. Sie war von einer tiefen Herzensreinheit ; nicht von der des Kindes , welches überhaupt von keiner Schuld weiß . Ihr heißes Herz verstand jede Schuld , jede Schwäche - nur nicht für sich selbst . Sie maß sich nie bei , die Absicht des Schöpfers mit den Geschöpfen erkannt zu haben : nur für sich hatte sie dieselbe erkannt und sie lag in dem kleinen Wort : aufwärtsstreben . Jede Gemeinheit der Lüge , der Heuchelei , der Gefallsucht war ihr fremd - eben ihrer reinen Natur nach , welche jeden Schein verachtete , und zu der hatte sie eine Zuversicht , die auf nichts begründet und durch nichts gerechtfertigt war . Was ihr begegnete , nahm sie von höherer Hand gesendet an , um es zu ihrem Besten zu verarbeiten , ohne Jemand dadurch zu beeinträchtigen . Aber wo zieht sich der Faden einer Existenz so einsam hin , daß kein fremder sich mit ihm verschlinge und verwebe ? daß dieser nicht breche , wenn der Knoten in jenem zerrissen wird ? Indessen kam der Brief für Andlau am nächsten Tage nicht zu Stande , wenigstens nicht so , wie es Faustinens Absicht gewesen . Sie wurde im Schreiben überraschend gestört , indem Frau von Stein sich bei ihr melden ließ . Faustine empfing sie äußerst artig , aber jene nahm nicht sonderlich Rücksicht darauf , und begann sogleich damit , ihr zwar in zierlichen Phrasen , allein ganz unverhohlen Vorwürfe über den ungünstigen Einfluß zu machen , den sie auf Cunigunden geübt . Das Mädchen sie nun erst recht in seinem Eigensinn bestärkt , und sowol Feldern , als sie selbst hätten ganz das Gegentheil erwartet . Faustine antwortete mit einiger Befremdung , daß sie Cunigunden gar keinen Rath gegeben , weil er nicht von ihr verlangt sei , und daß sie das Mädchen schon allzu entschieden gefunden habe , um glauben zu können , daß ihr oder irgend ein anderer Rath von bestimmender Wirkung sein könnte . » Aber nur eine Kranke konnte ich nicht in dem schönen , edlen Geschöpf erblicken , « fügte sie hinzu , » und das mag allerdings sie erkräftigt haben . « » Jede Ueberspannung ist Krankheit der Seele , « fiel Frau von Stein ihr ins Wort ; » und Ueberspannung ist Alles , was uns durch überfeinerte Ansprüche an Glück unserer Bestimmung entfremdet , wol gar entzieht . Cunigunde ist unbemittelt und ihre Zukunft durch nichts , als durch eine Heirath zu sichern . Für jedes Madchen ist es wünschenswerth und ehrenvoll , die Gattin eines so wackern Menschen zu werden , wie Feldern . Ich aber wünsche nicht blos Cunigundens , sondern auch ihrer Schwestern wegen , meine älteste , schönste Tochter zu verheirathen ; denn die beiden jüngern werden stets durch sie in Schatten gestellt sein , wenn sie im älterlichen Hause bleibt . Mir muß das Glück all meiner Kinder am Herzen liegen , und ist die Eine thörig , so dürfen die Andern nicht darunter leiden . « » O Gott , « seufzte Faustine , » Cunigunde leidet aber . « » Ja , gegenwärtig , weil unser Aller Mißvergnügen sie drückt . Hat sie sich nur erst überwunden und den Schritt gethan , welcher ihr jetzt unmöglich scheint , so wird ihr reines Herz in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht die nöthige Stärke und Erhebung finden , um sie mit ihrem Schicksal auszusöhnen . Und überdies geht sie ja keinem entsetzlichen Schicksal entgegen . Feldern ist ein Mann , den eine verständige Frau lenken kann , wie sie will - « » Führe uns nicht in Versuchung ! « sagte Faustine mit einem Ton , vor dem Frau von Stein unwillkürlich verstummte . Nach einer Pause , in welcher Beide sich scharf fixirten , sagte Faustine : » Den geliebten Mann zu beherrschen , ist ein momentaner Triumph unsres Herzens , das mit seiner Glut zuweilen den fremden Widerstand schmilzt und doch schon heimlich bereit ist , den errungenen Scepter niederzulegen . Den ungeliebten Mann zu beherrschen , ist eine Entwürdigung , weil nur zwei niedrige Mittel diese Herrschaft geben können : die Heuchelei der Frau , die Sinnlichkeit des Mannes ; - und sie anwenden zu müssen wäre kein entsetzliches Schicksal ? Wenn alle Welt sagt , der Mann ist glücklich dadurch ! und wenn er selbst sich vollkommen glücklich fühlt ! und wenn es die höchste Ehre einer Frau ausmacht , den Gatten zu beglücken - so sage ich dennoch , durch diese Mittel ist die Frau entwürdigt - nicht vor der Welt , denn was weiß die Welt von einem reinen Herzen ? und das allein giebt Adel und Würde ; - aber vor sich selbst . Haben Sie doch Mitleid mit Ihrer Tochter , führen Sie nicht sie in Versuchung . « Aber Faustinens Ansichten konnten keinen Eindruck auf Frau von Stein machen , welche ihr Leben lang nach den entgegengesetzten gehandelt hatte . Sie sagte daher : » Bei der schneidenden Verschiedenheit unserer Meinungen werden Sie sich gewiß nicht wundern , Frau Gräfin , wenn ich wünsche , daß meine Tochter keinen fernern Gebrauch von Ihrer Erlaubniß macht , Ihren Umgang fortzusetzen . « Faustine sagte traurig : » Also nicht einmal mich sehen soll die arme Cunigunde ? .... Wenn es ihr nun aber eine Freude wäre ? « setzte sie bittend hinzu . » Ich begreife nicht , « entgegnete Frau von Stein scharf , » welch seltsames Interesse Sie an meiner Tochter nehmen . « » Ich liebe das Liebenswürdige « - sprach Faustine sanft . » Doch hat es einen gehässigen Anstrich , störende Verhältnisse zu begünstigen . « » Der Vorwurf trifft mich nicht « - sprach sie noch sanfter , und sogar Frau von Stein wurde entwaffnet durch ihre Anmuth , und schied freundlicher , als sie gekommen , aber unerschütterlich in Betreff Cunigundens . Kaum war Faustine allein , als sie einen Brief erhielt . Die Aufschrift von unbekannter Hand