ich mich über unser Verhältniß hinlänglich orientirt hatte , um zu wissen , was sich daraus machen ließe , und was nicht . Im Grunde war es auch nur eine Art von Laune , welche meinem Manne diese Klagen eingab ; denn im Ganzen genommen lebten wir zufrieden und vergnügt , bis der Moment eintrat , der uns für immer trennen sollte . Dies geschah , nachdem wir eilf Jahre zusammen verlebt hatten . War es nun die Überzeugung , daß ich nie an einen anderen Mann gerathen könnte , der mich aufrichtiger liebte , als er , oder lag seiner Forderung irgend eine andere moralische oder religiöse Idee zum Grunde , die mir nicht ganz deutlich geworden ist - genug mein Mann verlangte auf seinem Sterbebette , daß ich mich nie wieder vermählen sollte ; und sobald ich ihm mein Wort gegeben hatte , band er an die gewissenhafte Erfüllung desselben den Besitz seines ganzen Vermögens , von welchem mir nur ein bedeutender Theil werden konnte , wenn die Ansprüche einiger Verwandten in Betrachtung gezogen wurden . Nach seinem Tode entstand die Frage , ob ich verbunden sey , mein Versprechen zu halten . Die Jurisprudenz sprach mich davon los , weil die ganze Sache meinem Gewissen überlassen war ; da ich aber mein Versprechen nicht aus Eigennutz gegeben hatte , und in mir selbst auch nicht die allermindeste Versuchung wahrnahm , über die freiwillig gesetzte Schranke hinauszugehen , so mochten mich meine Verwandten noch so sehr für den einen oder den andern Bewerber interessiren , ich blieb meinem Vorsatz , Wittwe zu seyn , nicht minder getreu . Einmal sagte ich zu mir selbst , daß derjenige , der ein freiwillig geleistetes Versprechen , das er halten kann , nicht hält , gewissermaßen zum Mörder seiner Moralität wird . Zweitens war es mir sehr problematisch , ob ich in einer zweiten Ehe finden würde , was ich in der ersten hatte entbehren müssen . Zwar hatte ich es jetzt in meiner Gewalt , zu verhindern , daß der Unterschied der Jahre die Gleichheit der Gefühle nicht aufhob ; allein lag nicht in dem Mittel , das ich zu diesem Endzweck anwenden konnte , ein anderes noch wesentlicheres Hinderniß der Gleichheit ? Ehemals hatten persönliche Eigenschaften mich wählbar gemacht . Diese waren zwar nicht verschwunden ; allein neben ihnen standen staatsbürgerliche Vorzüge von solcher Bedeutung , daß es ungewiß wurde , welche von beiden in einen höheren Anschlag gebracht würden . Ich verabscheuete aber nichts so sehr , als den Gedanken , einen Mann so sehr in Widerspruch mit sich selbst zu setzen , daß ein Heuchler aus ihm werden mußte . Überall konnt ' ich nie gewinnen , wohl aber verlieren . Dies gerade machte mich vorsichtig . Um aber meinen Vorsatz desto leichter auszuführen , faßte ich den Entschluß , bis zu einem gewissen Alter nirgend häuslich zu seyn ; und kraft dieses Entschlusses haben Sie mich zu Pisa angetroffen , nachdem ich schon seit einigen Jahren umhergereiset bin , die Welt , die ich sonst nur in dem kleinsten Fragment gekannt habe , mehr im Großen kennen zu lernen . Es ist nicht die zweite Ehe , der ich aus dem Wege gehe , sondern die unglückliche Ehe ; denn die Ehe selbst ist nach allen Erfahrungen , die ich darüber zu machen Gelegenheit gehabt habe , so wie das natürlichste und einfachste , so auch das genußreichste und edelste aller Verhältnisse , in welches ich ohne Bedenken zurücktreten würde , wenn ich glauben könnte , daß es für mich einen so unschuldigen Gatten gäbe , als ich eine unschuldige Gattin seyn würde . « Die letzte Bemerkung Eugenia ' s bezog sich auf neue Heirathsvorschläge , welche ihr in Pisa waren gemacht worden . Ob sie darauf eingehen sollte , oder nicht , darüber war sie nicht länger zweifelhaft , sobald der Zufall uns zusammen gebracht , und eine gewisse Sympathie uns mit einander verbunden hatte . Da sie keinen Beruf fühlte , noch länger in Italien zu verweilen , und ich von einer unbestimmten Sehnsucht in mein Vaterland zurückgetrieben wurde ; so vereinigten wir uns leicht , durch das Tyrolische nach Wien zu gehen . Unsere Abreise ging vor sich , sobald die Badezeit vorüber war . Wir kamen ohne Abentheuer in der Kaiserstadt an ; und weil der Aufenthalt in den Hauptstädten für Personen , die der Beobachtung noch nicht überdrüßig geworden sind , immer mit großen Reizen verbunden ist , so nahmen wir uns vor , einige Jahre unter den Wienern zu verleben . Schwerlich hätten wir uns an irgend einem anderen großen Orte so theuer werden können , als in der Hauptstadt der österreichischen Staaten . Hier lebten wir gewissermaßen wie in einer Einöde . Denn nicht genug , daß die Kraft der Hauptstadt eben so auf uns zurückwirkte , als auf die übrigen Bewohner derselben , in sofern sie uns isolirte , fanden wir durch Alles , was wir unsere Eigenthümlichkeit nennen konnten , ein besonderes Hinderniß freundschaftlicher Verbindungen . Dies war die mit Recht verschriene Sinnlichkeit des Volks , unter welchem wir lebten ; eine Sinnlichkeit , über welche wir hinaus waren , und die wir eben deswegen weder theilen noch achten konnten . Ist von den geselligen Tugenden der Wiener die Rede , so lasse ich ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren ; sie sind gastfreundschaftlich und bieder , wie kein anderes Volk , das ich kennen gelernt habe . Allein in diesem Kreise dürften auch alle ihre Vorzüge eingeschlossen seyn ; denn sobald von etwas Höherem die Rede ist , strengen sie sich vergeblich an , es zu fassen , und erliegen ihrem geistigen Unvermögen nur allzubald . Mit dem besten Willen , nur Deutsche zu frequentiren , sahen wir uns genöthigt , unseren Geselligkeitstrieb im Umgange mit französischen Ausgewanderten zu stillen , wofern wir nicht ganz auf uns zurückgebracht seyn wollten . Jahr und Tag war auf diese Weise verflossen , als die französische Gräfin C ... sich