wollen wir , halb aus Courtoisie , halb aus Überzeugung annehmen – ein Besseres an die Stelle trat . Wie die Dinge liegen , wird zwar auch jetzt noch gelegentlich der Versuch gemacht , es mit der Gotik und ihren Dependenzien zu wagen ; aber diese Versuche scheitern jedesmal , wenigsten für das Auge dessen , der die Originale oder auch nur da kennt , was mit immer wachsendem Verständnis unsere westdeutschen Neugotiker danach bildeten . Auch das Herrenhaus zu Petzow ist ein solcher gescheiterte Versuch . Was daran anmutend wirkt , ist , wie schon angedeutet , das malerische Element : nicht seine Architektur . Diese soweit man überhaupt von einer Architektur sprechen kann datiert aus dem Anfang der zwanziger Jahre , ist also kaum fünfzig Jahre alt . Dies gilt auch besonders von den angebauten Flügeln . Und doch , als wir diese näher besichtigten , nahmen wir an den Fenstern des Erdgeschosses kunstvoll geschmiedete Eisengitter wahr , die sich unschwer auf die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückführen ließen . Dies verwirrte uns . Das Rätsel sollte sich indes in Kürze lösen . Diese Gitterfenster wurden nämlich in Potsdam bei einem Häuserabbruch erstanden und hierher verpflanzt . Hier prangen nun die einhundertfünfzigjährigen an einer erst fünfzigjährigen Front . Wie erzählen das lediglich zu dem Behuf , um zu zeigen , wie man durch Beurteilung von Einzeldingen , von denen man dann Schlüsse aufs Ganze zieht , erheblich irregeleitet werden kann Nichts war verzeihlicher hier als ein Rechenfehler von hundert Jahren . Der Park ist eine Schöpfung Lennés . An einem Hügelabhang gelegen wie Sanssouci , hat er mit diesem den Terrassencharakter gemein . In großen Stufen geht es abwärts . Wenn aber Sanssouci bei all seiner Schönheit einfach eine große Waldterrasse mit Garten und Wiesengründen bietet , so erblickt man von dem Hügelrücken des Petzower Parkes aus eine imposante Wasserterrasse , und unser Auge , zunächst ausruhend auf dem in Mittelhöhe gelegenen , erlenumstandenen Parksee , steigt nunmehr erst auf die unterste Treppenstufe nieder – auf die breite Wasserfläche des Schwielow . Der Park umschloß früher auch die Kirche des Dorfes . Alt , baufällig , unschön wie sie war , gab man sie auf und auf einem weiter zurückgelegenen Hügel wurde 1841 eine neue Kirche aufgeführt . König Friedrich Wilhelm IV. , das Patronat ist bei der Landesherrschaft , ordnete an , daß der Neubau im romanischen Stile erfolgen solle . Stüler entwarf die Zeichnungen ; die Ausführung folgte rasch . So reihte sich denn die Petzower Kirche in den Kreis jener neuen schönen Gotteshäuser ein , mit denen der kirchliche und zugleich der feine landschaftliche Sinn des verstorbenen Königs Potsdam und die Havelufer umstellte . Wir nennen nur : Bornstädt , Sakrow , Kaputh , Werder , Glindow . Ihre Zahl ist um vieles größer . Der Gottesdienst , die Gemeinde , vor allem die Szenerie , gewannen durch diese Neubauten ; aber die Lokalgeschichte erlitt erhebliche Einbuße , weil alles Historische , was sich an den alten Kirchen vorfand , meist als Gerümpel beseitigt und fast nie in den Neubau mit hinübergenommen wurde . Unter allen Künstlern – diese Bemerkung mag hier gestattet sein – sind die Architekten die pietätslosesten , zum Teil weil sie nicht anders können . Maler , Skulptoren treffen mit ihrem Vorgänger meist wie auf breiter Straße zusammen ; sie haben Raum nebeneinander ; die Lebenden und die Toten , sie können sich dulden , wenn sie wollen . Nicht so der Baumeister . In den meisten Fällen soll das neue Haus , die neue Kirche an der Stelle der alten stehen . Er hat keine Wahl . Und es sei . Wir rechten zudem mit keiner Zeit darüber , daß sie sich für die klügste und beste hält . Aber darin geht die jedesmalig modernste ( die unsrige kennt wenigstens Ausnahmen ) zu weit , daß sie auch das zerstört , was unbeschadet des eignen Lebens weiter leben könnte , daß sie sozusagen unschuldigen Existenzen , von denen sie persönlich nichts zu befahren hätte , ein Ende macht . Der moderne Basilika-Erbauer mag ein gotisches Gewölbe niederreißen , das nun einmal schlechterdings in die gestellte Aufgabe nicht paßt ; aber das halbverblaßte Freskobild , die Inschrifttafel , der Grabstein mit der Plattenrüstung , – ihnen hätte er auch in dem Neubau ein Plätzchen gönnen können . Er versagt dies Plätzchen ohne Not , er versagt es , und daran knüpfen wir unsern Vorwurf . Die historische Pietät ist fast noch seltener als die künstlerische . So entstehen denn entzauberte Kirchen , die helle Fenster und gute Plätze haben , die aber den Sinn kalt lassen , weil mit der Vergangenheit gebrochen wurde . Ein » gefälliger Punkt in der Landschaft « ist gewonnen , eine vielversprechende Schale , aber , in den meisten Fällen , eine Schale ohne Kern . Zu diesen in historischer Beziehung » tauben Nüssen « gehört auch die Petzower Kirche . Aber so leer und kahl sie ist , und so verstimmend diese Kahlheit wirkt , so gewiß ist es doch auch , daß man im Hinaustreten auf das Flachdach des Turmes diese Verstimmung plötzlich und wie auf Zauberschlag von sich abfallen fühlt . Sie geht unter in dem Panorama , das sich hier bietet . Die » Grelle « , eine tiefe Flußbucht , liegt uns zu Füßen ; unmittelbar neben ihr der Glindower See . Die Havel und der Schwielow , durch Landzungen und Verschiebungen in zahlreiche blaue Flächen zerschnitten , tauchen in der Nähe und Ferne auf und dehnen sich bis an den Horizont , wo sie mit dem Blau des Himmels zusammenfließen . Dazwischen Kirchen , Dörfer , Brücken , – alles , nach zwei Seiten hin , umrahmt von den Höhenzügen des Havellandes und der Zauche . Das Ganze ein Landschaftsbild im großen Stil ; nicht von relativer Schönheit , sondern absolut . Man darf hier getrost hinaustreten , ohne sich des Vergleichssinnes zu entschlagen . Eine Viertelstunde später , und