sei , die Wahrheit einigermaßen beiseite zu stellen . Was den andern Ordensritter betrifft , so hatte dieser nach jener mystisch-lustigen Nacht , als deren Anstifter er sich den unschuldigen Hermann einbildete , mit ihm zu schmollen versucht . Bald aber wich dieser künstliche Zorn , und , als ob Torheit fester verknüpfe , denn Vernunft : sie wurden noch beßre Freunde , wie vorher . Gewöhnlich brachte Hermann , wenn die Gesellschaft auseinandergegangen war , noch einige Stunden bei Wilhelmi zu . Dieser war ein erklärter Liebhaber alles Alten und Veralteten ; er besaß die seltensten Sachen und Pergamente . In einer solchen Zusammenkunft holte er eine Urkunde herbei , woraus sich das schönste Licht über die großen Bauverbrüderungen des Mittelalters verbreitete . Alles war darin bestimmt : wie der Gesell dienen solle , wie jeder verpflichtet sei , sein Zeichen zu führen , wie Hader , Schimpf und Unzucht in der Hütte zu meiden , wie wenn einer der Bauleute mit einer anrüchtigen Person notwendig sprechen müsse , er sich mit ihr über Hammerwurfsweite vom Bauplatze zu entfernen habe , und was dergleichen Vorschriften mehr waren , welche alle auf die strengste , sittlichste Geschlossenheit des Handwerks Bezug hatten . Das Himmlische schwebte auch hier über dem Irdischen . Die Verehrung der heiligen drei gekrönten Baumärtyrer : Claudius , Simplicius und Castorius , welche lieber sterben , als einen heidnischen Tempel bauen wollten , war zur unerläßlichen Pflicht gemacht ; kein Tag sollte , ohne sie anzurufen , begonnen werden . » Schöne Denkmale einer untergegangnen Zeit ! « rief Hermann . » Man verwundert sich weniger über jene Riesengebäude , wenn man dergleichen Urkunden durchliest . Und noch klarer begreift man , daß sie jetzt nicht mehr nachzuahmen sind , und daß alle Versuche dieser Art schwach und kindisch ausfallen . Aber was hilft es , Unwiederbringliches zu beklagen ? Wir müssen doch vorwärts ! Niemand kann in den Leib seiner Mutter zurückkehren . « » Und doch müssen die Zünfte wiederhergestellt werden , wenn wir überhaupt noch künftig vor Wind und Wetter geschützt wohnen wollen « , sagte Wilhelmi . » Jetzt , wo jeder baut , wie er Lust hat , sind wir nahe an den Stand der Nomaden zurückgeführt . Das ist auch eine von den Früchten der gepriesenen Gewerbefreiheit , die denn wieder zu den Blüten unsrer Kultur gehört . Aber diese sogenannte Kultur scheint mir nur eine andre Barbarei zu sein , der wir entgegengehn , oder vielleicht schon verfallen sind . Denn , wenn die frühere darin bestand , daß niemand oder wenige etwas wußten , so ist die jetzige wohl nicht minder beklagenswürdig , wo alle zu verstehn glauben , was kaum einer oder der andre überwältigt . Das ist eben das traurige Gefühl , was man gar nicht los wird , daß man die Nichtsnutzigkeit der Gegenwart immer empfinden muß und mit seinem Verstande sich doch vorhält , wie schwierig eine Restauration dessen sein möchte , was vor der Welt freilich zur Ruine geworden ist . « » Auch der Adel ist so eine Ruine « , sagte Hermann . » Ich muß immer lächeln , wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Würden sich brüsten sehe . Was macht den Adel ? Die Abgeschlossenheit , das Kastenmäßige . Nun aber haben die Bessern sich längst mit dem gebildeten Mittelstande vermischt . Nirgends finden Sie noch in der guten Gesellschaft den Unterschied der Stände . Leben wir hier auf unserm Schlosse anders , als in einer anständigen Bürgerfamilie ? Erinnert irgendeine Etikette daran , daß wir mit Gliedern eines der ältesten Häuser unsres Vaterlandes Umgang pflegen ? « Wilhelmi lachte bitter . » Sie Neuling Sie in der Welt , trotz aller Reisen und Bekanntschaften ! « spottete er . » Ja freilich ist der Adel im Kern verwest , aber das Gehäuse steht noch aufrecht , und man kann sich daran noch immer die Stirn einrennen . Die Lebensluft der Aristokratie ist der Egoismus . Andre Menschen sind selbstsüchtig aus Not , böser Gewöhnung , angeeigneter Maxime . Der Edelmann ist es von Natur , er muß es sein ; mit der Muttermilch saugt er , wie etwas sich von selbst Verstehendes die Überzeugung ein , daß er da sei um seiner selbst willen , und daß er die Kräfte andrer von Rechts wegen benutzen dürfe . « Hermann sah ihn voll Verwundrung an . » Es macht Sie stutzig , daß ich so rede « , fuhr Wilhelmi fort . » Ich bin alt und verkümmert , und wäre wohl ein Stück weiter , wenn man in mir je etwas andres gesehen hätte , als ein Lasttier ; denn der Gelegenheiten gab es genug , mir fortzuhelfen . Und so liefre ich in meiner Person und durch meine Tagelöhnerei eben recht den Beweis für den Satz . « Der Adelsfeind würde noch länger in diesem Tone fortgesprochen haben , wenn nicht plötzlich wieder aus der Wohnung des Arztes das düstre Lied erklungen wäre , welches Hermann schon einmal ungefähr um dieselbe Stunde gehört hatte . Wilhelmi horchte auf , und geriet in eine wilde Lustigkeit . » Nichts als Kontraste ! « rief er ; » feuriges Eis , frierendes Feuer ! Hier ein armer Bürgerlicher , der den Adel haßt , und sich doch für die Hochgebornen totschlagen ließe , dort der ärztliche Verstand , der mit aller seiner Kälte sich vor der unsinnigsten Leidenschaft nicht zu schützen vermocht hat ! Weil er nicht selbst Dichter ist , paraphrasiert er den Byron , und schüttet dessen Schmerzenstöne verdeutscht in die Lüfte ! « » Der abgelebte ausgetrocknete Mensch ! Sagen Sie mir , wen liebt er ? « » Wen ? - Wen er liebt ? Wenn Sie es wissen wollen : die Herzogin ! Nun machen Sie noch einen recht widersinnigen Streich , dann können wir Terzett singen ! « Sechzehntes Kapitel Ein für allemal war täglich eine Stunde bestimmt , worin Hermann der