gar Ephemeron fährt die Geschichte auf dem Wasserspiegel unter den überhängenden Weiden hin und wider und kreuzt sechsmal , ehe du sechs zählst , die eben hingezuckte Bahn . Sie – der Legationsrat und der Kommerzienrat – hatten den süßesten Frühlingstag oder Frühsommertag , und zwar nachdem sie beide , der eine mit dem guten Sohn , der andere mit der lieben Tochter , behaglich zu Mittage gespeist und friedlich ihre Siesta gehalten hatten , dazu benutzt , sich in der Tat gründlich zu überwerfen . Seien wir nun auch gründlich und berichten wir : warum ! Wir wissen bereits durch das Töchterlein , daß der Rat Nebelung nicht rauchte , sondern nur schnupfte , und letzteres harmlose Vergnügen hatten die Götter gleich benutzt ( wie nachher deutlich wurde ) , um darzutun , daß sie Tücke im Sinne führten . Beim Eintritt in den Garten hatte der Legationsrat dem Nachbar und Freunde die goldene Dose , ein Geschenk seines höchstseligen Landesherrn , dargeboten , und Herr Florens Nürrenberg hatte behaglich den Daumen und Zeigefinger eingetaucht und – seinen Lehrjahren bei Bolongaro in Höchst sowie seinem gesamten eigenen Geschäftsbetrieb zum Trotz – sofort nach dem Genuß dreimal genießt . » I , was ist denn das ? « fragte er denn auch einigermaßen erstaunt , und er hatte recht , zu fragen : was sonst nur ein günstiges Zeichen der Götter sein soll , bleibt einem Tabaksfabrikanten gegenüber jedenfalls zweifelhaft und erwies sich diesmal als ein finsteres , unheilvordeutendes Omen . Nach der gewohnten Begrüßung hatten die beiden würdigen Herren in gewohnter Weise ihren Inspektionsgang durch das Gärtchen angetreten , und der Kommerzienrat hatte mit der Pfeifenspitze wie der Hand selbst auf die kleineren Einzelheiten der in der Nacht vorgefallenen Veränderungen in der Vegetation aufmerksam gemacht . Der Legationsrat hatte als ein teilnehmender Dilettant über alles seine Meinung freundschaftlich abgegeben , und nach einem Einblick in das Kakteendepartement hatten die beiden Nachbarn ihre festbestimmten Plätze in der Laube eingenommen . Es gab gar nichts Behaglicheres als ihre Stimmung in diesen Augenblicken . Von drüben herüber jubelte Käthchens Stimme und Piano in den blauen Maienhimmel hinein ; und der Professor der Ästhetik , Herr Elard Nürrenberg , am offenen Fenster seines auf den Garten sehenden Schüler- und Junggesellen-Stübchens liegend , hatte nimmer in seinen Ferien himmelblauere Minuten genossen . Auf seinem Tische hinter ihm lag in des Frankfurter Poeten Wolfgang Goethes Liederbuche Alexis und Dora aufgeschlagen , und nach vorn hinaus durch das Weinlaub vor seinem Fenster blinzelte der Professor durch das halbgeschlossene Auge und sagte : » Es ist zu herzig ! « Das war es , und die Tante Lina wurde noch obendrein erwartet , und auch Herr Florens und der junge Doktor freuten sich auf die Tante . Die beiden Räte in der grünen Laube waren eben bei der Tante angelangt und bei den Blumen , die der Kommerzienrat geschickt hatte , und bei dem Monstre-Papierbogen mit dem Worte Willkommen , den der Legationsrat über die Tür genagelt hatte . Kein Wölkchen am Himmel , und morgen – Pfingsten ! – morgen , Pfingsten , das Fest der Freude ! – – Ja , Eulenpfingsten ! – – – – Hätte Satan , der Fürst der Finsternis , ein Herz gehabt , er würde es trotz aller seiner Bosheit nicht darüber gebracht haben , jetzt seine Krallen durch den Jasmin zu strecken , die beiden guten Papas bei dem ergrauten Haarwuchs zu fassen und sie mit den Stirnen gegeneinander zu stoßen . Die Hölle hat kein Herz ! Das ist es ja eben , was wir ihren Fehler nennen , was sie selber aber schnöderweise ihren Vorzug zu nennen beliebt . Und wenn wir eben dem Teufel seine alte Bezeichnung wiedergegeben haben , wenn wir ihn den Fürsten der Finsternis nannten , so widerrufen wir das Wort feierlichst . Es ist nicht wahr , daß die Nacht , die Finsternis , vorzugsweise das Reich des Bösen ist ; im Gegenteil , es macht ihm gerade ein Hauptvergnügen , den schönen , hellen , lichten , sonnigen Tag zu seinen schlimmen Werken zu benutzen . Wenn die Sonne scheint , wenn die knospende Rose unter ihrem Strahl den Schoß zu öffnen willens ist , wenn die Lerche über dir singt , wenn du die Flasche Asmannshäuser der Kühlung wegen im dunkelsten Schatten des Buchengebüsches verbirgst , – wenn du , holde Braut , den Schein des prächtigsten aller Fixsterne in dem seligen Tropfen , der sich an der Wimper des Geliebten sammelt ( die Tante Nebelung würde sich freilich anders ausdrücken ) , sich widerspiegeln sieht : dann – dann gerade ist die richtige Zeit für old iniquity : dann ist die Zeit , wo der seltene gewitzigte Mensch der Schönheit und Lieblichkeit der Welt um ihn her am wenigsten traut . » Ich traue dem Dinge nicht so recht « , sagt der gewitzigte Mensch , und diese Redensart , die er wahrlich nicht aus sich selber hat , stammt nicht aus der dunklen Nacht , sondern von dem hellen Tag her . Der alte Feind weiß es nur allzu gut , wann er sich am nachdrücklichsten ein Vergnügen mit den Erdbewohnern machen und seine Späße am boshaftesten in Szene setzen kann . Was war es denn gewesen , was den beiden guten alten Herren die Laune in dieser gemütlichen Stunde verdorben hatte ? Nichts ! Ein Nichts ! Ein Garnichts ! Der Schatten eines Gespenstes – Seine höchstselige Hoheit Alexius der Dreizehnte . Aber wenn derselbe sich als der dreizehnte Gast höchsttrübseligst an einer festlich geschmückten Hochzeitstafel niedergelassen haben würde , so hätte sein Erscheinen da keine verstimmendere Wirkung haben können als hier in der Jasminlaube , wo man zu drei sich befand . Er war in die Laube eingetreten , und zwar in his nightgowne , d.h. nicht in der Uniform seines Leibbataillons , sondern im schwarzen Frack , den Zylinderhut in der Hand und den Großkordon seines Hausordens samt dem Stern über der Brust :