trat , als er sie gewahrte , zu ihnen in den Garten hinaus . Er sah sich zuerst nach seiner Frau und seinen Kindern um , erkundigte sich dann nach Eleonorens Ergehen und nannte es einen bequemen Zufall , daß sie eben da sei , da er einen Brief für sie erhalten habe . Sie fragte , woher derselbe sei . Er ist uns durch einen unserer römischen Geschäftsfreunde vor einer halben Stunde zugekommen , und ich hoffe , daß man ihn noch nicht zu Ihnen in das Hôtel geschickt hat , gab er ihr zur Antwort , während er hineinging , sich nach dem Briefe umzusehen . Die Gräfin war bei der Nachricht bleich geworden , und die Bewegung , mit welcher sie das Schreiben aus Paul ' s Hand empfing , ließ ihre Freunde nicht darüber im Ungewissen , von wem es ihr kam . Auch wollten beide sich entfernen , ihr Zeit und Ruhe zum Lesen zu geben ; aber wie ein Kind , das sich vor dem Alleinsein fürchtet , langte die Gräfin unwillkürlich nach der älteren Freundin Hand , und sich auf die nahe stehende Gartenbank niederlassend , bat sie leise : Bleiben Sie ! Es war ein langer Brief . Die Gräfin hatte ihn gelesen und noch einmal gelesen , dann ließ sie die Hand , mit der sie ihn hielt , auf ihre Kniee niedersinken und sah sinnend vor sich hin . Seba saß schweigend an ihrer Seite . Sie kannte die Erlebnisse der Gräfin jetzt in allen ihren Einzelheiten durch diese selbst , und Eleonore hatte auch vor Paul und vor Davide kein Hehl aus ihnen zu machen gewünscht , wennschon sie den Beiden nicht direkt davon gesprochen hatte . Nur von dem Religionswechsel und von ihren religiösen Zweifeln war zwischen ihr und Paul zum Oefteren die Rede gewesen , und er hatte es ihr nie verborgen , wie er über das blinde , unbedingte Glauben , wie er über den Glauben an positive Religion , wie er über den Gottglauben überhaupt denke und was er von jener Anschauung halte , die im neunzehnten Jahrhundert die Veredlung und Selbstvollendung des Menschen noch durch seine Einsamkeit erreichen zu können wähne . Aber er hatte diese Gespräche nie geflissentlich gesucht . Denn gerade weil Eleonore durch augenblickliche Entschlüsse , durch gewaltsame Eindrücke und durch die Macht einer ihr Herz beherrschenden mächtigen Leidenschaft zu einem Abfalle von ihrer wahren Ueberzeugung und zu einem Handeln gegen die eigentlichen Bedingungen ihrer Natur verleitet worden war , meinte er , daß , wenn überhaupt eine Hülfe für sie möglich sei , ihr diese nur auf dem Wege der eigenen Einsicht und der ruhigen , sie zur Erkenntniß langsam führenden Erfahrung mit Erfolg bereitet werden könne . So ließ denn auch Seba ihr eine Weile Zeit , sich zu sammeln , und erst als sie bemerkte , daß Eleonore es schwer finde , in diesem Augenblicke von sich zu sprechen , sagte sie : Sie haben einen Brief von dem Abbé erhalten ? Eleonore bejahte es , und was sie nie zuvor gethan hatte , sie reichte der Freundin das Schreiben hin . » Ich komme von einer Reise zurück , « also hob es an , » die ich im Auftrage meiner Oberen unternommen und die mich durch den ganzen Winter und das ganze Frühjahr in den Geschäften unsers Ordens fern im Orient gehalten hat . Von den Ufern des Nil , an den heiligen Wassern des Jordan , von der Schädelstätte und an des heiligen Grabes geweihter Schwelle sind meine Gedanken zu Ihnen gegangen , und ich habe für Sie gebetet , Eleonore , gebetet , daß auch Ihnen der Friede kommen möge , mit dem ich an Sie denke ; daß Ihre endliche Bekehrung zu der einzigen und alleinig wahren Lehre Sie reinigen und Ihren Sinn erheben möge , wie sie mich hinaushebt über mich selbst und über all mein menschliches Verlangen und Begehren . Ich habe Ihnen geschrieben und meine Briefe in unser Frauenkloster nach Trinità di Monte gesendet . Zurückgekehrt nach Rom , bin ich gegangen , Sie in den heiligen Mauern aufzusuchen , in denen ich Sie zu finden glauben mußte . Aber Sie waren nicht dort , und erst auf Umwegen habe ich erfahren , wo Sie weilen und daß Sie krank gewesen sind . Weßhalb schrieben Sie mir nicht , weßhalb riefen Sie mich nicht ? Ein Wort von Ihnen , das mich hätte ahnen lassen , Sie bedürften meines Trostes , hätte mich zu Ihnen geführt . Streng , wie unsere Gesetze uns binden und unsere Oberen über uns walten , würde man es mir als mein Recht zuerkannt und nicht geweigert haben , Ihnen , deren Seele ich dem Lichte gewonnen , in den Stunden der Krankheit und der möglichen Entmuthigung meinen Beistand leisten zu dürfen , und Sie zu ihm und auf ihn hinzuweisen , der unser Stab und unsere Leuchte , unser ewiges Heilmittel und der Weg zu unserem ewigen Leben ist . Sie waren dem Tode nahe , Sie sind genesen und Sie haben , ich weiß es , nicht einmal danach verlangt , Sich durch den Genuß des heiligen Abendmahles , Sich durch das erlösende Sakrament , der Gemeinschaft anzuschließen , der Sie angehören , Sich der Gnade und Vergebung zu versichern , die uns den Weg durch dieses Leben und den dunkeln Pfad in das Jenseitige ebnet und erhellt . Was soll ich davon denken ? Was bedeutet das ? Wäre es möglich , daß Ihre Seele wankend geworden ist ? Wäre es möglich , daß Du sie vergessen könntest , die Schwüre , mit denen Du Dich mir und meinem Glauben zugeschworen ? Daß Du sie vergessen könntest , die gesegnete Stunde , in der meine blutigen Thränen und die Angst meines durch Dich gemarterten Herzens Dich und mich neugeboren haben zu dem ewig unauflöslichen Bündnisse unserer Liebe in Gott ? Solltest Du abfallen , untreu werden können mir , Dir selbst und