könnte . Schwerlich gibt es eine anspruchlosere Tochter der Natur als die gute Leukonoe . Was sie zu geben hat , ist in ihren eigenen Augen etwas so Unbedeutendes , daß sie sich schämen würde , einen größern Werth darauf zu legen , als meine Ziegenhirtin auf ihren Topf mit Milch . Meine Treue bleibt dir also auf rühmlichere Gelegenheiten vorbehalten ; auch wollt ' ich wetten , du bist von der Unmöglichkeit meiner Untreue so völlig überzeugt , daß es lächerlich wäre , wenn ich jemals damit groß gegen dich thun wollte . Es gibt nur Eine Lais , die alle Arten von Reizen in sich vereiniget , und auf alle mögliche Weise liebenswürdig ist . Ueber wen wollte sie eifersüchtig seyn ? Das ist eine Leidenschaft , die sie ihren Liebhabern überläßt . Aber wehe dem , der nicht gleich bei ihrem ersten Anblick seine Partie darüber nimmt ! Ich weiß wohl , du wirst die stolze Ruhe , womit ich dich in der Welt herumschwärmen sehe , mit dem verhaßten Namen Kaltsinn belegen ; aber ich hülle mich in meine Unschuld . Denn ich bleibe dabei , der ruhige Liebhaber ist der einzige zuverlässige Liebhaber . Bei allem dem ist es nicht einmal wahr daß ich so ruhig bei deiner Reise nach Athen bin als ich vorgebe : nicht , weil du gerade so viel Anbeter dort zurücklassen wirst , als Männer die dich gesehen haben ; und wer wird dich nicht sehen wollen ? Die ganze Welt soll vor dir knien , das ist es ja eben was ich will ! Was ich befürchte ist bloß , daß du gerade den Einzigen , dessen Eroberung dir schmeicheln würde , nicht erobern wirst . Denn daß du sie bereits gemacht hättest , ist doch wohl nur Scherz . Arme Laiska ! Ich fühl ' es schon in allen Nerven , wie es dich kränken würde , vergebens nach Athen gereist zu seyn ! Aber ich fürchte ! ich fürchte ! Diesen Kopf zu verrücken , würde der Göttin selbst , deren sichtbare Statthalterin du bist , nicht möglicher seyn als dir . Ich werde deinen nächsten Brief mit Zittern erbrechen , und kann ihn doch kaum erwarten . 25. Lais an Aristipp . Aber wer sagt dir denn , wunderlicher Mensch , daß ich mir nur im Traum einfallen lasse , den einzigen gesunden Kopf in ganz Griechenland verrücken zu wollen ? - Und wenn ich es könnte , würdet ihr andern desto weiser seyn ? Daß ihr doch alle , ohne Ausnahme , wie es scheint , gar viel dabei zu gewinnen glaubt , wenn ihr einen großen Menschen ein paar Stufen zu euch herunterziehen könntet ; als ob er nicht immer um eben so viel größer bliebe als ihr , wenn er auch auf derselben Fläche mit euch steht . Wie konntest du dir einbilden , ich werde nicht merken , warum du so ängstlich für den Ruhm meiner Reizungen bekümmert bist ? Aber sey ohne Sorgen , mein Freund ! Ich mache keinen Anspruch von einem Manne wie Sokrates anders als nach seiner eigenen Weise geliebt zu werden , und es würde mir unendlichemal weniger schmeicheln , wenn ich , um sein Herz zu gewinnen , ihm vorher den Kopf verrücken müßte . Glücklicher Weise ist die Sache bereits entschieden ; mein Spiel ist gewonnen , und ich bin desto besser mit mir selbst zufrieden , weil ich es ohne hetärische Winkelzüge aufrichtig und redlich gewonnen habe . Doch alles an seinem Ort und zu seiner Zeit ! Es gefällt mir hier so wohl , daß ich gute Lust habe , ein Tagebuch über meinen hiesigen Aufenthalt zu schreiben , und du sollst sehen , daß der weiseste aller Menschen keine schlechte Rolle darin spielt . Ich lebe nun vierzehn volle Tage hier , und von diesen ist kein einziger vorbeigegangen , ohne daß ich deinen Sokrates gesehen und gesprochen hätte . Allenthalben , wo ich zu sehen bin , ist er auch ; in der großen Halle , in der Akademie , im Odeon , auf dem Ziegelplatz , im Piräos , unter den Propyläen , überall wo ich hingehe , find ' ich ihn immer schon da , oder bin doch gewiß , daß er wie gerufen kommen wird . Du lachst , Aristipp , daß ich so einfältig bin , etwas auf meine Rechnung zu setzen , was Sokrates schon seit vierzig Jahren alle Tage zu thun pflegt . - » Man ist es , sagst du , zu Athen gewohnt , ihn aller Orten zu sehen , wo viele Menschen zusammenkommen ; und er würde gar nicht mehr bemerkt werden , wenn er nicht so viel und so laut spräche , daß man ihn wohl hören muß , man wolle oder nicht . « - Aber , mein schöner Herr , daß er mich in acht ganzen Tagen auch nicht ein einzigesmal verfehlt haben sollte , wenn unser Zusammentreffen bloßer Zufall wäre , das sollst du mich nicht bereden ! Und daß er immer nur mit mir spricht , kommt wohl auch daher , weil sonst niemand mit ihm reden mag ? Und daß er , seit ich zu Athen bin , täglich ins Bad geht , und Sohlen unter die Füße bindet , und immer in seinem besten neugewalkten Mantel prangt , hat er wohl auch seit vierzig Jahren immer so gemacht ? - Höre , Aristipp ! ich sage dir , verkümmere mir meine Freude nicht , oder wir bleiben nicht lange gute Freunde ! Das muß ich den Athenern nachrühmen , sie betragen sich , auch seitdem der erste Taumel vorüber ist , mit vieler Urbanität und Artigkeit gegen mich und meine Grazien . Aber freilich , immer in Ungewißheit zu schweben wie ich heiße ? Wer ich bin ? Wo ich herkomme ? Was ich zu Athen zu suchen habe ? Wie lange ich bleiben werde ? Wie es mir da gefällt ? - und einander