den Schatten der Vergangenheit , wenn auch nicht mich rechtfertigend , doch mich entschuldigend , vor Sie zu treten . Werfen Sie einen Blick der unpartheiischen Prüfung auf meine erste Jugend , die mich ohne Grundsätze , ohne Festigkeit , ohne eine leitende Hand , die mich vom Abgrund der Verführung zurückgehalten hätte , in das betäubende Gewühl der großen Welt stieß , und mich bei lebhaftem , leicht gereiztem Gefühl allen Gefahren schlechter Gesellschaft , allen Lockungen glänzender Zerstreuungen Preis gab . Früh hatte ich meine Aeltern verloren , und nur wie ein immer undeutlicher werdender Traum dämmerte das Andenken der Lehren meiner frommen Mutter in meiner Seele , um bald von dem wüsten Treiben eines geräuschvollen Lebens verdrängt , obgleich nicht völlig verlöscht zu werden . Die Verhältnisse meines Standes , und das Vermögen , dessen Gebrauch , oder vielmehr Misbrauch mir von einem allzunachsichtigen Vormund schon sehr früh gestattet wurde , bahnte mir die gefahrvollsten Wege , und ich gerieth in Verbindungen , die in meinen Augen dem Heiligen seine Glorie , der Reinheit ihren Glanz , der Unschuld ihren Schleier entrissen . Das Leben in seinen tausendfachen Gestaltungen zu beobachten , und es in seinen leisesten Nüancen zu belauschen , schien mir allein der Aufmerksamkeit werth , und da ich viel Unwürdiges unter frommer Hülle entdeckte , dünkte ich mich mitten in der Frivolität eines wenigstens nicht durch Heuchelei befleckten Lebens weniger strafbar und verächtlich , als so mancher , der gleisnerisch den Schein beobachtend , mit Ansprüchen auf äußere Tadellosigkeit ein wohlgegründetes Recht auf innere Geringschätzung verband . So fand ich oft alle Laster mit der strengsten Ausübung religiöser Gebräuche vereinigt . Dies machte mein Urtheil einseitig , und erklältete mich gegen alle Form , aber Gott starb dennoch nicht in meinem Herzen , wenn auch mein Betragen ihn oft zu verläugnen schien . Aus den bunten Erfahrungen , die ein immerwährender Rausch mich sammeln ließ , bildete ich mir ein System der Lebensphilosophie , das , wie ich meinte , meiner Individualität am genauesten angepaßt war , und das mir genügte , indem es jede Foderung der Moral ausschloß , und es mir als vernünftig darstellte , die Blüthen freier Jugendlust nicht mit den scharf einschneidenden Faden der Pflicht in Straus oder Kranz zu winden , wie die kalte Gewohnheit verjährter Gebräuche es wollte . So im vollen Brausen aller Leidenschaften , die Freiheit als höchstes Gut betrachtend , und noch nicht übersättigt durch die zügellosen Genüsse , die sie mir bot , lernte ich Sie kennen , und früher noch die Absicht meiner Tante , uns zu verbinden . Gewöhnt an die schimmernde Koketterie eitler und blendender Modedamen , hätten nur die schlauen Intriguen einer solchen mich damals unmerklich in den Netzen der List und der Verstellung verstricken können , um mich zu einer immerwährenden Verbindung zu bewegen . Der hohen Einfalt , der stillen Würde Ihres Charakters und seiner oft an ' s Aengstliche gränzenden Schüchternheit gelang es nicht , mich zum Opfer meiner Freiheit zu verleiten , da der geheime Götzendienst der Eitelkeit in meinem Innern keine Nahrung fand , und mir der Sinn noch verschlossen war , der das tiefe und heilige Gemüth hätte erkennen können , das in solchen Zügen sich offenbart . So bebte ein leiser Schauer in mir vor der strengen , schmucklosen Wahrheit Ihrer Gesinnung so wie Ihres Wandels unwillkührlich zurück , und so wenig die Raupe ihr künftiges Schmetterlingsdaseyn zu ahnen im Stande ist , eben so wenig ahnete auch ich , daß spätere Zeiten , mit der Erkenntnis Ihres ganzen Werths , die bitterste Reue , mein Glück leichtsinnig verscherzt zu haben , in mir erwecken würden . Um den Zorn meiner Tante nicht durch Widerspruch zu reizen , beschloß ich , indem ich mich leichtsinniger und verdorbener stellte , als ich war , Ihre gute Meinung von meinem Charakter zu zerstören , ohne die - das wußte ich wohl - eine so fromme Gesinnung , wie die Ihrige , sich nie zu einer Verbindung auf ewig entschlossen haben würde . Der Erfolg rechtfertigte meine teufelische List . Sie wandten sich mit Abscheu von einem Menschen weg , der es frei bekannte , daß er ohne Religion und Grundsätze sei , und der dem Heiligen , was Ihre Seele verehrte , Hohn sprach . Dies unwürdige Spiel noch durch die erheuchelte Betrübnis krönend , mit welcher ich meiner Tante klagte , daß Sie mein Herz verschmäht , meine Hand verworfen hätten , kehrte ich , froh den Fesseln des Ehestandes entronnen zu seyn , in das seelenlose Geräusch der großen Welt zurück , das mich damals fester anzog , als alle Bilder eines reinen häuslichen Glücks in der Perspective meiner Zukunft . Mit bitterem Schmerz , mit nagender Reue war ich mein eigener Ankläger . Darf ich - zur Wahrheit nun zurückgekehrt und durch unauslöschliches Weh versöhnt mit ihr , die ich einst so freventlich verletzte , jetzt auch mein Vertheidiger seyn ? - Nicht lange dauerte der Rausch fort , der mein besseres Selbst umfing . Bald erkannte ich die Nichtigkeit der Freuden , denen ich nachgejagt war , und die Sehnsucht nach einem höheren Glück , als das schale Einerlei eines immer zerstreuten Lebens mir bot , wandte mich ab von dem betretenen Wege , um mich einem besseren zuzuführen . Aber ach , um mit Freudigkeit auf ihm fortzuwallen , hätt ' ich einer leitenden Hand bedurft ! Vergebens streckte ich die meinige aus - kalt , nicht von meinen Leiden bewegt , nicht von meiner Innigkeit ergriffen , nicht durch meine Reue erweicht , zog sich die von mir zurück , die allein mir hätte die Paradiese des Lebens öffnen können . Indessen - ich klage Sie nicht der Härte an , Erna , ohne Sie zugleich zu entschuldigen . Sie kannten mich zu wenig , um das Bild des Frevlers , das noch dunkel im Hintergrunde Ihrer Seele ruhte , von dem Bilde des Gebesserten , im Prüfungsfeuer des