberg schloß