sich jetzt weder das Pfeifen des Dompfaffen noch das Gekrächze Don Pedros , des lahmen Starmatzes , vernehmen ; der gute Oheim , mit seinen harten Worten und seinem weichen Herzen , mit seinem toten und lebendigen Getier , hat es seit lange verlassen . Aber er lebt noch ; er wird vielleicht zurückkehren , wenn es Frühling wird ; und ich werde wieder , wie damals , meine Zuflucht in dem abgelegenen Zimmer suchen . Damals ! – – Ich bin immer ein einsames Kind gewesen ; seit der Geburt des kleinen Kuno steigerte sich die Kränklichkeit meiner Mutter , so daß ihre Kinder nur selten um sie sein durften . Nach ihrem Tode siedelten wir hier hinüber . In der Stadt hatten wir , wie hergebracht , nur das Geschoß eines großen Hauses bewohnt ; jetzt hatte ich ein ganzes Schloß , einen großen seltsamen Garten und unmittelbar dahinter einen Tannenwald . Auch Freiheit hatte ich genug ; der Vater sah mich meistens nur bei Tische , wo wir Kinder schweigend unser Mahl verzehren mußten ; die Tante Ursula war eine gute förmliche Dame , die nicht gern ihren Platz dort in der Fensternische verließ , wo sie ihre saubern Strick- und Filetarbeiten für ferne und nahe Freunde verfertigte ; hatte ich meinen Saum genäht und meine Lafontainesche Fabel bei ihr aufgesagt , so warf sie höchstens einen Blick durchs Fenster , wenn ich mit dem grauen Windspiel meines Vaters zwischen den Buchenhecken des Gartens hinabrannte . Spielgenossen hatte ich keine ; mein Bruder war fast acht Jahre jünger als ich , und die von Adelsfamilien bewohnten Güter lagen sehr entfernt . Von den bürgerlichen Beamten aus der Stadt waren im Anfang zwar einzelne mit ihren Kindern zu uns gekommen ; da wir jedoch ihre Besuche nur selten und flüchtig erwiderten , so hatte der kaum begonnene Verkehr bald wieder aufgehört . – Aber ich war nicht allein ; weder in den weiten Räumen des Schlosses noch draußen zwischen den Hecken des Gartens oder den aufstrebenden Stämmen des Tannenwaldes ; der » liebe Gott « , wie ihn die Kinder haben , war überall bei mir . Aus einem alten Bilde in der Kirche kannte ich ihn ganz genau ; ich wußte , daß er ein rotes Unterkleid und einen weiten blauen Mantel trug ; der weiße Bart floß ihm wie eine sanfte Welle über die breite Brust herab . Mir ist , als sähe ich mich noch mit dem Oheim drüben in den Tannen ; es war zum ersten Mal , daß ich über mir das Sausen des Frühlingswindes in der Krone eines Baumes hörte . » Horch ! « rief ich und hob den Finger in die Höhe . » Da kommt er ! « – » Wer denn ? « – » Der liebe Gott ! « – Und ich fühlte , wie mir die Augen groß wurden ; mir war , als sähe ich den Saum seines blauen Mantels durch die Zweige wehen . Noch viele Jahre später , wenn abends auf meinem Kissen der Schlaf mich überkam , war mir , als läge ich mit dem Kopf in seinem Schoß und fühlte seinen sanften Atem an meiner Stirn . Mein Lieblingsaufenthalt im Hause war der große Rittersaal , der das halbe obere Stockwerk in seiner ganzen Breite einnimmt . Leise und nicht ohne Scheu vor der schweigenden Gesellschaft drinnen schlich ich mich hinein ; über dem Kamin im Hintergrund des Saales , von Marmor in Basrelief gehauen , ist der Krieg des Todes mit dem menschlichen Geschlechte dargestellt . Wie oft habe ich davorgestanden und mit neugierigem Finger die steinernen Rippchen des Todes nachgefühlt ! – Vor allem zogen mich die Bilder an : auf den Zehen ging ich von einem zu dem andern ; nicht müde konnte ich werden , die Frauen in ihren seltsamen roten und feuerfarbenen Roben , mit dem Papageien auf der Hand oder dem Mops zu ihren Füßen , zu betrachten , deren grelle braune Augen so eigen aus den blassen Gesichtern herausschauten , so ganz anders , als ich es bei den lebenden Menschen gesehen hatte . Und dann dicht neben der Eingangstür das Bild des Ritters mit dem bösen Gewissen und dem schwarzen krausen Bart , von dem es hieß , er werde rot , sobald ihn jemand anschaue . Ich habe ihn oftmals angeschaut , fest und lange ; und wenn , wie es mir schien , sein Gesicht ganz mit Blut überlaufen war , so entfloh ich und suchte des Oheims Tür zu erreichen . Aber über dieser Tür war ein anderes Bild ; es mochten die Porträts von Kindern sein , die vor einigen hundert Jahren hier gespielt hatten ; in steifen brokatenen Gewändern mit breiten Spitzenkragen standen sie wie die Kegel nebeneinander , Knaben und Mädchen , eines immer kleiner als das andere . Die Farben waren verkalkt und ausgeblichen , und wenn ich unter dem Bilde durch die Tür lief , war es mir , als blickten sie alle aus den kleinen begrabenen Gesichtern mit ihren beerschwarzen Augen auf mich herab . War dann der Oheim in seinem Zimmer , so flog ich auf ihn zu , und er , von seinen Büchern auffahrend , schalt mich dann wohl und rief : » Was ist ? Sind dir die albernen Bilder schon wieder einmal auf den Hacken ? « Großes Bedenken hatte es für mich , in der Dämmerung durch den Saal zu kommen . Zum Glück waren die sich gegenüberstehenden Türen an der Gartenseite , die Fenster sahen hier nach Westen , und der Abendschein stand tröstlich über dem Tannenwald . In des Oheims Zimmer waren dann die Vogelstimmen schlafen gegangen ; nur draußen vor dem Fenster wurde der Kauz in seinem großen Käfig nun lebendig . Der Oheim saß dann wohl mit gefalteten Händen in seinem Lehnstuhl , während das Abendrot friedlich durch die Fenster leuchtete . Aber ich wußte ihn zum Sprechen zu bringen ; ich ließ mich