er kein Wasser mehr habe , ging mit dem Saufnapf zum Brunnen und füllte ihn . Als sie das Wasser so schön aus der Röhre sprudeln sah , konnte sie der Versuchung nicht widerstehen , ihren brennenden Kopf unter den kühlen Strahl zu beugen . „ Ernestine , was ist denn das wieder für eine Unart ! “ schrie die Haushälterin zum Fenster heraus , aber schon triefte das Wasser aus den langen Locken des Kindes herab über Schultern , Brust und Rücken . — „ Es wird in der Sonne trocknen , bis ich zur Frau Staatsrätin komme “ , dachte sie und brachte dem Hunde seinen Trunk ; eine zweite Liebkosung wies dieser aber knurrend ab , weil er sich nicht im Saufen stören lassen wollte . „ Nicht einmal der Hund kann mich leiden “ , dachte sie und schlich fort . „ Nur ein Mädchen ! deshalb ist der Vater so bös , weil ich kein Junge bin ? “ und im Weiter ­ schreiten murmelte sie das Wort in Einem fort und ihre Füße gingen im Takte darnach , wie nach einer Melodie : „ Nur ein Mädchen , — nur ein Mädchen ! “ — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Aus dem Fenster des oberen Stockwerks schauten ihr der Oheim und dessen Gattin nach . Die Letztere war wenigstens äußerlich der entschiedendste Gegensatz zu ihrem anämischen Gatten . Sie war ungewöhnlich beleibt und ihr lachendes Gesicht zeigte eine so mächtige Voll ­ blütigkeit , daß , wenn ihr Mann selbst ein Vampyr gewesen wäre , er sich jedenfalls von dem angehäuften Vorrat an Blut- und Lebensfülle eine hübsche Zeit nähren ge ­ konnt hätte . Er war aber kein solches Ungetüm , wenn er auch die Knappheit seines körperliches Seins mit einem gewissen Schmarotzerbehagen durch diese üppige Hälfte ergänzte und ihren warmen Lebensatem durstig einschlürfte , wie etwa der Frierende und Hungernde den Duft eines warmen Backofens . Eine poetischere Vergleichung ließ die fette Frau und ihr Verhältnis zu der feinen durchgeistigten Person des Gatten nicht zu , denn trotz ihrer strahlenden Schönheit , ihrer breiten buschigen Augenbrauen , und der glänzendschwarzen Herzkirschen-Augen , trotz des wild gewellten , dicken Haares über einer kräftigen Stirn , trug der ganze Ausdruck des breiten Gesichts mit seinem gedrungenen Doppelkinn und dem aufgeworfenen Mund ein so plumpes , geistloses und grobsinnliches Gepräge , daß ihr Anblick nur die materiellsten Gedankenverbindungen hervorrufen konnte . — Doch dieser Ausdruck bedeutete zugleich , daß , wie groß auch der körperliche und geistige Unterschied zwischen dem Paare sein mochte , — etwas da war , daß die Beiden einander ver ­ wandt machte — es war das Herz , das bei ihm verknöchert , bei ihr von Speck überwachsen war . Es gibt Menschen , deren Gemütsart sich durch die medizinische Benennung „ Fettherz “ trefflich ver ­ anschaulichen lässt . Er kennzeichnet alle jene Gemüter , die keiner Bewegung , keiner gesunden moralischen Tätigkeit mehr fähig sind , weil eine träge Sinnlichkeit sich , wie das Fett im Herzen , hemmend und lähmend darin abgelagert hat . — War auch der Entwicklungsgang im Gemüte ihres Gatten ein von dem ihren grundverschiedener gewesen , — so fiel doch das Endergebnis übereinstimmend genug aus , um zwischen den Eheleuten jene Harmonie herzustellen , in welcher gewöhnlich der „ Hehler “ mit dem „ Stehler “ lebt . Die dicke , brünette Frau war eine würdige Gesinnungsgenossin ihres hagern , blonden Mannes , und daß sie außerdem Mittel wußte , ihm das Leben an ­ genehm zu machen , die bei Niemandem ihre Wirkung verfehlen , der Geschmacks- und Geruchsnerven hat , bewies der mit köstlich duftenden Früchten , Biskuits und einer in Eis gekühlten Himbeerbowle besetzte Tisch vor dem schwellenden Sofa . — So ertrug denn der feine Denker die Beschränkteit und Plumpheit seiner „ besseren Hälfte “ um ihrer körperlichen Vorzüge und der Leichtig ­ keit willen , mit der sie sich zur Genossin seiner eigen ­ nützigen Pläne machen ließ , — als Köchin besaß sie ganz und gar seine Hochachtung und die Ehe dieser beiden so verschiedenen Menschen war vollkommen , was man eine glückliche nennt . „ ’ S ist eine scheußliche Kröte , die Ernestine “ , sagte die zärtliche Tante , ihrer kleinen , bleichen Nichte nach ­ schauend , wie sie gesenkten Kopfes dahinschlich , „ wenn ich sie auch noch so gut behandle , sie will ja doch nichts von mir wissen ; man sagt , Hunde und Kinder merkten , wer sie lieb hat und wer nicht ; so mag es das Balg ahnen , daß ich sie nicht mag . “ — „ Ob Du sie leiden magst , ob nicht , ist hier ganz Nebensache “ , entgegnete der Gatte . „ Du hast sie nicht an Dich zu fesseln verstanden und das ist ein Fehler , — denn der schlechte Schein von Hartwichs Grausamkeit gegen das Kind fällt dadurch auch mit auf uns . Man hält sie im Dorfe schon für ein Opfer liebloser Erziehung . Der Pfarrer betrachtet sie wie eine Märtyrerin , deren er sich als Christ annehmen müsse , der Schullehrer ist wegen ihres klugen Kopfes für sie eingenommen , — es fehlte nur , daß diese Leute uns auf den Hals kämen und meinem blödsinnigen Bruder noch in der elften Stunde das Gewissen rührten , daß er ihr in der Reue Gott weiß welche Vorteile zuwendete ! Das wäre ein fataler Streich , und solche Leute fallen leicht von einem Extrem ins andere . — Das Kind muß also unter jeder Bedingung von ihm fern gehalten werden . Gelingt es mir nicht , sie von hier fortzubringen , so müssen wir sie wenigstens durch Güte an uns ziehen und den Leuten den Mund stopfen !