von Haus zu Haus oder stiegen auf die Treppengeländer und suchten durch die Fenster einen Blick in die versagte Herrlichkeit zu gewinnen . Mitunter wurde auch eine Tür plötzlich aufgerissen , und scheltende Stimmen trieben einen ganzen Schwarm solcher kleinen Gäste aus dem hellen Hause auf die dunkle Gasse hinaus ; anderswo wurde auf dem Hausflur ein altes Weihnachtslied gesungen ; es waren klare Mädchenstimmen darunter . Reinhard hörte sie nicht , er ging rasch an allem vorüber , aus einer Straße in die andere . Als er an seine Wohnung gekommen , war es fast völlig dunkel geworden ; er stolperte die Treppe hinauf und trat in seine Stube . Ein süßer Duft schlug ihm entgegen ; das heimelte ihn an , das roch wie zu Haus der Mutter Weihnachtsstube . Mit zitternder Hand zündete er sein Licht an ; da lag ein mächtiges Paket auf dem Tisch , und als er es öffnete , fielen die wohlbekannten braunen Festkuchen heraus ; auf einigen waren die Anfangsbuchstaben seines Namens in Zucker ausgestreut ; das konnte niemand anders als Elisabeth getan haben . Dann kam ein Päckchen mit feiner gestickter Wäsche zum Vorschein , Tücher und Manschetten , zuletzt Briefe von der Mutter und von Elisabeth . Reinhard öffnete zuerst den letzteren ; Elisabeth schrieb : » Die schönen Zuckerbuchstaben können Dir wohl erzählen , wer bei den Kuchen mitgeholfen hat ; dieselbe Person hat die Manschetten für Dich gestickt . Bei uns wird es nun Weihnachtabend sehr still werden ; meine Mutter stellt immer schon um halb zehn ihr Spinnrad in die Ecke ; es ist gar so einsam diesen Winter , wo Du nicht hier bist . Nun ist auch vorigen Sonntag der Hänfling gestorben , den Du mir geschenkt hattest ; ich habe sehr geweint , aber ich hab ihn doch immer gut gewartet . Der sang sonst immer nachmittags , wenn die Sonne auf sein Bauer schien ; Du weißt , die Mutter hing oft ein Tuch über , um ihn zu geschweigen , wenn er so recht aus Kräften sang . Da ist es nun noch stiller in der Kammer , nur daß Dein alter Freund Erich uns jetzt mitunter besucht . Du sagtest einmal , er sähe seinem braunen Überrock ähnlich . Daran muß ich nun immer denken , wenn er zur Tür hereinkommt , und es ist gar zu komisch ; sag es aber nicht zur Mutter , sie wird dann leicht verdrießlich . – Rat , was ich Deiner Mutter zu Weihnachten schenke ! Du rätst es nicht ? Mich selber ! Der Erich zeichnet mich in schwarzer Kreide ; ich habe ihm schon dreimal sitzen müssen , jedesmal eine ganze Stunde . Es war mir recht zuwider , daß der fremde Mensch mein Gesicht so auswendig lernte . Ich wollte auch nicht , aber die Mutter redete mir zu ; sie sagte , es würde der guten Frau Werner eine gar große Freude machen . Aber Du hältst nicht Wort , Reinhard . Du hast keine Märchen geschickt . Ich habe Dich oft bei Deiner Mutter verklagt ; sie sagt dann immer , Du habest jetzt mehr zu tun als solche Kindereien . Ich glaub es aber nicht ; es ist wohl anders . « Nun las Reinhard auch den Brief seiner Mutter , und als er beide Briefe gelesen und langsam wieder zusammengefaltet und weggelegt hatte , überfiel ihn unerbittliches Heimweh . Er ging eine Zeitlang in seinem Zimmer auf und nieder ; er sprach leise und dann halb verständlich zu sich selbst : Er wäre fast verirret Und wußte nicht hinaus ; Da stand das Kind am Wege Und winkte ihm nach Haus ! Dann trat er an sein Pult , nahm einiges Geld heraus und ging wieder auf die Straße hinab . – Hier war es mittlerweile stiller geworden ; die Weihnachtsbäume waren ausgebrannt , die Umzüge der Kinder hatten aufgehört . Der Wind fegte durch die einsamen Straßen ; Alte und Junge saßen in ihren Häusern familienweise zusammen ; der zweite Abschnitt des Weihnachtabends hatte begonnen . – Als Reinhard in die Nähe des Ratskellers kam , hörte er aus der Tiefe herauf Geigenstrich und den Gesang des Zithermädchens ; nun klingelte unten die Kellertür , und eine dunkle Gestalt schwankte die breite , matt erleuchtete Treppe herauf . Reinhard trat in den Häuserschatten und ging dann rasch vorüber . Nach einer Weile erreichte er den erleuchteten Laden eines Juweliers ; und nachdem er hier ein kleines Kreuz von roten Korallen eingehandelt hatte , ging er auf demselben Wege , den er gekommen war , wieder zurück . Nicht weit von seiner Wohnung bemerkte er ein kleines , in klägliche Lumpen gehülltes Mädchen an einer hohen Haustür stehen , in vergeblicher Bemühung , sie zu öffnen . » Soll ich dir helfen ? « sagte er . Das Kind erwiderte nichts , ließ aber die schwere Türklinke fahren . Reinhard hatte schon die Tür geöffnet . » Nein « , sagte er , » sie könnten dich hinausjagen ; komm mit mir ! Ich will dir Weihnachtskuchen geben . « Dann machte er die Tür wieder zu und faßte das kleine Mädchen an der Hand , das stillschweigend mit ihm in seine Wohnung ging . Er hatte das Licht beim Weggehen brennen lassen . » Hier hast du Kuchen « , sagte er und gab ihr die Hälfte seines ganzen Schatzes in ihre Schürze , nur keine mit den Zuckerbuchstaben . » Nun geh nach Hause und gib deiner Mutter auch davon . « Das Kind sah mit einem scheuen Blick zu ihm hinauf ; es schien solcher Freundlichkeit ungewohnt und nichts darauf erwidern zu können . Reinhard machte die Tür auf und leuchtete ihr , und nun flog die Kleine wie ein Vogel mit ihren Kuchen die Treppe hinab und zum Hause hinaus . Reinhard schürte das Feuer in seinem Ofen an und stellte das bestaubte Dintenfaß auf seinen Tisch ; dann setzte er sich hin