aber blitzschnell bei der drohenden Gefahr hinter der Hecke verschwunden war . Dieser Vorfall hatte einen unauslöschlichen Eindruck auf sie gemacht ; auch in ihrem Gemüt faßte die Erbitterung jetzt Wurzel ; der Groll rückte abermals um eine Generation weiter , und die Enkel neigten so wenig zur Versöhnung , wie ehemals die erzürnten Großväter . [ 420 ] Die Jahre vergingen . Hubert ’ s Nachkommenschaft sank im blühenden Alter in ’ s Grab bis auf den Einen , der Tante Bärbchens Kinderherz so tief verwundet hatte . Er heiratete eine junge Dame aus vornehmer Familie und siedelte nach siebenjähriger Ehe auf den Wunsch seiner geld- und adelstolzen Frau aus der kleinen Stadt in eine große Residenz über . Haus und Garten wurden vermietet , und nun faltete der finstere Dämon , der so lange die beiden Häuser umkreist hatte , seine Flügel zusammen ; es war , als müßten selbst Bäume und Sträucher aufatmen , als drüben der letzte Koffer aus dem Hause getragen wurde . Eine lange Zeit der ungestörten Ruhe folgte jetzt für Tante Bärbchen , bis auf einmal das moderne Haus jenseit der Hecke aufstieg und , eine neue Quelle des Aergers und Streits , höhnend herübersah . Die Hofrätin verlor stets ihre gute Laune auf mehrere Stunden , sobald sie an die verhaßte Nachbarschaft erinnert wurde ; heute aber war selbst die Unverschämtheit der Dienstleute von drüben sofort vergessen und ein strahlendes Lächeln des Wohlgefallens glitt über die Züge der alten Dame , als ihre Augen dem jungen Mädchen folgten , das leichtfüßig vor ihr her nach dem Hause zuflog . Lilli war das Kind ihrer liebsten Jugendfreundin , die sich nach Berlin verheiratet hatte . Soweit das junge Mädchen zurückdenken konnte , hatte sie stets die Sommermonate bei der Hofrätin zugebracht ; denn ihre Gesundheit war immer eine äußerst zarte gewesen und hatte in der kräftigen Thüringer Luft erstarken sollen . Seit drei Jahren waren indeß diese Reisen unterblieben . Lilli ’ s Mutter starb , und in der ersten Zeit des Schmerzes wollte sich der Vater von seinem Kind nicht trennen . Erst jetzt hatte er auf Lilli ’ s inständige Bitten nachgegeben ; sie empfand tiefe Sehnsucht nach der Tante , die ihr stets einen größeren Fond von Liebe entgegengebracht , als die eigene Mutter . Daher ihre Ungeduld , ihre Todesverachtung , mit der sie auf der letzten Eisenbahnstation die sogenannte Mäuseherberge bestiegen hatte . Jetzt lag das junge Mädchen in einem altmodischen , aber bequemen Lehnstuhl . Statt des schwarzseidenen Reisekleides flossen die weichen Falten eines hellen Muslins um die Gestalt , an der augenscheinlich die Thüringer Luft ihre gerühmte Kraft und Stärke umsonst versucht hatte . Man konnte nichts Zarteres sehen , als diese feinen Glieder , die , eben in sich zusammensinkend , schmal und klein zwischen den Polstern ruhten , scheinbar , ohne dieselben zu drücken . Sah es doch fast aus , als ob selbst die dunklen Flechten am Hinterkopf zu schwer seien für den schlanken Hals ; denn das Haupt bog sich stets leicht hintenüber , als zöge es die Wucht der allerdings unglaublichen Haarfülle zurück . In solchen Momenten der Ruhe und Hingebung ahnte wohl Niemand , daß diese weichen Glieder urplötzlich wie mittels Stahlfederkraft Bewegungen voller Energie annehmen konnten , während jene sanfte Neigung des Kopfes zum Ausdruck jugendlichen Uebermutes und Eigenwillens wurde . Ebensowenig ließ sich hinter der leichtgewölbten Kinderstirn , die wie ein weißes Blumenblatt unter den zurückfließenden Haarströmen leuchtete , jener aufgeweckte , willenskräftige Geist vermuten , welcher eine so wunderbare Herrschaft über die zartgebaute Hülle ausübte . Ihre Blicke glitten in diesem Moment langsam und prüfend durch das Zimmer . Sie nickte dann und wann befriedigt mit dem Kopfe und lächelte naiv und vergnügt wie ein Kind , das seine liebsten Spielsachen nach einer Trennung wiedersieht . Ja , es war Alles noch beim Alten ! Da stand das wunderliche Kanapee mit den hohen Beinen und den dicken Federkissen . Sie wußte genau , daß diese vier kolossalen Polster eigentlich in einem Ueberzug von schwerer , grüner Seide steckten , aber Kappen von nicht zu vertilgendem , derbem Gingham bedeckten die veraltete Pracht . Die roten und blauen Hyacinthen dort auf den zwei blankgebohnten Kommoden hatten nichts von ihrer Schönheit eingebüßt – kein Wunder , sie waren ja genau von demselben Stoffe wie der kleine Dorfcantor , der mitten unter ihnen geigte , wie das zarte Schäfermädchen , das mit vieljährigem Lächeln unter dem blumengeschmückten Strohhütchen hervorsah – sie waren von Meißner Porcellan . Ach , und die Zeit war auch schonend an den beiden Pfauenfedern vorübergegangen , die hinter dem großen Spiegel steckten ! Er selbst warf noch immer das ihm gegenüberhängende Oelbild der mit Schminkpflästerchen bedeckten Großmutter zurück , und unten in den Ecken seiner versilberten Fassung steckten verschiedene Karten mit Verlobungsanzeigen und Neujahrsgratulationen . Und da trat eben der alte Sauer herein . Sein Rock war nicht um Haarbreite kürzer geworden ; Vatermörder und Nacken hielten sich stocksteif in unverminderter Harmonie , und sein Fuß machte genau die wohlbekannte , groteske Schwenkung , mittels welcher er zunächst den langen Rockflügel zurückwarf und dann die Tür hinter sich zutrat , wenn er etwas in den Händen trug . Er brachte die altmodische , silberne Teekanne und zwei wohlbekannte kostbare Täßchen von chinesischem Porcellan ; der Farbenschmelz ihrer abnormen Gebilde war noch derselbe , aber die Kittadern in den Untertassen hatten sich wohl um einige vermehrt … Welche Fülle von Erinnerungen aus der Kinderzeit stieg in Lilli ’ s Seele auf , als ein liebliches Aroma dem langgebogenen , häßlichen Schnabel der Teekanne entquoll und das Zimmer durchduftete ! Das war freilich nicht der kostbare Blumentee , den Seine Majestät von China Höchstselbst zu schlürfen pflegt , nicht der feine Pecco , den das verwöhnte Kind der großen Stadt daheim trank , die Blätter der heimischen Walderdbeere waren es , die unter dem siedenden Wasser ihre Duftadern öffneten und gesunde , kräftige Säfte ausströmten . Bei Tante