Vater und dieser leerte ihn aus Verdruß mit einem Zuge . » Mag es denn sein , du törichter Junge ! « sagte Planta , » aber jetzt mach , daß du fortkommst . Auch wir werden bald aufbrechen . « Jenatsch schied und Lucretia wurde von der Magisterin zu den Stachelbeersträuchern in den kleinen Hausgarten geführt , um sich , wie die kinderfreundliche Frau sagte , ihren Nachtisch selbst zu holen . Während die Herren , diesmal in italienischer Sprache sich unterhaltend , noch einmal zum Becher griffen , setzte sich Waser still in eine Fensternische mit einem Orbis pictus , in den er angelegentlich vertieft schien . Der Schlaue war des Italienischen nicht unkundig , er hatte es mit Jenatsch halb spielend getrieben und ließ , mit scharfem Ohre lauschend , sich kein Wort des interessanten Gespräches entgehen . » Ich werde dem Jungen den Kinderbecher zehnfach ersetzen « , begann Planta . » Kein übler Bursche , wenn er nicht so hoffärtigen und verschlossenen Gemütes wäre . Hochmut kleidet schlecht , wo das Brot im Hause mangelt . Sein Vater , der Pfarrer von Scharans , ist ein grundbraver Mann und spricht als mein Nachbar häufig bei mir ein . Früher häufiger als jetzt . Ihr könnt Euch nicht vorstellen , Herr Magister , welch ein schlimmer Geist in unsere Prädikanten gefahren ist . Sie donnern von den Kanzeln gegen den spanischen Kriegsdienst und predigen Gleichberechtigung des Letzten mit dem Ersten zu allen Ämtern im Lande , auch zu den wichtigsten , was bei den gefährlichen politischen Konjunkturen , welche die umsichtigste Führung unsers Staatsschiffleins erfordern , notwendig zum Verderben des Landes ausschlagen muß . Von der unsinnigen protestantischen Propaganda , mit der sie unsere katholischen Untertanen im Veltlin quälen , will ich nicht reden . Ich bin wieder katholisch geworden , Herr , obgleich ich von reformierten Eltern stamme . Warum ? Weil im Protestantismus ein Prinzip des Aufruhrs auch gegen die politische Autorität liegt . « » Stellt Eure Pfarrer besser « , warf Semmler behaglich lächelnd ein , » und sie werden als zufriedene und angesehene Leute dem Untertan von der notwendigen Ungleichheit der menschlichen Verhältnisse den richtigen Begriff zu geben wissen . « Planta lachte etwas höhnisch über diese der bündnerischen Opferwilligkeit gemachte Zumutung . » Um auf den Jungen zurückzukommen « , sagte er dann , » so gehört er auf einen Kriegsgaul , nicht hinter das Kanzelbrett , und würde dort weniger Unheil stiften . Ich hab es dem Alten oft gesagt : Gebt den Burschen mir , es ist schade um ihn ! Aber der besegnete sich vor dem spanischen Kriegsdienste , wohin ich den hübschen Jungen empfehlen wollte . « Semmler nippte bedächtig seinen Wein und schwieg . Er schien den Widerwillen des Scharanserpfarrers gegen die seinem Sohne geöffnete Laufbahn nicht zu mißbilligen . » Ein Weltkrieg steht bevor « , fuhr Planta leidenschaftlicher fort , » und wer weiß , wie weit es ein so verwegenes Blut bringen könnte ! Tollkühn ist der Bursche über alles Maß . Da muß ich Euch doch etwas erzählen , Herr Magister ! Im Sommer vor etlichen Jahren – der Junge war noch zu Hause – trieb er sich täglich mit meinem Bruderssohne Rudolf und mit Lucretia auf dem Riedberg herum . Da kommt einmal Lucretia , als ich durch den Garten gehe , im Sturm mit freudeblitzenden Augen auf mich zugelaufen . › Sieh , sieh , Vater ! ‹ ruft sie atemlos und deutet in die Höhe zu den Schwalbennestern meines Schloßturmes . Was erblick ich dort , Herr Magister ! Ratet einmal ... Den Jürg , der rittlings auf dem äußersten Ende eines weit aus der Dachluke ragenden und sich auf und nieder wiegenden Brettes sitzt . Und der Schlingel schwingt noch den Filz und begrüßt uns mit Jubelgeschrei ! Der andere mochte drinnen auf dem sicheren Ende der improvisierten Schaukel hocken , und da Rudolf – ich sag es ungern – ein tückischer Junge ist , graute mir vor dem Wagstück . Ich erhob drohend die Hand und eilte hinauf . Als ich ankam , war alles wieder an Ort und Stelle . Ich faßte Jürg am Kragen , ihm seine Frechheit vorhaltend ; er antwortete aber ruhig , Rudolf hätte gemeint , er würde sich dessen nicht getrauen , und das hätte er nicht dürfen auf sich sitzen lassen . « Semmler , dessen Hände bei dieser Geschichte ängstlich nach den Armlehnen seines Stuhls gegriffen hatten , erlaubte sich nun das in ihm aufsteigende Bedenken auszusprechen , ob der Umgang Lucretias mit so wilden Jungen , vornehmlich mit dem durch eine unübersteigliche , mit der Zeit immer größer werdende Kluft von ihr getrennten Jenatsch , nicht die weibliche Zartheit und adelig feine Sitte des kleinen Fräuleins gefährden könnte . » Flausen ! « rief der Freiherr . » Ihr dürft Euch darüber keine Gedanken machen , daß das Kind dem Jungen nach Zürich nachgelaufen ist . Daran ist niemand als der Rudolf schuld . Er tyrannisiert das Mädchen und ängstigt es damit , daß er es seine kleine Braut nennt . – Er mag wohl derartiges von seinem Vater gehört haben , meinem Bruder wär es nicht unwillkommen , denn ich bin der Reichere ; – aber das liegt in weitem Felde . Kurz sie hat den stärkern Jürg , den der andere fürchtet , zu ihrem Beschützer gemacht . – Natürlich Kindereien . – Lucretia kommt nächstens zu adeliger Erziehung ins Kloster und hinter den Mauern wird sie mir sittsam genug werden , denn sie ist nachdenklichen Gemüts . – Was übrigens Eure unübersteiglichen Klüfte betrifft , so meinen wir in Bünden , auch wenn wir es nicht sagen : Das ist Vorurteil . Ehre , Macht und Besitz , versteht sich von selbst , muß haben , wer um eine Planta werben will . Ob es aus Jahrhunderten stamme oder gestern errafft sei , darnach fragen wir zuletzt . « – Hier verjagte der sausende