; und damit gieng er ohne weiteres zum Zimmer hinaus in sein Komtoir . Anna freute sich des leichten Sieges , und war dabei billig genug , nicht mehr zu fordern als sie eben bedurfte , denn sie glaubte , mit dieser stummen Bewilligung könne sie völlig zufrieden sein , und sie ohne alles Bedenken benutzen . Der Morgen des zu Raimunds Abreise bestimmten Tages brach endlich an , und die Liebenden sahen in den lezten Minuten vor dieser sich wieder , denn so hatten beide es gewollt . Doch welch ein Wiedersehen war das ! Wiederfinden und Trennung , Seeligkeit des Himmels und unaussprechlich tiefes Leiden , drängten auf der Spitze eines einzigen kurzen Augenblicks sich zusammen . So gränzen in dem Stunden-Dasein der Ephemere die erste Regung des Lebens und das Erstarren des Todes enge an einander . Seelig und trostlos , ohne Worte und doch unendlich beredt , hielten Raimund und Vicktorine sich umfangen bis die Stunde der Trennung schlug . Die Tante hörte den Ton der Glocke , die sie verkündete , sie hatte so lange in sich versunken da gesessen , jezt richtete sie sich auf und ihr Blick fiel zuerst auf Raimund . Ein die Wolken durchbrechender schwacher Sonnenstrahl verklärte in diesem Augenblick die schmerzlich bewegten Züge seines edeln Gesichts ; Anna fuhr wie von einem gewaltsamen Schmerz plötzlich ergriffen schaudernd zusammen , und ihre Hand zuckte unwillkührlich nach ihrem Herzen , während ihr Auge mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an Raimunds trüber Gestalt hieng . Ein halb unterdrückter Schmerzenslaut drängte sich ihr aus tiefster Brust herauf , sie schwankte erbleichend und drohte zu sinken . Erschrocken eilten Vicktorine und Raimund sie zu unterstützen und sie aufs Sofa zu geleiten , doch sie erholte sich noch früher , indem ein Strom von Thränen ihrem bangebeklommnen Herzen Erleichterung zu gewähren schien . Jezt drückte Raimund noch einmal die vereinten Hände beider ihm so theuren Wesen an seine brennenden Lippen , an seine hochschlagende Brust , und entfernte sich dann schnell . Sie sahen die geliebte Gestalt durch die Thüre verschwinden , die sich in langer Zeit nicht , vielleicht nie wieder , ihr öffnen sollte . Raimunds Schritte tönten den langen Corridor entlang , immer schwächer , immer mehr aus der Ferne . Vicktorine ohne einen Laut von sich zu geben , horchte dem Ton bis er sich ganz verlor , dann warf sie sich in die geöffneten Arme , an die treue Brust , die fast eben so bewegt als ihre eigene , mit nicht minder heftigem Schmerz zu ringen schien . Das Schreckbild einer weiten gefahrvollen Reise des Geliebten , das vor wenigen Wochen Vicktorinen fast zu Tode geängstigt hatte , war jezt zur Wirklichkeit geworden . So , sagt man , glauben die Perser , daß jedes ausgesprochne Wort zu einem geisterartigen Wesen sich umwandle , welches unabläßig so lange die Welt bis an die Pforten des Paradieses durchstreife , bis es zur That sich gestaltet habe . Indessen war es doch merkwürdig , wie Vicktorine diesen wahrhaften Schmerz mit weit größerer Fassung ertrug , als jenen erträumten , der sein Vorbild gewesen war . Daß sie mit Bewußtsein , aus freiem Willen , ihn auf sich genommen , erleichterte ihn ihr vielleicht nicht minder , als die innige Theilnahme ihrer mütterlichen Freundin ; vor allem aber erhob die Hoffnung einer aus diesem Opfer entspringenden glücklicheren Zukunft sie über sich selbst , und wiegte die oft bis zur Ungeduld sich steigernde Sehnsucht wieder zur Ruhe ein , von der sie in einsamen Stunden nur gar zu oft sich ergriffen fühlte . Ihr körperliches Befinden bedurfte jezt keiner besonderen Pflege mehr , doch ihr Gemüth bedurfte der zartesten Schonung , und diese fand sie nur bei der Tante und ihrer Angelika . In den stillen geräuschlosen Abendstunden , welche Babet und Agathe jezt öftrer als sonst außer dem Hause , bei ihren Freundinnen , zubringen durften , gab die Tante den Bitten ihrer beiden Lieblinge gerne nach , und nahm den Faden der Geschichte ihres Lebens dort wieder auf , wo sie am ersten Abende ihn hatte fallen lassen . Wir geben ihre Erzählung so viel möglich mit ihren eignen Worten , doch ohne der Zwischenreden ihrer Zuhörerinnen oder der mitunter eintretenden Störungen und Pausen weiter zu erwähnen . Fortsetzung der früheren Lebensgeschichte der Tante . » Schwer und undurchdringlich in ihrer Finsternis lastete die Nacht nach jenem furchtbaren Abende auf mir , « sprach Anna von Falkenhayn im Verfolg ihrer Erzählung . » Sie schien nimmer enden zu wollen und meine brennend heißen thränenlosen Augen erstarrten an ihrer von keinem Stern erhellten Dunkelheit , ohne daß es mir möglich gewesen wäre auch nur Minuten lang in tröstendem Selbstvergessen sie zu schließen . Es war die erste Nacht , die ich gefoltert von innern Vorwürfen durchwachte , ihr düsterer Schatten hat sich über mein ganzes Leben verbreitet und ist nie wieder ganz aus demselben verschwunden . Unzählige trübe schlaflose Nächte sind seitdem dieser ersten gefolgt , doch gottlob keine so ganz trostlose als diese , denn nie war ich wieder so durchaus mit mir selbst zerfallen wie damals . Vergebens strebte ich an dem sonst mir eignen Stolz mich wieder aufzurichten , vergebens wollte ich eine Thörin mich schelten und die Last leicht zu nehmen suchen , die mich zu erdrücken drohte . Die glühendste Liebe sprach laut in meinem Herzen , jeder Schlag desselben erhöhte das Gefühl der bittersten , an Selbstverachtung gränzenden Reue , und mein ehemaliges eitles Bewußtsein verschwand unter der angestrengtesten Bemühung es fest zu halten . Endlich kam der Tag ; jedem auch dem unglücklichsten Wesen pflegt er wenigstens für einen kurzen Moment Muth und Trost zu bringen , und auch ich begann jezt zu hoffen , Bernhard könne so nicht auf immer von mir geschieden sein , oder ich suchte es vielmehr mir selbst wahrscheinlich zu machen , daß ich diese Hoffnung noch hege . Ich stand auf um nur so schnell als möglich jedes nächtliche Grauen abzustreifen