, wenn die Gedanken den gegenwärtigen Pflichten zu sehr vorauseilen ! « Er glaubte , die bevorstehende Universitätsfreude habe mir den Kopf befangen . Dann kam sie wirklich , die Hochschule mit dem flotten Korpsleben und den vielen Professoren , mit all den neuen Eindrücken , die ich oft widerwillig genug empfing , und , als so manches Unliebsame abgeschüttelt war , im dritten und den folgenden Semestern mein Studium , das ich freilich ernsthaft genug betrieb . Unter diesem neuen Leben verschwand so vieles , dem ich ewige Dauer zugetraut hatte ; nur eines nicht : der Eindruck jener kindlichen Luftgestalt , die ich nur im Traum gesehen hatte , lag unverrückbar im Grunde meiner Seele ; keine der halb- oder vollgewachsenen Schönen , die meinen Mitstudenten das Hirn verwirrten , konnte ihn erschüttern . Freilich , tief lag es , und niemand , ich selber wußte oft nicht darum ; auch als du dann zu mir tratst und wir vertraut wurden , wie es mir mit keinem noch geschehen war , ja selbst , wenn wir in jene geheimnisvolle Region des Seelenlebens uns einmal verloren – mein eigen Nachtgesicht barg ich nur um so fester , wie im Innersten meines Lebens , gleich einem heiligen Keim , den ich vor aller Störung meiner Zukunft zu bewahren hatte . – – Du weißt , Hans , daß ich nach beendigten Studien mich als Arzt , speziell für Frauenkrankheiten , in der Stadt niederließ , die noch gegenwärtig mein Wohnort ist . Ich war dabei nicht zaghaft , ich war mir bewußt , das Meinige gelernt zu haben ; ich vertraute mir , ich war von vornherein zuversichtlich . Auf der Universität hatte mir das bei vielen den Ruf des Hochmuts eingetragen ; jetzt erwarb ich dadurch den eines tüchtigen Arztes , der am Krankenbett nicht erst zu suchen und bei seiner Heimkehr erst in seinen Kompendien nachzulesen brauche . Was , recht besehen , ein Frevel in mir war , das brachte mich hier zu Ehren : an Leichnamen hatte ich den innern Menschen kennengelernt , so daß mir alles klar vor Augen lag , und wie mit solchen rechnete ich mit den Lebendigen ; was war da Großes zu bedenken ! Bald mußte ich mir die schwarze Doktorkutsche , bald genug einen Assistenzarzt zulegen ; ich wurde der erste Arzt der Stadt und bin es vielleicht auch jetzt noch . Unter solchen Umständen konnte von einer Teilnahme an geselligem Verkehr nicht viel die Rede sein ; nur das Haus eines früheren Patienten , eines Rechtsanwaltes – Wilm Lenthe heißt er – , der um einige Jahre älter sein mochte als ich , machte davon eine Ausnahme . Ich pflegte ein paarmal in der Woche meine Abende dort zu verleben und währenddes meine Praxis , außer in besonderen Fällen , meinem Assistenten zu übertragen . Wenn der gleichfalls Viel beschäftigte abends um acht Uhr in das einfache , aber behagliche Wohnzimmer trat , hatte seine liebenswürdige Frau , die zu hören und zu reden verstand , den Tee schon für uns bereit , und wir beide von der Tagesarbeit Ermüdeten drückten uns schweigend jeder in eine Sofaecke , bis die Belebung durch den chinesischen Trank unsere Nerven und unser Gespräch lebendig machte . Es war mir erquicklich , wie einst , Hans , wenn ich auf der Treppe zu meiner Studentenkneipe spätabends deinen Tritt vernahm und dann schleunigst meine Arbeit beiseite packte . Wie damals unsere Zwei- , so wurde auch hier die Dreizahl fast nie durch einen neuen Gast gestört . Da , eines Herbstabends , wie ich auf ein lebhaftes » Herein « die Tür des Wohnzimmers öffnete , drang eine ungewohnte Helligkeit mir entgegen ; ich sah , daß eine größere Lampe auf dem Tische brannte und daß außer dem Ehepaar eine mir unbekannte junge Dame in aschfarbenem Linnenkleid zugegen war , welche bei meinem Eintritt die Teeschenke zu versehen schien . Die Hausfrau kam mir entgegen . » Da ist er , der Erwartete ! « rief sie , und die junge Dame an der Hand herbeiziehend , fügte sie hinzu : » Unsere Freundin Else Füßli ; wie Sie dem Namen anhören , eine Schweizerin , und was Sie interessieren wird , aus der Familie , der auch Heinrich Füßli angehörte , dem zuerst die Darstellung des Unheimlichen in der deutschen Kunst gelang ; Sie sehen , ich habe genau behalten , was Sie und mein Wilm mir neulich auseinandersetzten , da wir jenen Füßlischen Nachtmahr , der dort in der Ecke hängt , vor uns auf den Teetisch genommen hatten . « » Er war mein Großoheim « , sage das Mädchen bescheiden . » Und nun kommen Sie zum Tee ! « fuhr meine ältere Freundin fort . » Sie brauchen nicht vorgestellt zu werden , denn Elsi wußte , daß wir unseren Freund , den Doktor Jebe , erwarteten . « Dieser Redestrom , wohl eine Freude über den anmutigen Besuch , kam mir zustatten , denn ein geheimnisvoller Schrecken , zugleich die Empfindung eines schicksalschweren Augenblickes und eines betäubenden Glückes hatten mich getroffen ; es war wie damals auf der Treppe unserer alten Gelehrtenschule : alles um mich her war vergessen , aber vor mir im hellen Lampenlichte sah ich die Augen und das blasse Antlitz meines Nachtgesichtes . Jetzt war mir Zeit geworden , mich zusammenzuraffen ; ich vermochte ein paar Worte zu der Fremden zu sprechen , dann gab ich meinem Freunde die Hand und setzte mich auf den gewohnten Platz . Die Schweizerin saß mir gegenüber , ein wenig zurück und etwas in dem Schatten unserer Hausfrau ; ein zärtliches Licht fiel aus ihren Augen , wenn sie , was oft geschah , dieselben zu ihr kehrte . Mich streiften diese lichtgrauen Sterne nur ein paarmal und wandten sich dann scheu zur Seite , aber mir war , als ob sie heimlich prüfend auf mich sahen . Ich erfuhr im Gespräche , daß Fräulein Else eine Waise