? Freilich konnte sie nicht wissen , daß er um diese Zeit hier malen würde ; sie hatte nur sehen wollen , wie weit er mit den Bildern sei , zu denen er da unten in der Wohnstube ihrer Eltern eine Skizze von ihr gemacht hatte . – Dann war sie doch hereingekommen auf seine Bitte , aber erst , nachdem sie versucht hatte , fortzulaufen . – – Ja freilich , sie war anders gewesen heute . – „ Ach Himmel , und das – das wäre ja zum Schreien ! “ sagte er laut . „ Sie sollte es nur wissen , das liebe Tierchen , was ich in meinem Leben schon alles geliebt , begehrt und erstrebt habe , um es dann aufgeben zu müssen , so daß ich allmählich eine Art Fertigkeit im Entsagen gewonnen habe . Zuerst die Schule , als Vater gestorben war und es hieß : Kadettencorps – durch Gnade des Herzogs – Schulgeld nicht mehr zu erzwingen – – ! Dann mein Malergelüste , diese brotlose Kunst , wie Mutter jammerte , als ich sie fast kniefällig bat , mich in München studieren zu lassen ! Ich wollte nichts von ihr als die fünfhundert Thaler , das fürstliche Erbe Onkel Davids . – Dann die Kriegsakademie – aber wovon sollte ich leben in Berlin während dieses Kommandos ? Ach , Aenne May , du kennst die Welt nicht , du weißt nicht , wie jammervoll sie ist für einen blutarmen Lieutenant ! Aber es soll mir eine Warnung sein , ich bin kein schlechter Kerl , ich will deinen Frieden nicht trüben , will dich nicht unglücklich machen ! Heute abend spiele ich den liebenswürdigen Schwerenöter gegen alle Welt , du wirst dich wundern , Aenne May ! Ich will schon sorgen , daß du die Achseln zuckst und wieder lachst in ein paar Tagen und sagst : ‚ Dummer Junge , der Heinz ! ‘ – Weinen darfst du nicht über mich , das soll nicht sein ! Nein – ein Schuft bin ich nicht – – “ Er fuhr unter diesen Selbstvorwürfen und Gelöbnissen aus seinem Malerkostüm in die Uniform , wusch die Hände , stülpte den Helm auf und schlug den nämlichen Weg ein wie Aenne , d. h. er ging nach dem inneren Schloßhof , ließ die Hälfte seiner bewaffneten Macht , zehn Mann stark , antreten vor der Haupte wache , gab Parole aus und meldete sich dann zum Rapport bei Sr. Excellenz dem Kammerherrn . Als er über den teppichbelegten Korridor schritt nach dem Empfangszimmer , klang Aennes Stimme aus der nur angelehnten Flügelthür des Musiksaales : „ O du purpurner Glanz der sinkenden Sonne , Wie zauberhaft webst du um Flur und Hain ; Wie färbst du mit lodernder Rosenwonne Das blasse Antlitz der Liebsten mein ! Halt ein ! Entzieh ’ deine segnenden Gluten Der heilig erschauernden Welt nicht gleich ! Vergebens – sie sinkt in die schimmernden Fluten ... O Sonne , o Liebe , wie kalt ohne euch ! “ Ein lebhafter Applaus folgte . Heinz blieb stehen . Ein glückliches Lächeln ging über seine Züge . Er machte einen Schritt nach dem Musiksaale zu . Dann aber raffte er sich zusammen . „ Unsinn , Heinz ! Ruhig Blut ! “ murmelte er vor sich hin und setzte seinen Weg fort . [ 021 ] Aenne kam just zum Mittagsbrot wieder zu Hause an . Der Vater stand bereits , die Hände auf dem Rücken , am Kachelofen der sogenannten Eßstube , die , nach dem Garten hinaus gelegen , im Sommer von grünlichem , geheimnisvollem Lichte erfüllt war , welches die beiden alten Birnbäume draußen vor den Fenstern verursachten , im Winter jedoch licht und freundlich von den Strahlen der Mittagssonne erhellt wurde . In der Mitte des mäßig großen Raumes stand der Klapptisch aus Birkenholz , mit Wachstuch überzogen , jetzt von einem blendend weißen Drelltuch bedeckt , die Ecke hinter dem Ofen war von dem Sofa eingenommen , dessen Lederbezug schon Brüche und Risse aufwies - es hatte noch immer nicht zu einem neuen gelangt – davor ein kleiner Tisch . Den gegenüberliegenden Winkel füllte der das Buffett vertretende Eckschrank , in welchem das Speisegeschirr , die Tassen , Zucker und Theekekse sowie ein Magenbitter aufbewahrt wurden , und an der Wand zwischen den Fenstern stand die Kommode mit einem Spiegelchen darüber . Alles aus Birkenholz , nur die Nähmaschine am Fenster rechts war echtes Mahagoni und erzählte in ihrer leuchtenden Politur , daß sie eine Ehrenstellung einnehme im Hause . Heute herrschte neben dem Geruch von Weißkraut und Hammelfleisch noch ein starker Bügeldunst , die Frau Rätin hatte eigenhändig das helle Batistkleid ihres Töchterleins zur abendlichen Toilette geplättet . Daß auch noch ein wenig Benzingeruch von gewaschenen Handschuhen sich hineinmischte - Tante Emilie hatte dies Geschäft besorgt , und zwar ebenfalls in der Eßstube , die in ihrer isolierten Lage nach hinten hinaus sich vorzüglich für solche Arbeiten eignete - machte die Atmosphäre noch ein wenig pikanter . Aenne riß also gleich das Fenster auf und bekam dafür von allen Seiten Vorwürfe . Der Papa deckte schleunigst sein rotes Schnupftuch über den glänzenden kahlen Scheitel , Tante Emilie schrie nach einem Shawl und die vom Kochen und Plätten echauffierte Hausfrau rief . „ Wirst du wohl das Fenster zumachen , Aenne ! Denkst du , daß es mir egal ist , ob ich meine Kopfkolik heute abend bekomme , oder nicht . “ Gehorsam schloß das junge Mädchen das Fenster , trat an den Tisch , wo die andern bereits hinter ihren Stühlen standen , und sprach das Tischgebet . Dann aß sie mit dem besten Appetit der Welt , hatte für alle ein freundliches Wort , lachte , neckte ihre Tante , erzählte , daß dieselbe beim gestrigen Spaziergange gestreikt und sie mit Heinz von Kerkow nahe am Ziele , am Borkenhüttchen verlassen habe , angeblich weil sie einen Krampf im Fuß bekommen könnte , wenn