. Die Augen traten ihr über wie damals in der Grotte , wo die noch getrennten Elemente ihrer Liebe , durch Noltens unwiderstehliche Glut aufgereizt , zum erstenmal in volle süße Gärung überschlugen und alle Sinne umhüllten . Sie hatte nichts zu beweinen , nichts zu bereuen , es waren die Tränen , die dem Menschen so willig kommen , wenn er , sich selbst anschauend , das Haupt geduldig in den Mutterschoß eines allwaltenden Geschicks verbirgt , das die Waage über ihm schweben läßt ; er betrachtet sich in solchen Momenten mit einer Art gerührter Selbstachtung , die höhere Bedeutsamkeit einer Lebensepoche macht ihn in seinen eigenen Augen gleichsam zu einem seltenen Pflegekinde der Gottheit , es ist , als fühlte er sich hoch an die Seite seines Genius gehoben . Lange , lange noch starrte Constanze , stillversunken , einer Bildsäule gleich an die Fensterpfoste angelehnt , hinaus in die schöne Nacht . Jetzt überwältigte sie der Drang ihrer Gefühle ; sie sank unwillkürlich auf die Kniee nieder , und indem sie die Hände faltete , wußte sie kaum , was alles in ihrem Innern durcheinanderflutete ; und doch , ihr Mund bewegte sich leise zu Worten des brünstigen Dankes , der innigsten Bitten . Nachdem sie sich wieder erhoben , glaubte sie , der Himmel wolle ihr in der ruhigen Heiterkeit , wovon ihre Seele jetzt wie getragen war , Erhörung ihres Gebets ankündigen . In der Tat , jetzt war sie auch beherzt genug , um endlich nicht länger die Frage abzuweisen : was denn zuletzt von dieser Liebe zu hoffen oder zu fürchten sei ? was es mit Theobald , was es mit ihr werden solle ? Sie stellte sich aufrichtig alle Verhältnisse vor , sie verschwieg sich keine Bedenken , keine Schwierigkeit , sie wog jegliches gegeneinander ab , und mehr und mehr vertraute sie der Möglichkeit einer ehrenvollen und glücklichen Vereinigung , ja , wenn sie sich genauer prüfte , so fand sie diese Hoffnung längst vorbereitet im Hintergrund ihrer Seele gelegen . Aber nicht allzukühn durfte sie ihr sich überlassen , denn schon der nächste Augenblick wies ihr so manches Hindernis , worunter der Adelstolz der Familie keineswegs das geringste war , in einem strengeren Lichte , als es ihr noch kaum vorher erschien . Es bemächtigte sich ihrer eine nie empfundene Angst ; sie wollte sich für heute der Sache ganz entschlagen , sie griff nach einem Buche : umsonst , kein Gedanke wollte haften ; Mitternacht war vorüber ; sollte sie sich niederlegen , schlafen ? Es wäre unmöglich gewesen , so bang , so heiß und unbehaglich wie ihr war . Ich will Emilien wecken , fiel ihr endlich ein , das Mädchen soll mit mir plaudern . Sie bedachte sich um so weniger , die Gesellschaft des Kammermädchens zu suchen , da zu ihrer Verwunderung wirklich noch der Schein eines Lichtes in dem Erker zu sehen war , wo jene schlief . Sie ging leise über den Gang , öffnete das Kabinett und fand das Mädchen fest eingeschlafen im Bette , daneben das Licht , ausflammend in den Leuchter hinabgesunken . Eine offene Brieftasche und eine Anzahl zerstreuter Blätter lag unter den Händen der Schlafenden . Auf einen Anruf erwachte diese , heftig erschrocken , und ihre erste Bewegung war , schnell Tasche und Papiere zu verbergen , so daß Constanze dadurch aufmerksam gemacht , gelassen fragte : was sie hier gelesen ? » Ach ! « war die bebende Antwort , » zürnen Sie nicht , gnädige Frau ! es sind alte Briefe , die ich nach langer Zeit einmal wieder vornahm , und darüber muß der Schlaf mich überrascht haben - wieviel Uhr ist es doch ? « » Wieviel ? « sagte Constanze , sie scharf ansehend , » ich denke es ist halb - gelogen , was du da sprichst . Laß doch sehen ! « » O bitte , liebste , süße gnädige Frau ! ich habe ja gewiß nichts Unrechtes - aber erlassen Sie ' s mir ! « » Nichts weiter , mein Kind , verlang ich , als einen Blick , mich zu überzeugen . « So reichte denn Emilie mit Zittern alles hin , indem sie in lautes Weinen ausbrach . Aber Constanze , wie mußte sie erschrecken , als der Anblick der Tasche , als die goldgedruckten Lettern T. N. auf der dunkelblauen Saffiandecke zur Genüge den Eigentümer bezeichneten . » Wie kommst du zu diesem ? « fragte sie , mit Mühe ihre Verlegenheit bergend . » Drüben « , schluchzte das Mädchen , » wo die Herren heute das Spiel machten , lag die Tasche hinter dem Schattenspielkästchen , ich wollte mir nur die bunten Gläser ein wenig besehen , und da - nun da nahm ich - « » Hinter dem Kästchen , sagst du ? « » Ja ja , gnädige Frau ! ich sage nun die reine Wahrheit , es hälfe mir ja doch nichts mehr , und aufgeschlagen lag sie da , ganz nachlässig , als hätte man sie eben erst gebraucht und dann vergessen ; - richtig ! die Bleifeder war auch herausgenommen , sie muß noch auf dem Tischchen zu finden sein . Wahrhaftig , wäre nicht alles so offen dagelegen , ich hätte mich nicht unterstanden . « » Eine Entschuldigung ist das in keinem Falle . Indessen - blieb nichts mehr zurück ? Sieh im Bette nach ! « » Sie haben das letzte Papierchen . « » Ich werde das zu mir nehmen bis morgen . Lösche dein Licht . Gute Nacht ! « - Unwillig und ängstlich eilte sie auf ihr Zimmer . Daß das , was sie in Händen hielt , Nolten zugehöre , zweifelte sie keinen Augenblick ; auch wie es zu dem Larkensschen Apparate gekommen , erklärte sie sich leicht daher , daß Theobald einmal hinter die Gardine getreten war , um mit irgend etwas auszuhelfen , wobei er vielleicht der Tasche bedurfte