schließend , rief sie : Wer denkt denn an Scheiden , Eleonore ? Du hast mich ja selbst Deine Schwester genannt ! Du bleibst bei uns , bei Seba , bei Paul , bei mir , bei unseren Kindern ! - Seba , Paul , sagt es ihr doch , daß sie nicht gehen soll , nicht gehen darf , daß sie unser , unsere Eleonore ist ! Sie konnte nicht weiter sprechen , die Gräfin hing an ihrem Halse , Seba legte ihre Hand sanft auf der beiden jungen Frauen Häupter , selbst Paul war sehr erschüttert . Die Blumen aber dufteten ruhig fort , die Bienen tauchten tief in ihre Kelche hinein , und die Nachtigallen lockten und sangen , während in dem leise aufgestiegenen Winde die Zweige der Bäume sich nickend hin und wieder bewegten und die Sonne ihre warmen Strahlen funkelnd durch die Blätter niedersendete . Als Eleonore ihrer wieder mächtig geworden war , hielt sie Paul ihre Hand hin . Er schlug mit festem Schlage ein und schüttelte sie ihr wie einem Manne . Muth , Gräfin ! sprach er mit der vollen Stimme , die schon in ihrem bloßen Klange etwas Ermuthigendes hatte . Die Welt geht nicht unter , wenn ein Stein unter unseren Füßen fortrollt , auf den wir mit Sicherheit treten zu können meinten ! Irgendwo findet sich ein Ast , an dem man sich halten kann , und - er reichte ihr mit schöner , herzgewinnender Freundlichkeit noch einmal seine Rechte hin - zur Noth bin ich auch noch da ! Fragen Sie Seba und Davide , ob ich loszulassen pflege , was ich in die Hand genommen habe ! Lieber , lieber Freund ! rief die Gräfin und blickte wie eine Tochter ergeben und vertrauensvoll zu ihm empor . Was soll ich thun ? Sagen Sie ' s , ich folge Ihnen unbedingt ! Paul machte eine abwehrende Bewegung . Kein blindes Gehorchen , kein unbedingtes Vertrauen , liebe Gräfin ! warnte er . Ich bin kein Priester ! Aber ich würde mich freuen , wenn Sie mir den Brief zu lesen geben wollten , den Sie dem Abbé auf seine heutige Zuschrift senden . Was soll ich ihm sagen ? fragte sie , von dem Gedanken dieser unerläßlichen Annäherung ergriffen und erschreckt . Was soll ich ihm sagen ? Die Wahrheit ! entgegnete ihr Paul . Wird er Eleonore nicht festzuhalten streben ? Wird er nicht Alles anwenden , sie uns zu entreißen ? wendete Davide ein . Gewiß ! aber Eleonore ist ja nicht mehr allein in ihrem stolzen Haughton Castle ! Sie ist in eines Bürgers Hause , sie hat sich ja eben freiwillig als der Unseren Eine unter meinen Schutz gestellt , und wenn wir auch nicht wie sie in ihrem freieren Vaterlande von uns sagen können : » Mein Haus ist meine Burg ! « so bin ich doch Herr in meinem Hause , und sie soll , wie wir alle ruhig leben , ruhig schlafen , und sich frei bewegen unter meinem Dache und unter meinem Schutze , bis sie uns nicht mehr braucht , bis sie gelernt hat , wieder aus eigenem Antriebe ihren eigenen und , ich denke , einen schönen , neuen Weg zu gehen ! Achtes Capitel Nach großen Stürmen pflegen , wie in dem Leben der Völker , so auch in dem Leben der einzelnen Menschen , wenn die aufgeregten Wogen sich geebnet haben , lange und tiefe Windstillen einzutreten , in denen die Wasser sich beruhigen und allmählich so sanft hingleiten , daß man es leicht vergißt , wie es eben noch anders gewesen ist und was unter der glatten Oberfläche in der Tiefe schlummert . Was man erlebte , was man erlitt , wird von dem Einzelnen mehr und mehr vergessen , von der Gesammtheit überwunden und ausgeglichen . Man meint , es sei des Erfahrens nun genug gewesen , man hofft , der gewonnenen Einsicht in Ruhe froh werden zu können , man sieht rund um sich her vielfach ein Wachsen und Gedeihen , und da man ohne sein besonderes Zuthun von dem allgemeinen Elende sein reichlich Theil getragen , so wird man zu der Meinung verführt , daß man auch ohne sein besonderes Zuthun des Guten theilhaftig werden müsse , das sich um uns her entfaltet hat , und daß das allgemeine Wachsen und Gedeihen mit seiner Segensfülle zudecken müsse , was der Eine oder der Andere sich nicht gern eingestehen und gern verbergen möchte . Handel und Wandel standen denn auch , nachdem wenig mehr als ein Jahrzehend seit der Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft verflossen war , wieder in voller Blüthe . Die Industrie und der Landbau waren zu einem Aufschwunge gekommen , von dem man bis dahin in unserem Vaterlande noch kaum eine Vorstellung gehabt hatte , und an der Spitze der bedeutendsten Unternehmungen fand man fast immer das mit jedem Jahre mächtiger werdende Tremann ' sche Handlungshaus . Paul war einer der reichsten und zugleich einer der angesehensten Männer der Stadt und des Landes geworden . Sein Einfluß kam nicht nur dem eigenen Schaffen , sondern auch den Angelegenheiten der mit ihm verbundenen Menschen sehr zu Statten . Er selber hatte sich freilich schon von den Fabrik- und industriellen Geschäften zurückgezogen , die er bald nach Beendigung des Krieges mit Steinert und Herbert gemeinsam unternommen hatte , um sich gänzlich wieder dem großen Geldgeschäfte zuzuwenden ; dafür arbeiteten aber die Söhne und Schwiegersöhne seiner beiden Freunde mit diesen jetzt gemeinschaftlich und einander in die Hände . Eva war , wie sie das gewünscht hatte , in dem alten , auf das beste ausgebauten Amtshause in Rothenfeld mit ihrem Herbert angesessen . Sie sah in behaglicher Ruhe ihrem Lebensabende entgegen , während der junge Steinert , der seine Cousine Angelika geheirathet hatte , und Steinert ' s Schwiegersohn mit seiner Eveline , der Eine auf dem von Rothenfeld jetzt abgezweigten Vorwerke , der Andere in Neudorf sich tüchtig regten . Auf