unsre unterbrochene Übungsstunde wieder aufnehmen könnten , « sagte sie , und ihr noch immer hübscher Mund lächelte wehmütig . » Wissen Sie noch , wo wir stehen geblieben sind ? Nicht ? O , ich weiß es genau . Ein schwarzes Kreuzel habe ich gemacht an jener Stelle in mein Notenbuch , – es war ja auch etwas wie eine Sterbestunde damals . Ich wurde zu Vater gerufen , da war der Brief an ihn gekommen von Ihrer Mutter und die ganze Sache kam zur Sprache und – wir spielten nie wieder zusammen – , « schloß sie traurig und leise . Aber sie hob den Kopf wieder . » Wie sagt doch Storm : Wir wissen ' s doch , ein rechtes Herz ist gar nicht umzubringen ! Wir leben noch und wir spielen wieder , just an jener Stelle wollen wir dem Schicksal zum Trotz wieder anfangen . Nicht ? « » Ja , wenn wir das könnten ! « sagte er leise , und seine dunklen Augen suchten die ihren . Da wurde sie plötzlich purpurrot . » Es ist Zeit , daß ich nachsehe , ob meine Luise daheim ist ! « stammelte sie , sich rasch erhebend . Sie schritt schon dem Erkerzimmer wieder zu und suchte nach ihren Handschuhen , hastig , verlegen . » Luise ist natürlich noch längst nicht daheim ! « sagte er . » Bleiben Sie , liebe Freundin , gehen Sie nicht in solcher Unruhe von mir . Zwei alte Freunde wie wir sollten geizig sein mit der Zeit . Kommen Sie , hier am Kaminofen die beiden Sessel , wir wollen weiter plaudern . Nicht von Vergangenem , nicht von Künftigem – von Ihren Reisen zum Beispiel – , und 22 ich , wenn ich darf , rauche eine Zigarre . Übrigens werde ich Hannchen auf Kundschaft schicken nach Ihrer Luise . « Natürlich war Luise noch nicht zurück , und Helene Wilkens setzte sich beklommen in den Stuhl am glimmenden Feuer . Mühsam kam ein Gespräch in Fluß , – aber was er auch anhub , immer führte es auf alte , liebe , nie vergessene Pfade . » Es hilft ja doch nicht ! « sagte er . » Wir wollen nur ruhig von Ihrem Vaterstädtchen sprechen . Je mehr wir abstreben , desto bestimmter kommen wir hin , – da wohnte eben unsre Jugend . « Nun fragte er , und sie erzählte . Alle die Leute von damals und deren Geschick wurde durchgenommen , was aus den Gassen , den Häusern , den Läden und Lädchen geworden war , mußte sie berichten . Sie hatten beide rote Wangen wie die Jüngsten , als plötzlich Hannchen eintrat und meldete , die Luise sei heimgekommen und sei kreidebleich vor Schrecken geworden , als sie erfahren habe , ihre Dame sei wieder daheim . Helene erhob sich . » Ich danke Ihnen , lieber Freund , für Ihre Gastfreundschaft , geben Sie mir Gelegenheit , sie zu erwidern . Aber nicht morgen und übermorgen , – ich war lange abwesend und bin eine zu eitle Hausfrau , um Ihnen mein Heim in mangelhafter Ordnung zeigen zu wollen . « Ein paar Minuten später stand sie in ihren eigenen vier Pfählen . Wie schwindelig war ihr zu Mute ! Sie tadelte das Mädchen nicht , sie antwortete kaum , nur allein wolle sie sein , sagte sie . – Ein paar Tage später kam der Herr Oberstleutnant in der Nachmittagstunde herüber zu ihr . Sie plauderten und tranken Tee miteinander , und dann sagte Helene : » Wendenfels , ich soll Sie grüßen . « » Von wem ? « » Von Ihrem Töchterchen . Ich war oben auf dem › Weißen Hirsch ‹ , habe sie besucht . Nun möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen , den wir beide , die Else und ich , uns ausgedacht haben : Geben Sie mir das Kind in Pension . Sie ist dann in weiblicher Pflege , und sie ist in Ihrer Nähe , und wenn es sie fröstelt 23 bei ihrem stummen Vater , den ich übrigens gar nicht so schweigsam finde , – so kommt sie wieder zu mir und wärmt sich . « Er hatte sich aufgerichtet und sah sie erstaunt und gerührt an . » Das haben Sie getan ? Das wollten Sie ? « » Ja ! Herr Gott , was ist da Großes ? Ich habe mich seit Vaters Tode schon längst wieder nach einer Pflicht gesehnt , nach einem Wesen , das ich hegen und pflegen kann . Sie tun mir etwas Gutes , wenn Sie Ja sagen . « Er reichte ihr die Hand ohne ein Wort und ging still hinüber in seine Wohnung . Ein paar Tage später kam das kranke Töchterchen zu Helene . Ein liebes , über seine achtzehn Jahre ernstes Geschöpf , das sich schwärmerisch Helenen anschloß . Jeden Nachmittag schob Helene den Fahrstuhl hinüber in die Wohnung des Vaters , und jeden Abend um Sieben rollte dieser sein Kind wieder zurück in ihr Heim . Zuweilen blieb er dann noch als Gast bei der Mahlzeit der beiden Damen . Gegen Weihnacht machten sie nach Tisch Arbeiten für die Kinderbescherung , die Helene halten wollte zu Elsens Freude . Und wenn die Hände des kranken Mädchens sich mühten , ein Püppchen anzuziehen oder Rosen aus Seidenpapier für den Christbaum zu formen mit vor Eifer glühenden Wangen , dann trafen sich die Blicke des Mannes mit denen Helenens verstohlen , und sie lächelten 24 sich zu , froh über das bescheidene Glück des armen Kindes . Und Helene Wilkens war wunschlos glücklich in dieser Zeit . Da platzte eines Abends die Freundin Sophie , die Professorin , in diese Idylle hinein . Sie hatte Wendenfels auch gekannt und ebenso die Liebe der beiden , aber keine Ahnung von ihrem Wiederfinden . Sie saß stumm vor Überraschung und schaute von einem zum andern . Mühsam kam ein Gespräch in