Traube ? Wo ? Wo ? rief sie . Kinder ! Ich sehe nichts ! Wilhelmine ! Wilhelmine ! ... Aber Fräulein Wilhelmine von Flottwitz stand ihr nicht mit gewohnter Treue zur Seite . Sie war fortwährend mit Dankmar in neckendes Gespräch verwickelt ... Die Fürstin nahm die Lese sehr umständlich und ernst , fast pedantisch . Siegbert mußte ihr den Korb , die Hand , den Schemel halten . Rudhard und Gelbsattel erzählten sich von einer Weinlese bei Naumburg , die sie einst in lateinischer Sprache hätten mitmachen müssen und lächelten über die Erinnerung , wie die Portenser , wenn Einer eben sagte : O quam dulcis haec uva est ! und eine Traube in den Mund herablassen wollten , sie immer vom Andern geraubt bekamen , wobei sie auf Wildungen übergingen , der zu Denen gehörte , denen man nur zu oft den Genuß verdarb , wenn er eben sagen wollte : O quam dulcis haec uva est ! Die eigenthümlichste Erregung unter Allen zeigte Olga . Sie hatte den Trieb , gleichsam die Ehre des ganzen Festes zu vertreten , war hier und dort , sprach mit Dem und Jenem , half überall nach und befahl in der Stille , was die Mutter ihr zu laut zu befehlen schien oder wol gar ganz vergessen hatte . Und bei alledem zog sie sich von Jedem zurück , blieb allein , hüpfte bald da- , bald dorthin und schien nur von Einem Gedanken beseelt , dem , ihren geliebten Freund Siegbert nur einen kleinen Moment für sich allein zu besitzen . Die Mutter , die Flottwitz , die Fräuleins Gelbsattel , Alle machten ihr den Verdruß , daß sie auch an Siegbert zuviel Gefallen fanden und ihn immer nur für sich behielten , während sie nicht ein Wort von ihm erhaschen konnte und nur zuweilen einen freundlichen Blick , der sie mehr verwundete als erfreute , denn in diesem Blicke lag Das nicht , was sie in seiner Seele suchte . So kam es , daß sie von einer quälenden Unruhe hin- und hergetrieben wurde und nur bei Leidenfrost zuweilen Stand hielt , mit dem sie wenigstens lachen , über Alle spotten konnte . Sie ging mit dem kleinen , unschönen Mann in den hintersten Theil des Gartens , wo ein Hügel zum Feuerwerk hergerichtet war . In der Mitte stand der Böller . Ringsherum waren Stakete festgepflanzt , an welchen schon am Morgen Leidenfrost seine pulvergefüllten Papiere befestigt hatte . Am Fuße des Berges , in einer Laube saßen fünf Musikanten , die von Blaseinstrumenten eine weiche , für Gartenräume zweckmäßige Musik aufführten . Olga sorgte dafür , daß diese Leute Erfrischungen bekamen . Die Mutter achtete nicht solcher Dinge , die ihr kaum einfielen und die , wenn man sie daran erinnerte , immer Veranlassung gaben zum Streit . Denn sie hatte dann immer dieselbe Sache längst bedacht , aber natürlich ganz anders und viel besser ausführen wollen . Die Gesellschaft wandelte im Garten auf und ab , bald vereint , bald zerstreut . Olga galt für ein Kind , man nahm wol Notiz von ihr , aber scheute sich nicht , ein Gespräch abzubrechen , wenn sie sich nahte . Sie streifte an den Beeten entlang und schloß sich Niemanden an . Rudhard verbot ihr diese Isolirung und sagte ihr im Vorübergehen , sie müsse sich an die Mutter halten . Wird sie mich denn wollen ? fragte sie und warf die großen Augen sicher und fest auf Rudhard , der ihr keine weitere Antwort darauf gab ; denn er blieb im Vorübergehen mit der Pröpstin nicht stehen , wie sie . Sie sah ihm eine Weile nach und wandte sich dann , gedankenlos hin- und herirrend und Manchem , der mit ihr sprechen wollte , nicht einmal Rede stehend , wieder zu den Musikern . Unter diesen war ein alter Mann mit weißem Barte . Er blies das Waldhorn ... Wäre Das ein Harfner , sagte eine Stimme hinter ihr , als sie an der Laube stand und die Notenblätter der Leute musterte , so würde man an Mignon und den Alten erinnert werden . Es war Dankmar , der diese Ähnlichkeit fand , und alle Damen stimmten ein ... Was wußte Olga vom Harfner und von Mignon ! Was hatte sie von dem Gespräch , das die weiterwandelnde Gesellschaft über Goethe und Wilhelm Meister und die Bekenntnisse einer schönen Seele begann ! Sie folgte dem Zuge der Lustwandelnden , kaum theilnehmend am Äußerlichen , noch weniger an dem Gegenstand des Streites , der sich sogleich zwischen Dankmar und der Trompetta ergab über Goethe , über Wilhelm Meister , über die Bekenntnisse einer schönen Seele , über Alles durcheinander ... Anna von Harder faßte Olga ' s Arm und ließ sich von ihr führen . Was verstand noch Olga , stillträumend wie ein unerschloßner Blumenkelch , von den Worten , die eben die sanfte Frau zu Dankmar ' s Freude sprach : Liebe Trompetta , sagte Anna von Harder . Verurtheilen Sie den großen Dichter seiner Unchristlichkeit wegen nicht ! Sagen Sie auch nicht , er wäre unwürdig gewesen , durch die ohne Zweifel von ihm wörtlich aufgenommenen Geständnisse des Fräuleins von Klettenberg sein schlimmes und wie Sie es nennen , frivoles und unsittliches Buch zu schmücken . Daß Goethe diese glaubensstarke Natur in seine Dicht- und Denkweise eintreten ließ , ganz unverbunden , ganz unzusammenhängend mit dem Werke , das er uns geboten hat , beweist nur , wie er doch wol einen tiefen Blick für alles Ursprüngliche im Menschen hatte und uns in den krausen und wilden Erlebnissen des jungen Meister nur das Leben selber geben wollte in seiner Rückwirkung auf die große Mannichfaltigkeit menschlicher Charaktere . Da ließ er denn auch jenes Fräulein gelten , nicht um der Frömmigkeit , sondern um ihrer Eigenheit willen . Ich fühle , daß man jenem Buche vom Standpunkte der Erfindung aus viel Schlimmes nachsagen kann , aber Menschen sind es doch , die da durcheinandergehen