... Am frühen Morgen , als sie in die Messe gehen wollte , hatte sie eine Entdeckung gemacht , die sie mit eisigem Schrecken überlief ... Am Posthof hatte sie vorüber müssen und war eines Briefes wegen in diesen eingetreten ... Da stand ein Eilwagen , der soeben bespannt wurde ... In Begriff einzusteigen sah sie in Pelzen , mit Handtaschen , Fußsäcken , sechs bis acht Passagiere harren ... Eine dieser Gestalten fiel ihr auf und noch mehr fiel sie , wie sie sogleich sah , diesem Reisenden selbst auf ... Kaum hatte sie einen prüfenden Blick auf einen Mann in einem wassergrünen Flausrock , mit einem rothen Comfortable um den Hals , geworfen , als sich derselbe auch sofort abwandte und die Hände schnell aus den Rocktaschen zog , in die er ruhig sie gesteckt hielt ... Sie sagte sich : Das ist ja Bickert ! ... Darüber konnte kein Zweifel sein ... Wuchs , Gesichtszüge waren unverkennbar , nur das Haupthaar ein anderes ... Sonst roth , war es jetzt dunkelschwarz und lockig ... Sie mußte stehen bleiben und wandte sich , um den Verbrecher näher in Augenschein zu nehmen ... Jetzt , sah sie , entdeckte er , daß auch sie ihn erkannt hatte , und immer mehr vermied er nun , ihr ins Angesicht zu sehen ... Einen Augenblick that sie , als entfernte sie sich ; doch nur um wieder zurückkehren zu können und sich vor die auf den Thüren befestigten Tarife zu stellen und scheinbar diese zu lesen ... Jetzt wurde das Gepäck der Reisenden gebracht ... Sie hörte : » Nach Witoborn ! « ... Ihre Brust klopfte ... Sollte sie den Unglücklichen anreden , der ihr seine Nichtentdeckung , dem aber auch sie kürzlich eine große Hülfe und Rettung ihrer Ehre verdankte , ihn , der sie mit jenen Papieren aus dem Sarg des alten Mevissen , wie sie wenigstens glaubte , zur ewigen Herrin über Bonaventura ' s Schicksal gemacht hatte ? ... Sollte sie ihn fragen , ob er es wäre , der nach Witoborn reiste ? ... Da fiel ihr seine Mittheilung über Hammaker ' s Anträge , sein Wort vom » rothen Hahn auf ein Schloß « ein , sein : Sapristi ! als sie in dem unterirdischen Gang selbst von Westerhof , selbst von Nück begonnen hatte ... Noch wogte ihre Angst um ein Verbrechen , in das sich nun Nück doch noch einließ , noch wogte die Furcht , hier so länger stehen zu bleiben , als die Namen der Passagiere aufgerufen wurden ... Der , der ihr Jean Picard schien , stieg mit der Bezeichnung : » Herr Dionysius Schneid « in den Wagen ... Sie hatte sich ' s wohlgemerkt ; der Name wurde zweimal gerufen ... Nun blies der Postillon ... Der Verbrecher fuhr von dannen ... Unter dem Eingang der Post drückte er sich in eine Ecke , um nicht beim Vorüberfahren ganz aus nächster Nähe beobachtet zu werden ... In erster Aufregung flog Lucinde zu Nück , um aus seinem Benehmen zu erkennen , ob sie sich wirklich ihn , ihn selbst im Zusammenhang mit dieser Reise denken mußte - im Postbureau wurde ihr bestätigt , daß Herr Dionysius Schneid aus Strasburg seinen Platz bis Witoborn genommen hatte - Dann sagte sie sich : Nein , wie kannst du Nück an Dinge erinnern , die von seiner Seite nur ein einziges mal und auch da nur so flüchtig und scherzhaft hingeworfen wurden ? ... Sie wußte , um was es sich in jenem zu Nück ' s tiefstem Verdrusse verlorenen Proceß handelte , jenem Proceß , der Paula ' s Lebensschicksal entschied . Sie wußte , daß mit dem Fund der Urkunde Paula zwar ihr Erbe erhielt , aber auch das von einer durch die ganze Verwandtschaft festgehaltenen Etikette gestellte Ansinnen , sich mit dem um seine Hoffnungen betrogenen Grafen Hugo zu vermählen ... Ihrer Rache konnte an sich nichts Süßeres geboten werden als dieser schadenfrohe Hinblick auf - Bonaventura ' s Schmerz , und dennoch - zu mächtig wirkte entweder noch die Liebe und Sorge für ihn in ihrem für alles Uebrige abgestorbenen Herzen , um nicht zu erschrecken bei dem Gedanken , daß um den grausamen , sie » mit Füßen tretenden « Mann soviel Wildes sich begeben könnte , oder sie gedachte der Gefahr eines Frevels , der leicht dem Scheitern ausgesetzt sein konnte und sie selbst vielleicht in neue Wirren stürzte ... Schon war wiederholt ihr Name bei der Veröffentlichung der Beda Hunnius ' schen Briefe genannt worden ... Sollte sich der Fluch ihres Daseins immer greller und greller erfüllen ? ... Sollte sie durch diese wirkliche Ausführung geheimer Thaten auf die Bahn des Verbrechens hinübergeführt , ihrer Bekanntschaft mit Bickert überwiesen , um ihrer Erlebnisse auf dem Profeßhause willen wol gar dem öffentlichen Gerichte preisgegeben werden ? ... Sie wünschte die Folgen der That mit heißester Begier , zitterte aber vor ihrem Mislingen ... Und nun ergriff sie die ihr eigene namenlose Angst , die sie immer hatte vor jeder Katastrophe , ehe sie da war . Flügel hätte sie sich geben mögen , den Verbrecher einzuholen , ihm nicht von der Seite zu weichen , ihn von seinem Vorhaben zurückzuhalten ... Noch einmal ging sie zu Nück , fand ihn aber wieder nicht ... Die Ruhe des Nück ' schen Hauses , die Ordnung des Geschäfts , der Reichthum , dem sie auf Tritt und Schritt begegnete , sagten ihr wol : Thörin , Thörin , wessen hältst du einen Nück für fähig ! Für wahnsinnig würd ' er dich halten , sprächst du davon ! ... Und bin ich ' s vielleicht nicht selbst ? ... Seh ' ich mich nicht ewig mit Hammaker auf dem Schaffot , seh ' ich mich da nicht mit meinen Brüdern , mit Oskar Binder , mit meiner Hauptmännin - alles so , wie ich ' s so oft träume ! ... Die Stimmung einer wie von