eine fröhliche Genesung geschenket , doch soll sie nie wieder gelachet hahen nachhero , und ist der Cavalier , so ein Junker von Streitwitz gewesen , im Schloßgarten allhier begraben . “ „ Was sagst Du dazu , Mamachen ? “ rief Army ganz erregt , „ ich glaub ’ s schon , daß sich ihretwegen Einer das Leben nehmen konnte ; es ist ein wundervolles Gesicht . Ich wünschte , ich könnte mir das Bild mitnehmen und in meine Lieutenantsstube hängen ; sie muß ein reizendes Geschöpf gewesen sein , diese Agnese Mechthilde . “ „ Ei , Army ! “ lächelte die Baronin , „ ich habe ja noch gar nicht gewußt , daß Deine erste Schwärmerei einer Todten gilt . Nun es ist wenigstens nicht gefährlich – was meinst Du , Nelly ? “ Nelly erwiderte nichts ; die heitere Stimmung wollte in den kleinen Kreis nicht wieder einkehren ; das junge Mädchen saß stumm über ihre Arbeit gebeugt und dachte daran , was sie Lieschen zur Entschuldigung sagen könnte ; Army vertiefte sich wieder in die Lectüre des alten Buches , und um den Mund der Baronin war das flüchtige Lächeln verschwunden . Dann und wann fuhr sie mit der Hand über die Augen und seufzte tief auf , und jedesmal , wenn ein so banger Seufzer das Ohr ihrer Kinder traf , wandten sie gleichzeitig den Kopf und ein paar traurige Blicke ruhten einen Augenblick fragend auf dem bekümmerten Gesichte der Mutter ; dann nahm Jedes seine Beschäftigung wieder auf . „ Die gnädige Frau Baronin wünschen den Thee auf ihrem [ 652 ] Zimmer zu trinken , “ sagte eintretend die alte Sanna , „ sie lassen um Entschuldigung bitten , daß sie nicht mit zu Abend speisen ; die Frau Baronin haben Kopfschmerz . “ Die alte Frau trug einen Präsentirteller mit einer alterthümlichen kleinen Kanne und einer Tasse im Rococogeschmack . Sie war offenbar im Begriffe , ihrer Herrin den Thee zu bringen , und stand nun , einer Antwort wartend , an der Thür ; sie blickte prüfend auf die drei Gestalten , als wollte sie ergründen , was für einen Eindruck diese Nachricht auf sie mache . Die träumende Frau am Kamine schien ihre Worte gar nicht gehört zu haben und schreckte empor , als ihre Tochter freundlich sagte : „ Wir bedauern das gewiß sehr , liebe Sanna , und wünschen Großmama herzlich gute Besserung . “ „ Ist Ihre gnädige Frau krank , Sanna ? “ fragte die Baronin . „ Jawohl , “ erwiderte diese , und ihre große knochige Figur richtete sich zur vollen Höhe auf , indem sie die grauen Augen unter der finsteren Stirn fest auf das erschrockene Gesicht der Fragenden richtete . „ Die Frau Baronin müssen ja von hier krank fortgegangen sein , denn sie kamen mit heftigem Herzklopfen in ihr Zimmer ; ich habe ihr schon drei Brausepulver mischen müssen . Wenn ’ s nur nichts Schlimmes wird ! “ Es lag etwas Vorwurfsvolles , Impertinentes in dieser Antwort , weniger noch in den Worten , als in der Stimme und dem Ausdrucke des Gesichtes , sodaß der Baronin Derenberg plötzlich vor Entrüstung das Blut in die Wangen stieg . „ Ich bedaure sehr , “ sagte sie mit erhobener Stimme , indem sie eine entlassende Handbewegung machte , „ und hoffe , daß es der gnädigen Frau morgen besser gehen wird . “ „ Sehr wohl , “ erwiderte die Alte und verließ das Zimmer , aber ihre Haltung und der Ausdruck ihrer Züge unter der gefältelten Haube waren geradezu feindselig geworden . Army war aufgesprungen , und dunkelroth im Gesichte schaute er der verschwindenden Dienerin nach . „ Army , ich bitte Dich , “ rief die Baronin , „ laß sie ! Du machst es nicht besser , wenn Du sie zur Rede stellst . So ist sie ja von jeher gewesen ; sie kann , wie ihre Herrin , das heiße südliche Blut nicht verleugnen , und dann – sie liebt die Großmutter abgöttisch . Du weißt , Army , daß Sanna schon mit der Großmama aus Venedig hierherkam , daß sie die Zeiten des Glanzes mit ihr verlebt hat und jetzt standhaft die Sorgen und Entbehrungen mit ihr theilt . Sanna hat viele gute Seiten ; eine Treue wie die ihrige ist selten ; und Euch , Kinder , besonders Dich , Army , liebt sie über Alles ; sie ist außerdem schon so alt , daß man ihr vieles gar nicht übel nehmen kann . “ Army antwortete nicht ; er nahm seine Mütze . „ Ich muß einen Augenblick in ’ s Freie , sonst schlafe ich schlecht , “ sagte er entschuldigend , küßte der Mutter die Hand und verließ das Zimmer . Er stand dann in dem hohen kalten Corridor und fragte sich selbst , wohin er eigentlich wolle . „ Erst muß ich mir den Paletot holen , “ dachte er , und schritt den langen Gang hinunter zu seinem Zimmer ; ihm war so wunderbar zu Muthe heut – zum ersten Male hatte seine junge Stirn der Ernst des Lebens gestreift . Freilich , er wußte ja , daß seine Familie in dürftigen Verhälnissen lebte , aber er hatte sich nach echter Knabenart keine Gedanken darüber gemacht . Nun hatte ihm die Großmutter davon gesprochen und ihm zugleich die Hoffnung auf eine reiche Erbschaft in Ausicht gestellt , aber es war ja noch eine Erbin da , ein kleines rothhaariges Geschöpf , wie Großmama sie vorhin nannte . Die schöne Agnese Mechthilde fiel ihm ein ; wie hieß es doch in dem Verse : „ Darumb nimb war , wasz für Haar ! Ist solches roth , hatz groß Gefahr . “ Die rothen Haare würden doch nicht auch ihm Gefahr bringen ? Doch nein , er hatte keine Anlage zum Idealisten . Großmutter hatte gesagt : „ Auf Dich , Army , und auf die Stontheim ’ sche Erbschaft