. « » Es wäre mein Witwensitz gewesen , ohne jenes Testament , das mich verstieß , « sagte die Fürstin schneidend . » Jetzt ist es das Eigentum meines Sohnes – es wird wohl für seine Mutter Platz darauf sein . « Leo trat mit ungestümer Bewegung einen Schritt zurück . » Was heißt das ? « rief er heftig . » Willst du dich vor diesem Waldemar zu einer Bitte erniedrigen ? Ich weiß , daß wir arm sind , aber eher will ich alles ertragen , alles entbehren , ehe ich zugebe , daß du um meinetwillen – « Die Fürstin erhob sich plötzlich . Ihr Blick und ihre Haltung waren so gebietend , daß der Sohn mitten in seinem leidenschaftlichen Widerspruch verstummte . » Hältst du deine Mutter für fähig , sich zu erniedrigen ? « fragte sie . » Kennst du sie so wenig ? Überlaß es mir , mein Sohn , meine und deine Stellung zu wahren ! Du brauchst mir wahrlich nicht die Grenze zu ziehen , bis zu der ich gehen darf . Ich kenne sie allein . « Leo schwieg und sah zu Boden . Die Mutter trat ihm näher und nahm seine Hand . » Wird dieser Feuerkopf denn nie ruhig denken lernen ? « sagte sie milder . » Es wird ihm doch noch so notwendig sein im Leben . Meinen Plan mit Waldemar werde ich allein ausführen . Du , mein Leo , sollst nichts von dem empfinden , was ihm vielleicht Bitteres für mich anhaftet . Du sollst den Blick frei behalten und den Mut ungebeugt für die Zukunft , die deiner wartet . Das ist deine Aufgabe ; die meine ist es , dir diese Zukunft zu sichern um jeden Preis . Vertraue deiner Mutter ! « Sie zog den Sohn an sich , der wie in stummer Abbitte ihre Hand an seine Lippen drückte , und als sie sich jetzt niederbeugte , das schöne lebensvolle Antlitz zu küssen , da sah man , daß die kalte strenge Frau es doch wenigstens verstand , Mutter zu sein , und daß Leo , trotz der Strenge , mit der sie ihn behandelte , doch der Abgott dieser Mutter war . » Thun Sie mir den Gefallen , Doktor , und hören Sie endlich einmal auf mit diesen ewigen Lamentationen ! Ich sage Ihnen , der Junge ist nicht zu ändern . Ich habe es oft genug versucht ; sechs Hofmeister haben mir nacheinander dabei geholfen . Wir konnten alle nichts mit ihm ausrichten , und Sie können es erst recht nicht – also lassen Sie ihm seinen Willen ! « Es war der Gutsbesitzer Herr Witold auf Altenhof , der dem Erzieher seines Mündels im kräftigsten Tone diese Rede hielt . Die beiden Herren befanden sich in der großen Eckstube des Wohnhauses , deren Fenster der Hitze wegen weit geöffnet waren und deren ganzes Aussehen zeigte , daß ihr Bewohner Dinge wie Eleganz und Behaglichkeit für sehr überflüssig , wenn nicht gar für schädlich hielt . Die einfachen , zum Teil sehr altertümlichen Möbel waren ohne die mindeste Rücksicht auf geschmackvolle oder auch nur passende Anordnung da- und dorthin geschoben , wie es gerade die augenblickliche Bequemlichkeit erforderte . An den Wänden hingen Flinten , Jagdgerätschaften und Hirschgeweihe , gleichfalls ohne jede Wahl geordnet . Wo gerade Platz war , hatte man einen Nagel eingeschlagen und den betreffenden Gegenstand daran befestigt , unbekümmert darum , wie er sich ausnahm . Auf dem Schreibtisch lagen Wirtschaftsrechnungen , Tabakspfeifen , Sporen und ein halbes Dutzend neuer Reitpeitschen bunt durcheinander . Die Zeitung befand sich auf dem Teppiche , der allerdings vorhanden war , wenigstens dem Namen nach , dessen Abwesenheit dem Zimmer aber jedenfalls zu größerer Zierde gereicht hätte , denn er zeigte deutliche Spuren davon , daß die großen Jagdhunde ihn als täglichen Ruheplatz erwählt hatten . Überhaupt stand und lag kein Ding an dem Platze , wohin es eigentlich gehörte , vielmehr jedes da , wo es gerade zuletzt gebraucht worden war und wo es nun für spätere Fälle liegen blieb . Von dem Kunstsinne des Bewohners gab nur ein einziger Gegenstand in dem Gemache ein freilich haarsträubendes Zeugnis , ein in den grellsten Farben gemaltes Jagdstück , das über dem Sofa hing und dort an der Hauptwand den Ehrenplatz behauptete . Der Gutsherr saß in seinem Lehnstuhl am Fenster , ganz umlagert von mächtigen Tabakswolken , die er aus seiner Meerschaumpfeife blies . Er war ein angehender Sechziger , sah aber trotz seiner weißen Haare noch verhältnismäßig jugendlich aus und stand jedenfalls noch in der Fülle der Kraft und Gesundheit . Die Gestalt von bedeutender Größe zeigte einen ebenso bedeutenden Körperumfang ; das etwas gerötete Gesicht verriet nicht allzuviel Intelligenz , dagegen trug es einen unverkennbaren Ausdruck von Gutmütigkeit . Der Anzug , ein Gemisch von Haus- und Jagdkleidung , war ziemlich nachlässig , und die urkräftige Gestalt mit ihrer urkräftigen Stimme bildete den schärfsten Gegensatz zu der vor ihr stehenden schmächtigen Figur des Erziehers . Der Doktor mochte im Anfange der dreißiger Jahre sein ; er war von mittlerer Größe , aber seine gebückte Haltung ließ ihn klein erscheinen . Das Gesicht war nicht gerade unschön , aber es trug zu deutlich den Ausdruck der Kränklichkeit und einer gedrückten Lebensstellung , um anziehend zu erscheinen . Seine Farbe war bleich und ungesund , die Stirn gefaltet , und die Augen hatten jenen zerstreuten unsichern Blick , der Leuten eigen ist , die selten oder nie mit ihren Gedanken ganz bei der Wirklichkeit sind . Der schwarze Anzug zeigte die peinlichste Sorgfalt , und das ganze Wesen des Mannes hatte etwas Schüchternes , Ängstliches , das sich auch in seiner Stimme verriet , als er leise antwortete : » Sie wissen , Herr Witold , daß ich mich nur im äußersten Notfalle an Sie wende . Diesmal aber muß ich Ihre Autorität in Anspruch nehmen . Ich weiß nicht mehr aus noch ein . « »