» poverello « und beides lautet wohl , ob ich auch unsere landesüblichen Liebeswörter nicht schelten will , wenn sie ehrlich gemeint sind . Zugleich aber war mein Gelübde verfallen und mahnte mich mit jedem Aveläuten . Da kamen mir oft flüsternde Gedanken , wie z.B. : » Das Gelübde eines unschuldigen Kindes , das nicht weiß , was Mann und Weib ist , hat dich nicht weggeben können ! « oder : » Die Mutter Gottes , nobel wie sie ist , hätte dir das Mütterlein wohl auch umsonst und vergebens geschenkt ! « Doch ich sprach dagegen : » Handel ist Handel ! « und » Ehrlich währt am längsten ! « Sie hat ihn gehalten , so will ich ihn auch halten . Ohne Treu und Glauben kann die Welt nicht bestehen . Wie sagte der Vater selig ? Ich hielte dem Teufel Wort , sagte er , geschweige dem Herrgott . Nun höret , ehrwürdiger Herr , wie ich es meine ! Seit die Mutter Gottes der Königin das Kreuz trug , hilft sie es , ihr Kloster bevölkernd , seit urewigen Zeiten allen Novizen ohne Unterschied tragen . Es ist ihr eine Gewohnheit geworden , sie tut es gedankenlos . Mit diesen meinen Augen habe ich – eine Neunjährige – gesehen , wie das Lieschen von Weinfelden , ein sieches Geschöpf , da es hier Profeß tat , das zentnerschwere Kreuz spottend und spielend auf der schiefen Schulter trug . Nun sage ich zur Mutter Gottes : » Willst du mich , so nimm mich ! Obwohl ich – wenn du die Gertrude wärest und ich die Mutter Gottes – ein Kind vielleicht nicht beim Wort nehmen würde . Aber gleichviel – Handel ist Handel ! Nur ist ein Unterschied . Der Herzogin , von Sünden schwer , ward es leicht und wohl im Kloster ; mir wird es darinnen wind und weh . Trägst du mir das Kreuz , so erleichtere mir auch das Herz ; sonst gibt es ein Unglück , Mutter Gottes ! Kannst du mir aber das Herz nicht erleichtern , so laß mich tausend Male lieber zu meiner Schande und vor aller Leute Augen stürzen und schlagen platt auf den Boden hin . « ‹ Während ich diese schwerfälligen Gedanken , langsam arbeitend , tiefe Furchen in Gertrudes junge Stirn ziehen sah , lächelte ich listig : › Ein behendes und kluges Mädchen zöge sich mit einem Straucheln aus der Sache ! ‹ Da lodern ihre blauen Augen . › Meint Ihr , ich werde fälschen , Herr ? ‹ zürnte sie . › So wahr mir helfe Gott Vater , Sohn und Geist in meinem letzten Stündlein , so redlich will ich das Kreuz tragen mit allen Sehnen und Kräften dieser meiner Arme ! ‹ und sie hob dieselben leidenschaftlich , als trüge sie es schon , so daß die Ärmel der Kutte und des Hemdes weit zurückfielen . Da betrachtete ich , als ein Florentiner , der ich bin , die schlankkräftigen Mädchenarme mit künstlerischem Vergnügen . Sie wurde es gewahr , runzelte die Stirn und wandte mir unmutig den Rücken . Nachdem sie gegangen war , setzte ich mich in einen Beichtstuhl , legte die Stirn in die Hand und sann – wahrlich nicht über das barbarische Mädchen , sondern über den römischen Klassiker . Da jubelte mein Herz und ich rief überlaut : › Dank , ihr Unsterblichen ! Geschenkt ist der Welt ein Liebling der komischen Muse ! Plautus ist gewonnen ! ‹ Freunde , eine Verschwörung von Gelegenheiten verbürgte mir diesen Erfolg . Ich weiß nicht , mein Cosmus , wie du vom Wunderbaren denkst ? Ich selbst denke läßlich davon , weder abergläubisch , noch verwegen ; denn ich mag die absoluten Geister nicht leiden , welche , wo eine unerklärliche Tatsache einen Dunstkreis von Aberglauben um sich sammelt , die ganze Erscheinung – Mond und Hof – ohne Prüfung und Unterscheidung entweder summarisch glauben oder ebenso summarisch verwerfen . Das Unbegreifliche und den Betrug , beide glaubte ich hier zu entdecken . Das schwere Kreuz war echt und eine großartige Sünderin , eine barbarische Frau , mochte es gehoben haben mit den Riesenkräften der Verzweiflung und der Inbrunst . Aber diese Tat hatte sich nicht wiederholt , sondern wurde seit Jahrhunderten gauklerisch nachgeäfft . Wer war schuldig dieses Betruges ? Irre Andacht ? Rechnende Habsucht ? Das bedeckte das Dunkel der Zeiten . Soviel aber stand fest : Das grausige , alterschwarze Kreuz , das vor dem Volke schaustund , und das von einer Reihenfolge einfältiger oder einverstandener Novizen und neulich noch von dem schwächlichen und verschmitzten Lieschen zu Weinfelden bei ihrer Einkleidung getragene waren zwei verschiedene Hölzer , und während das schwere auf der Klosterwiese gezeigt und gewogen wurde , lag ein leichtes Gaukelkreuz in irgendeinem Verstecke des Klosters aufgehoben und eingeriegelt , um dann morgen mit dem wahren die Rolle zu wechseln und die Augen des Volkes zu täuschen . Das Dasein eines Gaukelkreuzes , von welchem ich wie von meinem eigenen überzeugt war , bot mir eine Waffe . Eine zweite bot mir ein Zeitereignis . Drei entsetzte Päpste und zwei verbrannte Ketzer genügten nicht , die Kirche zu reformieren ; die Kommissionen des Konzils beschäftigten sich , die eine mit diesem , die andere mit jenem abzustellenden Übelstande . Eine derselben , in welcher der Doctor christianissimus Gerson und der gestrenge Pierre d ' Ailly saßen und ich zeitweilig die Feder führte , stellte die Zucht in den Nonnenklöstern her . Die in unsichern Frauenhänden gefährlichen Scheinwunder und die schlechte Lektüre der Schwestern kamen da zur Sprache . Im Vorbeigehen – diese Dinge wurden von den zwei Franzosen mit einer uns Italienern geradezu unbegreiflichen Pedanterie behandelt , ohne den leichtesten Scherz , wie nahe er liegen mochte . Genug , die Tatsache dieser Verhandlungen bildete den Zettel , die Verschuldung eines Scheinwunders den Einschlag meines Gewebes und das Netz war fertig , welches ich der Äbtissin unversehens über