einen Lehnstuhl , der am Ofen stand . Sie schloß die Augen und jeder Zug ihres Gesichtes schien zu sagen : „ Gott , wie unangenehm und langweilig , aber ich fürchte mich nicht vor dem Alleinsein mit Dir ; Gott bewahre , es ist mir ganz und gar gleichgültig . “ Das ließ sich nun seltsam an , und jetzt wäre es wohl Zeit für mich gewesen , zu fragen : „ Frieda , warum bist Du fremd gegen mich ? Was that ich Dir ? Hast Du mich nicht mehr lieb ? “ Dies Alles lag mir auf den Lippen , und doch schwieg ich und wandte mich verletzt ab ; sie sah so eiskalt aus , so unnahbar , und ich hatte ein gutes Gewissen . Ueberdies war mir erst kürzlich von einem Freunde gerathen worden , man müsse die Frau vor [ 596 ] der Hochzeit erziehen ; und hier zuerst sprechen – da hätt ' ich jawohl all mein Lebtag verspielt gehabt ihr gegenüber , wenn sie wirklich noch meine Frau werden sollte . Meine Frau ! Ich seufzte tief auf und warf doch wieder einen Blick zu ihr hinüber , und sie blinzelte eben auch unter den langen Wimpern hervor , aber wie erschreckt schloß sie die Angen , als unsere Blicke sich trafen . „ Gut , ich werde thun , als wäre ich allein hier , “ nahm ich mir vor . Wir befanden uns in einem mäßig großen , gewölbten Raume ; durch die tiefen Fensternischen fiel das Licht nur spärlich hinein . Ein einfaches Bett an einer Seitenwand , ein Schreibtisch am Fenster , am Ofen ein Lehnstuhl , ein Pfeifenbrett und ein Tischchen mit Schachfiguren , eine Uhr in altmodisch verschnörkeltem Kasten , der plumpe Eichentisch und einige Stühle – das war die Einrichtung des Gemaches , streng und einfach . Mich fröstelte fast in dem kaltfeuchten Zimmer ; ich stieß ein Fenster auf und ließ die warme Herbstluft ein ; dann nahm ich einen Pokal von dem Gesims an der Wand und füllte ihn mit dem Weine , den mir die Tante sorglich in die Wandertasche gepackt hatte . Es war ein schönes , geschnittenes Glas mit Jagdstücken ; auch eine Inschrift befand sich darauf : „ Seinem Freunde Heinrich Mardefeld . Prinz Christian v. S. B. “ Wo waren die Hände , die einst dieses Glas erfaßt , die Lippen , die sich daran genetzt ? – Gestorben , verdorben wie die Freundschaft , die es dem Freunde geschenkt ! Was kann nicht Alles verderben und sterben in der Welt ! Ich zögerte , zu trinken ; es war mir , als sollte ich den Mund eines Todten berühren ; dann stürzte ich den Inhalt mit einem Male hinunter . Und mit dem feurigen Weine kam eine fast weihevolle Stimmung über mich ; Frau Poesie war eingetreten , rückte mir den Schemel zurecht vor dem alten Schreibtische und breitete die vergilbten Blätter vor mir aus . Schon schickte ich mich an zu lesen – da , eine leise Bewegung hinter mir ; ich wandte den Kopf und sah in Frieda ' s Augen . Es lag eine stumme Bitte in ihnen , aber der kleine Mund war trotzig zusammengepreßt ; dennoch verstand ich sie , und rasch fragte ich : „ Kennst Du den Inhalt dieser Blätter ? “ Sie schüttelte stumm den blonden Kopf . „ Soll ich laut lesen ? “ Sie zögerte mit der Antwort ; ich sah , wie sie kämpfte . Dann nickte sie , und beinahe schien es , als gewähre sie mir nur höchst ungern die Gnade , mir zuzuhören ; sie schmiegte sich wieder in den Lehnstuhl und sah , meinen Blicken ausweichend , in die dunkle Laubmasse des Waldes hinaus ; die grüne Dämmerung wob sich reizend um ihre schlanke , weiße Gestalt ; harziger Tannenduft quoll durch das Fenster ; die Schatten der Blätter huschten im Spiele des Herbstwindes über das Papier ; ringsum feierliches , stolzes Schweigen ; nur das Ticken eines Holzwurmes in regelmäßigen Pausen und vom Walde herein der Schrei eines Raubvogels . Und nun senkten sich meine Angen hernieder zu dem Papier , und ich las wie folgt : „ Am Sonntage Exaudi , Anno D. 1726 . Vor mir lieget Dein Brief , herzliebster Johannes , und aus jedem Federstrichlein leuchtet mir die Liebe und Freundschaft entgegen , so Du dem Freunde bewahret , ob auch lange Jahre dahingeschwunden , seit wir uns nicht in ' s Antlitz geschaut . Auch von Deinem Weib und Kindlein schreibst Du , und daß Dein ältest Töchterlein Dich zum Großvater machet , und Dein Sohn candidatus theologiae geworden , und begehrest nun zu wissen , wie es jetzt mit mir stehe ? Alter Freund , ich könnte es mit den zwei Worten sagen : „ ich hab ' nimmer verstanden , glücklich zu sein . “ Aber siehe , da draußen hat mein alter Jobst ein jung blondhaarig Dirnlein zum Besuch , sein Enkelkind , und sie sitzet im Abendschein unter der Linden und singet – „ Es sind die Lieder , die ich verlor Im wechselnden Laufe der Jahre , Nun kommen mir Wort und Töne zurück Mit ihnen kommt zaubrisch der Jugend Glück Und küsset die silbernen Haare . “ Du hast es gewißlich niemalen geglaubet , Johannes , daß ich auch dichten könne , maßen wohl manch ein Waidmannsfluch aus meinem Munde ging , nur kein poetisch Verslein ; ich glaube auch nicht , daß ich selbiges auszusprechen vermöchte ; meine Zunge ist ein ungefüg Ding immer gewesen . Aber da innen im Herzen , da hat es wundersam mitunter geklungen ; da haben auch Blumen geblühet und Glocken geläutet , nur nicht herausblühen und tönen konnten sie ; ja , wenn das anders gewesen , wenn ich auch hätt ' schmeicheln und lachen können , dann – Du fragst mich nach dem Heimgange Prinz Christian ' s , unseres Christels ,