Sachverhaltes zur Gewissenspflicht gemacht hätte . Der Arzt wandte sich schweigend von ihm ab . Unter seinen Bemühungen schlug zwar der Schloßmüller die Augen wieder auf , aber er stierte mit wirrem , erloschenem Blick ins Leere , und der Versuch , zu sprechen , erstarb in einem schwachen Gurgeln und Lallen . Mehrere Stunden später verließ der Kommerzienrat Römer die Schloßmühle – es war Alles vorüber . Ueber die Thüren des Sterbezimmers und des Alkovens spannten sich bereits breite Papierstreifen . Der Kommerzienrat hatte sofort nach dem letzten Athemzuge des Schloßmüllers bei den Gerichten Anzeige gemacht und als vorsichtiger und gewissenhafter Mann vor seinen Augen versiegeln lassen . 2. Er schritt jetzt durch den Park nach Hause . Die Lichter der Mühle , die noch eine kleine Strecke weit einen schwachen Schein auf seinen Weg herausgeworfen , verschwanden hinter ihm ; er wandelte nun allein mit sich selbst in tiefster Finsterniß , und nicht der scharfe Windhauch , der ihn anblies , nicht die vereinzelten Schneeflocken , die wie flatterndes Nachtgevögel eisigkalt an seiner Wange niederstrichen , nein , seine aufgeregten Gedanken und die Erinnerung an den Anblick , den er stundenlang hatte ertragen müssen , sie waren es , die einen Schüttelfrost durch seine Glieder jagten . Auf demselben Wege , dessen Kieselgeröll jetzt mißtönend unter seinen Füßen rasselte , war er heute Nachmittag gekommen , eben aufgestanden vom reichbesetzten Mittagstisch , sorglos , seinen vielberufenen Glücksstern über sich wähnend – und nun , nach wenigen Stunden , wollte es fast scheinen , als trage er Mitschuld am Tode eines Menschen , er , der Kommerzienrat Römer , der um seiner empfindlichen Nerven willen nicht einmal ein Thier leiden sehen mochte ! Bah , das war der Neid der Götter , der kein ungetrübtes Menschenloos duldet , der dem Glücklichen gern Steine auf die glatte Bahn wirft , und welcher jetzt auch bemüht war , ihm einen Nagel in das Gewissen zu drücken ; der heitere Lebensgenuß sollte ihm vergällt werden – mit nichten ! Ihn traf nur ein Vorwurf , der des Verschweigens , aber wem schadete er denn damit ? Niemand , Niemand auf Gottes weiter Erde ! Basta – er war mit sich fertig . Eben bog er in die breite Lindenallee ein , welche direct auf die Villa zulief . Ströme silberweißen Lichtes flossen durch Fenster und Glasthüren des unteren Balkonzimmers . Von dort her griff das üppige Leben voll Genuß mit weißen , schwellenden Armen nach ihm und zog ihn an sich aus Nachtdunkel und innerer Bedrängniß . Er atmete befreit auf ; er warf die schlimmen Eindrücke der letzten Stunden weit hinter sich und ließ sie gleichsam verfließen mit dem Rauschen des Mühlwassers , das in der Ferne allmählich erstarb . In dem Salon dort , am Thee- und Whisttische der verwitweten Frau Präsidentin Urach , hatte sich eine zahlreiche Abendgesellschaft eingefunden . Die sehr tiefgehenden mächtigen Glasscheiben und das klar durchsichtige Bronzegeflecht des niedrigen Balkongeländers gestatteten einen vollkommenen Einblick in den Salon . Seine farbenglänzenden Wandgemälde , die faltenschweren Thürbehänge von veilchenblauem Sammet , der schwebende Kettenleuchter von Goldbronze , den die mit dem Silberlichte des Gases gefüllten Milchglaskugeln wie riesige Perlen umkreisten , ließen ihn feenhaft , aber auch herausfordernd wie eine Schaubühne aus dem intensiven Dunkel des Winterabends treten . … Ein Windstoß pfiff durch die Allee und schüttete ein Gemisch von Schneeflocken und dürren Lindenblättern wie toll über den Balkon her ; die vornehme Ruhe hinter den Scheiben ließ sich nicht alterieren durch den groben Gesellen ; nicht einmal das luftige Gewebe der Spitzengardinen bewegte sich – höchstens , daß der Feuerkern im Eckkamin unter seinem grimmigen Athem für einen Moment höher aufglühte . Und der immer rascher daherschreitende Mann draußen überblickte mit einer Art von innerlich zitterndem Wonnegefühl die Gruppen der Versammelten – nicht daß blonde und dunkle Locken , weiche , schlanke Frauen- und Mädchengestalten sein Auge entzückt hätten , die Frühlingsgenieen des Deckengemäldes streckten vielmehr ihre mit Anemonen und Maiblumen gefüllten Händchen über Matronenhäubchen , über gebleichte Scheitel und Glatzköpfe hin – aber welche Namen waren da vertreten ! Officiere von hohem Range , pensionierte Hofdamen und Herren vom Ministerium saßen an den Spieltischen , oder umsaßen , ihren steifen Rücken in den blauen Sammet der Lehnstühle gedrückt , plaudernd den wärmenden Kamin . Auch der alte , hochmüthige Medicinalrath von Bär war da . Beim Auswerfen der Karten zuckten Blitze von seinen kostbaren Brillantringen , lauter Geschenken fürstlicher Personen . Und alle diese Leute waren in seinem Hause , im Hause des Kommerzienrat Römer ; der rubinfunkelnde Wein in den Gläsern war aus seinem Keller , und die frischen , duftenden Erdbeeren , welche die betreßten Diener in großen Krystallschalen eben herumreichten , hatte er bezahlt . Die Frau Präsidentin Urach war die Großmama seiner verstorbenen Frau ; sie machte mit unumschränkter Macht über seine Kasse die Honneurs im Hause des Witwers . Der Kommerzienrat bog um die westliche Seite des Hauses . Hier waren nur zwei Fenster im Erdgeschoß beleuchtet ; ziemlich nahe dem einen brannte eine Hängelampe und warf die helle Glut der roten Gardine so weit hinaus , daß der weiße Leib der steinernen Brunnennymphe drüben vor der Boscage in einem vollen Rosenlichte schwamm . Der Kommerzienrat schüttelte den Kopf ; er trat in das Haus , ließ sich von einem herbeieilenden Diener den Ueberzieher abnehmen und öffnete die Thür des Zimmers , in dem sich die roten Vorhänge befanden . Der ganze Raum war rot ; Tapeten , Möbelbezüge , selbst der Teppich , der sich über den Fußboden hinspannte , trug die satte , dunkle Purpurfarbe . Unter der Hängelampe stand ein Schreibtisch , ein Möbel von wunderlicher Form , in chinesischem Geschmacke schwarz lackiert , mit Goldgeäder und feinen Goldarabesken ; es war ein Arbeitstisch im vollsten Sinne des Wortes ; aufgeschlagene Bücher , Papierhefte und Zeitungen bedeckten seine breite Platte , auch ein dickes Manuskript mit quer darüber hingeworfenem Stifte lag da , und daneben stand auf