umsonst harren zu lassen . Ich glaube , Du würdest es mir nun und nimmermehr verzeihen , wenn ich Dich ohne feierlichen Abschied abreisen ließe . “ Georg hielt die kleine Hand fest , die sich nach flüchtigem [ 146 ] Drucke ihm wieder entziehen wollte , und in seiner Stimme lag ein leiser Vorwurf , als er sagte : „ So leicht wird Dir die Trennung , Gabriele ? Hast Du kein anderes Lebewohl für mich , als Scherze und Neckereien ? “ Die junge Dame blickte ein wenig erstaunt auf . „ Trennung ? Aber wir sehen uns ja in vier Wochen wieder . “ „ In vier Wochen ! Scheint Dir das eine so kurze Zeit ? “ Gabriele lachte . „ Es sind gerade viermal sieben Tage . Du wirst sie wohl ertragen müssen . Dann aber kommen wir gleichfalls nach R. Du verkehrst doch öfter mit meinem Vormunde ? “ „ Mit dem Freiherrn von Raven ? Allerdings . Ich gehöre , wie Du weißt , zu seiner Kanzlei und habe ihm bisweilen Vortrag zu halten . “ „ Ich kenne ihn kaum , “ sagte Gabriele gleichgültig . „ Ich sah ihn immer nur sehr flüchtig , wenn er auf kurze Zeit nach der Residenz kam , das letzte Mal vor drei Jahren . Damals geruhten Excellenz noch gar keine Notiz von mir zu nehmen , und mich noch ganz und gar als Kind zu behandeln , obgleich ich schon volle vierzehn Jahr alt war . Ich war durchaus nicht entzückt von der Aussicht , künftig in seinem Hause zu leben , bis ich , “ sie lächelte schelmisch , „ einen gewissen Georg Winterfeld kennen lernte und von ihm erfuhr , daß er das Glück habe , einer der Beamten meines Herrn Vormundes zu sein . “ Ueber Georg ’ s Züge glitt ein Ausdruck , als sei er über dieses „ Glück “ anderer Meinung . „ Du täuschest Dich , wenn Du daran irgend eine Hoffnung knüpfst , “ entgegnete er ernst . „ Ich verkehre nur amtlich mit meinem Chef , und er versteht es , seinen Untergebenen die Grenzen des Verkehrs möglichst eng zu ziehen ; im Uebrigen stehe ich ihm vollständig fern . Ein junger , bürgerlicher Beamter in vorläufig noch untergeordneter Stellung hat keinen Zutritt zu den Kreisen des Gouverneurs und darf es schwerlich wagen , eine nähere Bekanntschaft mit der Baroneß Harder geltend zu machen . Wir werden uns fern genug sein , auch wenn ich täglich das Haus betrete , in dem Du weilst . Hier , in der Freiheit des Reiselebens , durften wir uns kennen und lieben lernen – “ „ Das verdankst Du doch im Grunde nur unserem Boote , das zu rechter Zeit auf die Sandbank fuhr , “ unterbrach ihn Gabriele . „ Denkst Du noch an unsere erste Begegnung , Georg ? Mama bildet sich noch heutigen Tages ein , damals in Lebensgefahr geschwebt zu haben , und hält Dich für ihren Retter , weil Du uns glücklich durch das seichte Wasser an ’ s Land brachtest . Sonst hätte sie Dir mit Deinem einfach bürgerlichen Namen auch schwerlich die öfteren Besuche gestattet , aber der Lebensretter war natürlich eine Ausnahme . Wenn sie wüßte , daß er mir bereits eine Liebeserklärung gemacht hat ! “ Der offenbare Triumph , der in den letzten Worten lag , schien den jungen Mann zu verletzen ; seine Augen hefteten sich forschend und unruhig auf ihr Antlitz . „ Und wenn die Baronin es nun früher oder später erführe , was würdest Du thun ? “ „ Dich ihr in aller Form als meinen künftigen Herrn und Gemahl präsentiren , “ erklärte Gabriele mit komischer Feierlichkeit . „ Das würde natürlich eine Explosion geben – Thränen , Vorwürfe , Nervenzufälle – darin ist Mama besonders stark , aber es thut nichts ; sie giebt schließlich doch nach , und ich setze immer meinen Willen durch . “ Sie warf das alles lachend und muthwillig hin . Es war augenscheinlich , daß der Gedanke an eine Katastrophe , die jedes andere Mädchen erschreckt haben würde , die junge Baroneß Harder höchlich amüsirte . Sie hatte sich auf den Rasensitz niedergelassen und ihren Strohhut abgenommen . Die Sonnenstrahlen , die hier und da durch das dichte Blätterdach der Kastanien drangen , spielten auf dem reichen blonden Haar und dem rosigen Antlitze , aus dem ein Paar große braune Augen lachend und glückselig in die Welt schauten . Das Gesicht mit seinen zarten , lieblichen Formen war ohne Frage von einem bestrickenden Reiz , aber es fehlte ihm jenes Seelenvolle , das dem Menschenantlitz erst seinen höchsten Zauber leiht . Man würde sich vergebens bemüht haben , hinter all diesem neckischen Uebermuth und dieser strahlenden Heiterkeit irgend einen Zug zu entdecken , der auf ernstere , tiefere Empfindungen schließen ließ . Aber das minderte nicht den Reiz dieser jugendlichen Erscheinung , an der Alles frisches , blühendes Leben und rosige Jugend athmete . Sie erschien wie ein Abglanz der Landschaft da draußen , ebenso sonnig und licht . Georg blickte mit einem eigentümlichen Gemisch von Unwillen und Zärtlichkeit auf sie nieder . „ Gabriele , Du behandelst das alles nur wie ein Spiel und hast keine Ahnung von den Kämpfen , die uns bevorstehen , “ sagte er . „ Fürchtest Du diese Kämpfe ? “ „ Ich ? “ Die Stirn des jungen Mannes begann sich zu röthen . „ Ich bin bereit es mit Allen aufzunehmen , wenn Du mir nur fest zur Seite stehst . Aber Du bist im Irrthum , wenn Du auf die gewohnte Nachgiebigkeit Deiner Mutter rechnest , hier , wo alle ihre Vorurtheile , alle Traditionen ihrer Familie in ’ s Spiel kommen . Und wenn es Dir selbst gelänge , sie zu gewinnen – Deinen Vormund wird nichts umstimmen . Ich kenne ihn ; er wird nie seine Einwilligung geben . “ Gabriele lehnte das blonde Köpfchen