Klagetöne am Fortepiano vernahm , indem sie ein Lied , das sie selbst über ihren Zustand gedichtet und componirt hatte , mit dem himmelsüßen Ausdruck inniger Schwermuth sang , oder wenn er sie , beim raschen Eintritte in ' s Zimmer , mit zum Himmel gebreiteten Armen betend fand , so regte sich der wüthendste Schmerz von neuem . Er drückte sie an seine hochklopfende Brust , und doch schauderte seine sinnliche Natur bei der Annäherung des armen kleinen Ungeheuers zusammen . In seiner Brust war das Mitleiden kein milder Trieb ; es war Leidenschaft , ungestüme , zerstörende Leidenschaft , die seine Kraft zermalmte und sich in sich selbst aufrieb . Rührender noch war der Anblick , wenn die Unglückliche sich bestrebte , ihrem Hauswesen , wie in gesunden Tagen , vorzustehen , und ehe der Mechanismus der Gewohnheit ihren Bewegungen zu Hülfe kam , tappend umher irrte , und oft ganz entgegengesetzte Richtungen nahm . Als einst bei einem solchen Anlasse Lindenhain selbst in Laurettens Augen Thränen sah , stürzte er auf sie zu , und umarmte sie heftig . Laurette aber schämte sich ihrer Rührung , und behauptete , es sei ihr nur Staub in ' s Auge geflogen . Albertine gewöhnte sich allmählich an ihre Lage , und trug mit frommer Resignation , was nicht mehr zu ändern war . Überdem hatte sie die glückliche Gemüthsanlage , an allen ihren Lebenszuständen sich die beste Seite aufzusuchen und sie sich anzueignen . Sie litt jetzt nur noch in ihren Freunden , in ihrem Gatten . Sie entwarf sich einen neuen , ihrem Zustande angemessenen Lebensplan . Adelaide hatte ihr Unterricht auf der Harfe gegeben ; ihr glückliches Talent hatte dieses ihr Lieblingsinstrument sich bald zu eigen gemacht . Sie wechselte mit Musik und Handarbeiten , die sie zur Bewunderung fertig machte . Henriette oder Adelaide lasen ihr vor , oder sie überließ sich ihren eigenen Betrachtungen ; auch gewann sie bald die Fertigkeit , leserlich zu schreiben , und nie war ihre Phantasie reger und blühender gewesen , als da ihr die äußern Eindrücke versagt waren . An schönen Tagen saß sie in den Lauben ihres Gartens und übersah mit den Augen ihres Geistes die ihr bekannte schöne Gegend . Sie hatte in guten Tagen einen Schatz von Ideen und Kenntnissen gesammelt , mit dem sie nun in ihren Leidenstagen wucherte und diese versüßte . Wie ihr Freund Albert an ihr Theil nehmen mußte , sagt uns die vergangene Zeit . Schon war er im Begriff gewesen , die Gegend zu verlassen , weil er aus einigen Winken , die Henriette ihm , ohne es beinahe zu wollen , gab , geschlossen hatte , Lindenhain habe sich selbst nicht genug gekannt , als er seinen Vorsatz , Albertinen nicht mehr zu sehen , ihm ausredete . Als aber das Unglück über seine Freunde ausbrach , wich jede andere Rücksicht ; denn nun war alles anders , und jetzt war es ihm Pflicht , der Leidenden alles zu werden , was er ihr , seiner redlichen Überzeugung nach , seyn durfte . Wenn sie so im traulichen Zirkel um sie saßen und er auf ihre Rede lauschte ; wenn ihr heiterer Sinn und ihr heißes Gefühl für alles Edle und Große wie ein himmlischer Trost in seiner Seele aufging : dann bemerkte er nicht , daß ihre Gestalt verändert war ; dann war sie ihm schön , wie in den ersten Wonnetagen seiner Bekanntschaft mit ihr ; dann sah er nicht die tiefgenarbte Wange , den verzogenen Mund , den dicken rothen Kreis um das ehemals so schöne Auge , aus dem ihm der ganze Himmel gelacht hatte . Ganz anders wirkte der nemliche Anblick auf Lindenhain . Nie warf er den Blick auf Albertinen , daß er nicht zusammen schauderte ; sich ihr zu nähern , kostete ihm Überwindung ; nur was von schönen Lippen kam , fand er geistreich . Die Schärfe des Schmerzes stumpfte sich freilich mit der Zeit ab , ging aber in Verdruß und Abneigung gegen den Aufenthalt in seinem Hause über . Die Eifersucht stachelte ihn jetzt nicht mehr , und es war ihm eben recht , wenn Albert und der ganze Zirkel um Albertinen versammelt war , weil er sie dann unterhalten wußte und seine Gegenwart um so entbehrlicher war . Er wurde ein Jäger ; und zwar so leidenschaftlich , wie er alles in sich aufnahm . Oft kam er erst heim , wenn die Andern den Abendtisch schon verlassen hatten , oder er blieb auch Nächte aus , worauf dann die sanfte Albertine nichts weiter , als seufzend sagte : » Ach , ich kann es ihm ja nicht verdenken ! « - Adelaidens zarter , herrlicher Sinn glänzte in seinem strahlendsten Lichte . Ihre Lage war delikat und ihr Verhältniß zur Familie forderte eine feine Behandlung . In ihrem offnen , unbefangenen Betragen gegen Lindenhain veränderte sie nichts ; es blieb sich gleich . Gleichwohl hatte sie ihn unsäglich geliebt und war zu einiger Erwiederung berechtigt . Jetzt hatte sie der Hülfe bedürftigen Albertine alles zugewendet , was ihr schönes Herz zu geben hatte ; und mehr noch , als kalte Principien , gab ihr ihre schöne Natur ein , was sie dieser , da Finsterniß ihr Auge deckte , jetzt seyn mußte . Nur ungern verstattete man dem Onkel Zutritt zu Albertinen ; er weinte laut , wie ein Kind , und drückte sich so klagend über ihren Zustand aus , daß ihr Gemüth aus seinem Gleichgewicht kam , und wenn sie ihn zu trösten bemüht war , oft laut in seinen Schmerz einstimmte . Neun und zwanzigstes Kapitel Die trübe Scene ein wenig zu erheitern , wollen wir einen Vorfall berichten , der alle in Verwunderung , einige in Freude , andere in Verdruß versetzte . An einem schönen Morgen kam ein ärmliches Fuhrwerk , von lebensmüden Pferden gezogen , vor das Schloß . Aus Decken und Mänteln wickelte sich eine weibliche Gestalt heraus , die