zugetraut , ” brach der Regierungsrat ärgerlich los . “ Mein liebes Kind , ” sagte Pastor Kandler beschwichtigend zu Agathe , “ ich denke , wir heben Dir das Buch auf und bitten Vetter Martin , es gegen ein anderes umzutauschen . Es giebt ja so viele schöne Lieder , die für junge Mädchen geeigneter sind und Dir besser gefallen werden . ” Agathe war ganz blaß geworden . “ Ich hatte mir Herweghs Gedichte gewünscht , ” stieß sie ehrlich heraus . “ Du kanntest wohl das Buch nicht ? ” fragte ihr Vater mit derselben beängstigenden Milde , die des Pastors Vorschlag begleitete . Man wollte sie an ihrem Konfirmationstage schonen , aber es war sicher — sie hatte etwas Schreckliches gethan ! “ Doch ! ” sagte sie eilig und leise und setzte noch schüchterner hinzu : “ Ich fand sie schön ! ” “ Du wirst einige gekannt haben , ” entschuldigte Pastor Kandler . Sein Blick haftete eindringlich auf ihr . Sollte das sanfte Kind ihn mit ihrer innigen Hingabe an das Christentum getäuscht haben ? Woher plötzlich dieser Geist des Aufruhrs ? “ Was gefiel Dir denn besonders an diesen Gedichten ? ” prüfte er vorsichtig . “ Die Sprache ist so wunderschön , ” flüsterte das Mädchen verlegen . “ Hast Du Dir nie klar gemacht , daß diese Verse mit manchem , was ich Dich zu lehren versuchte , in Widerspruch stehen ? ” “ Nein — ich dachte , man sollte für seine Überzeugung kämpfen und sterben ! ” “ Gewiß , mein Kind , für eine gute Überzeugung . Aber für eine thörichte , verderbliche Überzeugung soll man doch wohl nicht kämpfen ? ” Agathe schwieg verwirrt . Vater und Seelsorger sprachen mit einander . “ Das sind doch besorgliche Symptome , ” sagte der Regierungsrat . “ Ich verstehe meinen Neffen absolut nicht ! In des Königs Rock ! Geradezu unerhört ! ” “ Ich glaube , wir brauchen die Sache nicht so ernst zu nehmen , ” meinte Pastor Kandler mit seinem stillen , ironischen Lächeln den Regierungsrat betrachtend . “ Die Jugend hat ja schwache Stunden , wo ein berauschendes Gift wohl eine Wirkung thut , die bei gesunder Veranlagung schnell vorübergeht . Das wissen wir ja alle aus Erfahrung ! ” Er legte das anstößige Buch beiseite und ging auf seinen Platz zurück . “ Wäre den Herrschaften nicht ein Stückchen Torte gefällig ? ” fragte die Pastorin freundlich . Onkel Gustav ließ von einer Champagnerflasche , die er mit weitläufiger Feierlichkeit behandelte , weil sie seine Beisteuer zum Feste war , den Pfropfen mit einem Knall in die darüber gehaltene Gabel springen . Die beiden Pastorsjungen jauchzten über das Kunststück , der schäumende Wein floß in die Gläser , man erhob sich und stieß an . Der Schatten , den die blutdürstige Revolutionslust der Konfirmandin auf die Gesellschaft geworfen , war der alten , stillbewegten Heiterkeit gewichen . Nur in Agathes braunen Augen war noch etwas Sinnendes zurückgeblieben . Onkel Gustav klopfte dem Nichtchen begütigend die volle Wange und rief dabei mit seinem jovialen Lachen : “ Vorläufig doch mehr Blüte als Wurzel ! ” Dann flüsterte er Agathe ins Ohr : “ Dummes Ding — Geschenke von netten Vettern packt man doch nicht vor versammelter Tischgesellschaft aus ! ” Leider war Onkel Gustav selber ein Familienschatten . Er hatte keine Grundsätze und brachte es deshalb auch zu nichts Rechtem in der Welt . So heiratete er z.B. eine Frau , die allerlei Abenteuer erlebt hatte und sich schließlich von einem Grafen entführen ließ . Das mochten ihm die Verwandten nicht verzeihen . Agathe hatte ihn trotzdem lieb . Er war so gut , bot sich die Gelegenheit , einem Menschen in kleinen oder großen Dingen zu helfen , so fand man ihn gewiß bereit . Was er sagte , konnte freilich nicht sehr ins Gewicht fallen . Agathe blieb nachdenklich . “ Alles ist Euer , ” war ihr eben versichert worden , und gleich darauf nahm man ihr das Geschenk ihres liebsten Vetters fort , ohne sie auch nur zu fragen . Widerspruch wagte sie natürlich nicht . Sie hatte ja Gehorsam und demütige Unterwerfung gelobt für das ganze Leben . Später , als die Erwachsenen in allen Sofaecken des Pfarrhauses ihr Verdauungsschläfchen hielten — man war ein bißchen heiß und müde geworden von dem reichlichen Mittagsmahl und dem Champagner — ging Agathe den breiten Gartenweg hinter dem Hause auf und nieder . Die Jungen hatten Befehl erhalten , sie heute nicht zu stören und zum Spielen zu holen , wie sonst . Sie machten mit Walter einen Spaziergang . Die Pastorin half ungesehen von den Gästen , der Magd in der Küche beim Tellerwaschen ; von dorther tönte bisweilen ein Geklapper , sonst herrschte Stille in Hof und Garten . Agathe hörte mit heimlichem Vergnügen ihre seidene Schleppe über den Kies rauschen , hatte die Hände gefaltet und bat den lieben Gott , er möge ihr doch nur den Ärger aus dem Herzen nehmen . Es war doch zu schrecklich , daß sie heut , am Konfirmationstage , ihrem Pastor und ihrem Vater böse war ! Hier fing gewiß die Selbstüberwindung und die Entsagung an . Sie war doch noch recht dumm ! Ein so gefährliches Gift für schön zu halten . . . Der Anfang von Martins Lieblingsliede fiel ihr ein : “ Reißt die Kreuze aus der Erden , Alle sollen Schwerter werden — Gott im Himmel wirds verzeih ' n. ” Ja , das war schon eine fürchterliche Stelle und auf die war Onkel Kandler gewiß gerade gestoßen . Aber doch — es lag so eine Kühnheit darin — und dann wurde der liebe Gott ja doch auch besonders um Verzeihung gebeten . Das hatte Agathe immer sehr gefallen in dem Liede . Aber so war es fortwährend : was einem gefiel , dem mußte man mißtrauen . Sie blickte fragend und zweifelnd gerade in den hellblauen Frühlingshimmel