Sandsteinboden . Und jetzt tönte eine weiche , biegsame Frauenstimme in sein Ohr . » Weinen Sie nicht so viel , meine gute Johanne , Sie werden noch recht viel Freude haben an dem kleinen Würmchen – weinen Sie doch nicht ! – Lieber Engelmann , benachrichtigen Sie den Herrn Oberprediger – meine Schwester scheint nicht zu kommen , sie wird Abhaltung haben . Wir wollen nicht länger warten . « Die Sprecherin wandte sich zu der Mutter und Franz Linden sah nun voll in ein junges Mädchenantlitz . Ja , es war nicht eigentlich schön , dieses schmale Oval , überschattet von goldigbraunem , üppigem Haar ; zu blaß der Teint , zu traurig der Ausdruck , den die etwas herabgezogenen Mundwinkel noch verschärften . Aber unter den 22 feingezeichneten , wenig geschwungenen Brauen sahen ein Paar tiefe blaue Augen ihn an , klar wie die eines Kindes , bittend und fragend , wie Frieden heischend für die heilige Handlung . Es mochte wohl oft vorkommen , daß Fremde in die schöne Kirche eintraten und dadurch Störung veranlaßten – so glaubte wenigstens Franz Linden den Blick zu verstehen . Atemlos still verharrte er nun , an den alten Kirchenstuhl gelehnt , und seine Augen folgten jeder Bewegung der schlanken Mädchengestalt , wie sie jetzt das Kind in die Arme nahm und zu dem Geistlichen trat . » Herr Oberprediger « , klang die weiche Stimme , » Sie müssen mit einem Taufzeugen vorliebnehmen , meine Schwester ist leider ausgeblieben . « Der Geistliche hob den Kopf . » Dann könnten Sie wohl , liebe Schmidt – « , er winkte der älteren Frau zu . Franz Linden stand plötzlich vor dem Taufsteine neben dem jungen Mädchen . Er wußte selbst nicht , wie er so rasch dahin gekommen . » Gestatten Sie mir diese zweite Patenstelle « , sprach er . » Ich kam zufällig in die Kirche , ein landfremder Mensch . Ich möchte die erste Gelegenheit in meiner neuen Heimat , Christenpflicht zu üben , nicht versäumen . « Er war einem Impuls gefolgt , und er wurde verstanden . Der greise Prediger nickte lächelnd . » Es ist ein armes , früh vaterlos gewordenes Kind , 23 mein Herr « , erwiderte er ; » vier Wochen vor seiner Geburt verunglückte der Vater – Sie tun ein gutes Werk . – Ist es Ihnen , liebe Frau , recht ? « wandte er sich zu der jungen Mutter . » Nun schön – Engelmann , so tragen Sie den Namen des Herrn Paten in das Kirchenbuch ein . « » Karl Max Franz Linden « , sagte der junge Mann . Und nun standen sie zusammen vor dem Prediger , die beiden , die vor einer Viertelstunde noch keine Ahnung voneinander gehabt hatten . Sie hielt das schlummernde Kind in den Armen . Sie hatte nicht emporgesehen , das lebhafte Rot der Überraschung brannte noch auf dem zarten Gesicht , und das einfache Spitzchen an dem Kissen des Täuflings zitterte leise . Es waren nur wenig Worte , die der Geistliche sprach ; wunderbar klangen sie nach in beider Herzen . Linden sah herab auf das braune tiefgesenkte Haupt neben sich , dann lagen zwei Hände auf dem ärmlichen Bettchen des Täuflings , zwei warme junge Menschenhände dicht nebeneinander , und von beider Lippen kam ein helles , klares » Ja « , die Frage des Geistlichen beantwortend . Als die Zeremonie vorüber , trug das Mädchen der weinenden Mutter das Kind zu und drückte einen Kuß auf das kleine rote Gesichtchen , dann kam sie hinüber zu Linden , und ihre Augen blickten ihn an mit einem Gemisch von Verwunderung und Dankbarkeit . 24 » Ich danke Ihnen , mein Herr « , sprach sie und legte einen Moment die schmale Hand in seine Rechte , » ich danke Ihnen im Namen der armen Frau – es war gut von Ihnen ! « Dann ein unnachahmlich stolzes Neigen des kleinen Kopfes und sie ging , leise umrauscht von der schweren Seide ihres Kleides . Dort unten an der Pforte im hellen Schein des hereinbrechenden Tageslichtes sah sie noch einmal zu ihm hinüber , der regungslos am Taufstein geblieben war , um ihr nachzuschauen . Es war , als senke sie nochmals grüßend das blasse Antlitz , dann war sie verschwunden . Franz Linden war allein in der stillen Kirche zurückgeblieben . Wer mochte sie sein , die da eben neben ihm gestanden hatte ? – Ein leises Klingeln ließ ihn sich umsehen . Der Küster mit dem Schlüsselbund trat aus der Sakristei . » Sie wollen zuschließen , alter Freund ? « sagte er zerstreut , » ich gehe schon . « Dann , wie sich besinnend , kam er ein paar Schritte zurück . » Wer war die junge Dame ? « wollte er fragen , aber er brachte es nicht über die Lippen , er betrachtete nur angelegentlich die in glühenden Farben schimmernden Glasmalereien der hohen Fenster . » Die sind einzig schön « , lobte der Küster , » und werden immer sehr bewundert . Das dort ist von 1511 , der Auszug der Kinder Israels , ein Geschenk der Äbtissin Anna vom Schlosse droben . Sie soll , 25 wie man sagt , eine Vorliebe für diese Kirche gehabt haben ; ist auch die schönste weit und breit herum , unsere Benedikti-Kirche . « Franz Linden nickte . » Da mögen Sie wohl recht haben « , sagte er zerstreut . Dann händigte er dem Manne eine kleine Summe ein für den Täufling und schritt hinaus . Bald darauf rollte sein Wagen der Heimat zu . Dunkel hoben sich die Umrisse des kleinen Gebirges vom leuchtend roten Abendhimmel , und immer näher rückte der Kirchturm von Niendorf . – Es war nichts Fremdes mehr um ihn , wie heute früh noch . Das erste leise , wonnige Bewußtsein des Heimatgefühls zog in sein Herz . Auf der Höhe wandte er sich