mich zu , er griff mich bei der Hand und stellte mich einem ergrauten Herrn von feiner Erscheinung und einem schlanken Mädchen im Reitkleide vor mit den Worten : » Mein Kamerad und Landsmann ... « dabei sah er mich fragend an . » Schadau von Bern « , schloß ich die Rede . » Es ist mir höchst angenehm « , erwiderte der alte Herr verbindlich , » mit einem jungen Bürger der berühmten Stadt zusammenzutreffen , der meine Glaubensbrüder in Genf so viel zu danken haben . Ich bin der Parlamentrat Chatillon , dem der Religionsfriede erlaubt , nach seiner Vaterstadt Paris zurückzukehren . « » Chatillon ? « wiederholte ich in ehrfurchtsvoller Verwunderung . » Das ist der Familienname des großen Admirals . « » Ich habe nicht die Ehre mit ihm verwandt zu sein « , versetzte der Parlamentrat » oder wenigstens nur ganz von fern ; aber ich kenne ihn und bin ihm befreundet , soweit es der Unter schied des Standes und des persönlichen Wertes gestattet . Doch setzen wir uns , meine Herrschaften . Die Suppe dampft und der Abend bietet noch Raum genug zum Gespräch . « – Ein Eichentisch mit gewundenen Füßen vereinigte uns an seinen vier Seiten . Oben war dem Fräulein , zu ihrer Rechten und Linken dem Rat und Boccard und mir am untern Ende der Tafel das Gedeck gelegt . Nachdem unter den üblichen Erkundigungen und Reisegesprächen das Mahl beendigt und zu einem bescheidenen Nachtisch das perlende Getränk der benachbarten Champagne aufgetragen war , fing die Rede an zusammenhängender zu fließen . » Ich muß es an euch loben , ihr Herren Schweizer « , begann der Rat , » daß ihr nach kurzen Kämpfen gelernt habt , euch auf kirchlichem Gebiete friedlich zu vertragen . Das ist ein Zeichen von billigem Sinn und gesundem Gemüt und mein unglückliches Vaterland konnte sich an euch ein Beispiel nehmen . – Werden wir denn nie lernen , daß sich die Gewissen nicht meistern lassen , und daß ein Protestant sein Vaterland so glühend lieben , so mutig verteidigen und seinen Gesetzen so gehorsam sein kann als ein Katholik ! « » Ihr spendet uns zu reichliches Lob ! « warf Boccard ein . » Freilich vertragen wir Katholiken und Protestanten uns im Staate leidlich ; aber die Geselligkeit ist durch die Glaubensspaltung völlig verdorben . In früherer Zeit waren wir von Fryburg mit denen von Bern vielfach verschwägert . Das hat nun aufgehört und langjährige Bande sind zerschnitten . Auf der Reise « , fuhr er scherzend zu mir gewendet fort , » sind wir uns noch zuweilen behilflich ; aber zu Hause grüßen wir uns kaum . Laßt mich Euch erzählen : Als ich auf Urlaub in Fryburg war – ich diene unter den Schweizern seiner allerchristlichsten Majestät – , wurde , gerade die Milchmesse auf den Plaffeyer Alpen gefeiert , wo mein Vater begütert ist und auch die Kirchberge von Bern ein Weidrecht besitzen . Das war ein trübseliges Fest . Der Kirchberg hatte seine Töchter , vier stattliche Bernerinnen , mitgebracht , die ich , als wir Kinder waren , auf der Alp alljährlich im Tanze schwenkte . Könnt Ihr glauben , daß nach beendigtem Ehrentanze die Mädchen mitten unter den läutenden Kühen ein theologisches Gespräch begannen und mich , der ich mich nie viel um diese Dinge bekümmert habe , einen Götzendiener und Christenverfolger schalten , weil ich auf den Schlachtfeldern von Jarnac und Moncontour gegen die Hugenotten meine Pflicht getan ? « » Religionsgespräche « , begütigte der Rat , » liegen jetzt eben in der Luft ; aber warum sollte man sie nicht mit gegenseitiger Achtung führen und in versöhnlichem Geiste sich verständigen können ? So bin ich versichert , Herr Boccard , daß Ihr mich wegen meines evangelischen Glaubens nicht zum Scheiterhaufen verdammt , und daß Ihr nicht der letzte seid , die Grausamkeit zu verwerfen , mit der die Calvinisten in meinem armen Vaterlande lange Zeit behandelt worden sind . « » Seid davon überzeugt ! « erwiderte Boccard . » Nur dürft Ihr nicht vergessen , daß man das Alte und Hergebrachte in Staat und Kirche nicht grausam nennen darf , wenn es sein Dasein mit allen Mitteln verteidigt . Was übrigens die Grausamkeiten betrifft , so weiß ich keine grausamere Religion als den Calvinismus . « » Ihr denkt an Servet ? « – sagte der Rat mit leiser Stimme , während sich sein Antlitz trübte . » Ich dachte nicht an menschliche Strafgerichte « , versetzte Boccard , » sondern an die göttliche Gerechtigkeit , wie sie der finstere neue Glaube verunstaltet . Wie gesagt , ich verstehe nichts von der Theologie , aber mein Ohm , der Chorherr in Fryburg , ein glaubwürdiger und gelehrter Mann , hat mich versichert , es sei ein calvinistischer Satz , daß eh es Gutes oder Böses getan hat , das Kind schon in der Wiege zur ewigen Seligkeit bestimmt , oder der Hölle verfallen sei . Das ist zu schrecklich , um wahr zu sein ! « » Und doch ist es wahr « , sagte ich , des Unterrichts meines Pfarrers mich erinnernd , » schrecklich oder nicht , es ist logisch ! « » Logisch ? « fragte Boccard . » Was ist logisch ? « » Was sich nicht selbst widerspricht « , ließ sich der Rat vernehmen , den mein Eifer zu belustigen schien . » Die Gottheit ist allwissend und allmächtig « , fuhr ich mit Siegesgewißheit fort , » was sie voraussieht und nicht hindert ist ihr Wille , demnach ist allerdings unser Schicksal schon in der Wiege entschieden . « » Ich würde Euch das gern umstoßen « , sagte Boccard , » wenn ich mich jetzt nur auf das Argument meines Oheims besinnen könnte ! Denn er hatte ein treffliches Argument dagegen ... « » Ihr tätet mir einen Gefallen « , meinte der Rat , » wenn es Euch gelänge ,