] suchend , auf und ab . Da es jedoch den Anschein hatte , als ob sie sich in ihrer Verwirrung zwischen das sausende Erz stürzen wolle , so lief ein alter Mann hinzu , welcher sie am Arme faßte und , um das Glockengebraus zu übertönen , ihr heftig und laut in die Ohren schrie . Sie aber riß sich los und eilte mit Blitzschnelle und abgewendetem Gesicht an dem fremden vorüber , die Treppe hinab , wo sie alsbald in der unten herrschenden Dunkelheit verschwand . Dies Alles war das Werk eines Augenblickes gewesen . Zugleich erschollen die letzten Glockenschläge mit fast betäubender Gewalt , um bald darauf hinzusterben in ein schwaches , unregelmäßiges Klingen , das zuletzt als wehmüthiges Tongeflüster in den Lüften verschwamm . Dann hingen sie still und dunkel da , die Glocken , mit gebundenen schwingen den Klangreichthum in sich betrauernd , weil er schweigen muß nach dem Willen der kleinen Menschen da drunten . Aber noch lange nach ihrem Verklingen , selbst wenn der schwächste Ton ausgezittert hat , ist es , als entströme ihnen ein unsichtbares Leben , als zögen die Geister der abgeschiedenen Klänge leise dem Strome nach , der mächtig hinausfluthet und in Millionen Arme getheilt an die Menschenbrust schlägt ; er rauscht an das verstockte Gemüth , das sich grimmig wehrt und windet unter der unabweisbaren Mahnung , und löst sich harmonisch auf in der spiegelklaren Fluth , die wir „ eine reine Seele “ nennen . Mehrere Männer , welche das Geläute besorgt hatten , waren indessen von den Balken herabgestiegen und gingen grüßend die Treppe hinab , indem sie ihre Röcke anzogen . Jener alte Mann aber , der mit dem Mädchen gesprochen halte , zog höflich seine Mütze vor dem Fremden , wobei ein ehrwürdiger , schneeweißer Scheitel sichtbar wurde , und sagte mit einem eigenthümlich gutmüthigen Anflug in der Stimme : „ Was hat denn der Herr dem Lenchen gethan , daß sie so ganz außer Rand und Band war ? Um ein Haar wär ’ sie von den Glocken erschlagen worden . “ „ Sehe ich denn aus wie ein Mädchenverfolger , alter Jacob ? “ fragte lächelnd der junge Mann . Der Alte blickte erstaunt auf . „ Der Herr kennt mich ? “ fragte er und sah dem Fremden forschend in ’ s Gesicht , während er die dicken , weißen Augenbrauen zusammenzog und die Hand schützend über die Augen hielt , um besser sehen zu können . „ Es scheint , ich habe ein treueres Gedächtniß für meine alten Freunde , als Ihr … Wie könnte ich wohl den Mann vergessen , der alle meine tollen Knabenstreiche unterstützte , der mir manchen Apfel vom Baume geschüttelt hat und mich gern als zweiten Reiter auf meines Vaters Braunem duldete , wenn er ihn nach der Schwemme ritt ! “ erwiderte der Fremde und reichte dem Alten freundlich die Hand . „ Herr Jesus ! “ rief der alte Mann . „ Nein , wie kann man aber auch so blind werden ! Ja , das Alter , das Alter … Na , das ist eine Freude ! … Hätt ’ nicht gemeint , den jungen Herrn Werner in meinen alten Tagen noch einmal zu sehen … Und wie groß und stattlich Sie geworden sind … Jetzt müßte die sel ’ ge Mutter kommen , die würde wohl Augen machen , wenn sie ihr Herzblut sähe ! – Bleiben Sie denn nun aber auch bei uns ? “ „ Für ’ s Erste , ja … Nun sagt mir aber , wer ist denn das Mädchen , das hier im Fenster saß ? “ „ ’ s Lenchen , der Seejungfer ihr Schwesterkind . “ „ Was , der Tater ? “ „ Ach , du meine Güte , das wissen Sie noch ? … Ja , die bösen Kinder hatten sie so getauft ; aber aus dem Tater ist ein schönes Mädchen geworden . Die Leute wissen ’ s nicht so , weil sie sich immer hinter den Mauern verkriecht , und in den armseligen Kleidern sieht man ’ s auch nicht gleich … Es giebt auch Dumme genug , die meinen , es sei nicht ganz richtig bei ihr , weil sie manchmal so absonderlich ist . Es ist wahr , sie führt freilich mitunter Reden , die Unsereiner nicht versteht , muß sie denn aber deshalb gerade verrückt sein ? … Sehen Sie , Herr Werner , “ fuhr der Alte fort und strich mit der großen , schwieligen Hand über die Augen , „ das ist immer gar ein armes Ding gewesen , so allein , keinen Vater und keine Mutter … Ich hatte sie im Anfang gar nicht weiter angesehen , wenn sie auf den Thurm kam , die Andern nannten sie mir die Unke , weil sie immer so still in ihr Winkelchen kroch , aber einmal , da sah ich sie , wie sie ihr Köpfchen in die eine Glocke legte , die gerade ausgeklungen hatte , und sie streichelte , als ob es ein lieber Mensch sei , das dauerte mich . Ich ging auf sie zu und redete sie an , da machte sie jedoch ganz erschrockene Augen und schoß die Treppe hinunter wie eine wilde Katze . Später hat sich ’ s aber doch noch gemacht . Wir wurden gute Freunde , und ich gewöhnte mich so an das närrische kleine Ding , daß mir nachher meine Frau jeden Sonntag mein Töpfchen Kaffee hierher auf den Thurm bringen muße , weil ich ihn daheim immer kalt werden ließ ; daß da die kleine mittrank , können Sie sich denken . “ „ Dann habe ich Euch heute um Euer Kaffeestündchen gebracht , denn es scheint , das Mädchen kommt nicht wieder , “ sagte Werner und bog sich aus dem Thurmfenster . Tief unten lag das Mauergärtchen , aber es herrschte dort sowohl , wie in der kleinen Gasse eine Todtenstille . Die