konnte , wenn man die Handwerker und sonstigen Lieferanten um Geduld angehen mußte , hatte sie den Vorschlag gemacht , Renatus solle sich von der Garde zu einem der Linien-Regimenter versetzen lassen . Wenn man indessen von der Hauptstadt fortging , wenn man sich also auch aus den Kreisen des Hofes entfernte , so gab man damit alle die Vortheile auf , welche in monarchischen Staaten dem Staatsdiener aus der persönlichen Bekanntschaft mit seinem Herrn gelegentlich erwachsen können , und die man im Laufe der Jahre zu erreichen eben bemüht gewesen war . Eine Versetzung von der Garde zur Linie , eine Uebersiedelung in eine Provinzialstadt ließ sich aber , ganz abgesehen davon , daß sie dem Freiherrn wie ein Herabsteigen erschienen wäre , ohne einen namhaften Geldaufwand auch nicht bewerkstelligen , den man denn , wie die beiden Gatten meinten , doch besser und dem Zwecke entsprechender in der Residenz verwerthen konnte . Man blieb also beständig in einem Zustande des Wollens , des Erwägens , des Hoffens und des Sichtröstens , wenn wieder einmal , wie das mehrmals geschah , eine günstige Aussicht , auf deren Erfüllung man zuversichtlich gerechnet hatte , fehlgeschlagen war . Renatus mochte es Cäcilien nicht empfinden lassen , daß er Sorgen hatte ; Cäcilie bemühte sich , ihm ihr Unbehagen zu verbergen , und mit ihren gegenseitigen Ermuthigungen täuschten sie sich selber und einander . Cäcilie hätte sich ein Gewissen daraus gemacht , der Mutter oder gar der Schwester , die sie ohnehin beide nur selten sah , einen Einblick in ihre Lage zu gestatten , und die Mutter und die Schwester befragten sie nicht darum . Sie waren zufrieden , daß Renatus und Cäcilie sich innerhalb ihrer Mittel mit Anstand zu erhalten schienen , daß die Hülfe und die mannigfachen Förderungen , welche die Gunst der Prinzessin Hildegarden gewährte , es dieser möglich machten , in jedem Jahre die Badereise zu unternehmen , ohne welche sie bei ihren Nervenleiden nicht mehr bestehen zu können glaubte ; und wie denn bei jedem Uebel sich meist noch ein Gutes finden läßt , so fügte es sich , wie Hildegard sagte , doch sehr glücklich , daß sie und Graf Gerhard seit Jahren immer dieselben Badeorte zu besuchen hatten . Der Graf war indessen in seiner Gesundheit durch den Gebrauch der Bäder nicht sonderlich gefördert worden . Die Lähmung seiner Glieder nahm im Gegentheile , wenn auch nur sehr allmählich , zu , und obschon er sich vortrefflich zu befinden behauptete , schüttelten seine Aerzte doch die Köpfe . Seine Zeitgenossen meinten , er sei kein junger Mann mehr und er habe viel mitgemacht ; diejenigen indessen , welche ihn erst in den letzten Jahren hatten kennen lernen oder die im Stande waren , einem Manne um seiner Liebenswürdigkeit willen seine unwürdige Vergangenheit zu vergessen , sagten , Graf Gerhard sei wie alter Wein , der durch die Jahre nur feuriger und anregender werde , und in der That schien er an Lebhaftigkeit des Geistes zu gewinnen , was er an körperlicher Beweglichkeit verlor . Weil er sich nicht gern daran erinnern mochte , daß er ohne Hülfe sich nur mühsam aufrecht halten und bewegen konnte , ging er wenig aus . An jedem Mittage fuhr er eine Stunde in das Freie , gab bei diesem oder jenem Freunde eine Karte ab , sendete der einen Dame ein Buch hinauf , schickte der andern ein Billet mit einer Anfrage zu , und da es in jeder großen Stadt und an jedem Hofe eine Anzahl von Müßigen gibt , die froh sind , ein Stelldichein zu haben , an dem sie eine ihrer leeren Viertelstunden mit ihres Gleichen gemeinsam unterbringen können , so ward durch den Rest des Tages das Zimmer des Grafen von Besuchern selten leer . In dem Plaudern und Schwatzen erfuhr er , was ihm mitgetheilt zu haben man sich kaum bewußt war , und es währte gar nicht lange , bis sich der Glaube festgestellt hatte , daß Graf Gerhard einer der am besten unterrichteten Männer des Hofes sei , bei dem man nicht nur sichere Auskunft über alles , was im Augenblicke geschehe , sondern auch sehr wesentliche Aufschlüsse über die Vergangenheit im Allgemeinen erhalten könne . Es ward Mode , mit dem Grafen bekannt zu sein und ihn zu besuchen , und da die fromme Mildthätigkeit der Prinzessin unter den ihrem Hofstaate angehörenden Frauen auch die Barmherzigkeit zum guten Tone stempelte , so fand man es schön und lobenswerth , als die Gräfin Hildegard , auf eine größere Geselligkeit fast ganz verzichtend , sich freiwillig zur Gesellschafterin ihres alten Freundes machte , der einst bestimmt gewesen war , ihr als Oheim noch näher verbunden zu werden . Sie und ihre Mutter brachten fast jeden Abend bei dem Onkel , wie sie ihn jetzt beständig nannte , zu . Sie machte seine Vorleserin , sie besorgte seinen Briefwechsel , wenn er sich einmal ermüdet fühlte , und einander stützend , tragend und lobpreisend , wo sie vor Dritten von einander zu sprechen hatten , gelangten sie dahin , sich ein Ansehen und eine Geltung , sich eine Anerkennung für ihr gegenseitiges Verhältniß zu erwerben , welche keiner von ihnen für sich allein jemals gewonnen haben würde , ganz abgesehen davon , daß der Gräfin durch ihre täglichen Abendbesuche bei dem Freunde eine ökonomische Erleichterung erwuchs , die sie heimlich doch in Anschlag brachte . Es war früher einmal die Rede davon gewesen , dem Grafen , welchen seine Sprachkenntnisse und seine feinen Umgangsformen sehr wohl zu einem solchen Amte befähigten , zum Kammerherrn der Prinzessin zu ernennen ; seine Krankheit hatte aber die Ausführung dieser Absicht verhindert , während dieser Krankheitszustand doch gerade seine Bedürfnisse erhöhte und ein vermehrtes Einkommen für ihn wünschenswerth machte . Der Graf besaß allerdings ein mütterliches Vermögen , das ihm spät genug zugefallen war , um von ihm vortrefflich angelegt und gut zu Rathe gehalten zu werden ; indeß als jüngerer Sohn war er doch nichts