Gräfin Savelli übergab ihn mit ein paar freundlich-kühlen Worten dem Gymnasialdirektor Professor Traeger und seiner Ehefrau , deren behäbige Fülle und betonte Matronenhaftigkeit von seinen langen dürren Gliedern und sorgfältig frisierten Haaren seltsam abstachen . Die allzu tiefen und allzu häufigen Bücklinge , mit denen beide die Großmutter bewillkommneten und dann zur Türe geleiteten , als sie ging , hatten Konrads Urteil über sie unwiderruflich festgelegt . Das war seine erste Enttäuschung . Denn in seinen Träumen war ihm der Direktor als ein Mann von Würde erschienen . An der Abendtafel sah er die anderen Pensionäre zum erstenmal . Sie kamen ihm klein und dürftig vor ; der eine hatte zerbissene Nägel , der andere häßliche rote Pünktchen im Gesicht , der dritte kratzte sich bei jedem Wort , das er sprach , den dicken Schädel mit den gelben Borstenhaaren , und alle miteinander überboten sich in lächerlichen Dienstleistungen gegenüber dem Ankömmling . Das war seine zweite Enttäuschung . Nur der vierte Schüler - » ein Judenjunge ! « flüsterte ihm augenzwinkernd sein Tischnachbar zu - hatte kaum einen Gruß für ihn . Damit gewann er sein Interesse . Drei Jahre blieb Konrad Hochseß in der Pension . Als er zum erstenmal zu den Ferien nach Hause kam , stürzten ihm bei Giovannis ängstlich fragendem Blick die hellen Tränen aus den Augen . Der Großmutter gegenüber lächelte er ; nur als ihre Hand beim Willkommen kosend über seine Haare strich , zuckte es schmerzlich um seine schmaler gewordenen Lippen . Eines Tages forderte ihn Giovanni mit einem geheimnisvollen Lächeln zu einem Spaziergang auf . Sie gingen weit durch den Park , bis er sich im Walde verlor . Da lag ein haushoher Felsblock , dessen Fuß von Brombeerranken dicht umwuchert war . » Willst du mich daran erinnern , daß ich einmal als kleiner Knirps da oben saß und verzweifelt heulte , weil ich nicht zurück konnte ? « lachte Konrad . » Damals wußte ich nicht , daß es ein unfehlbares Mittel gibt , um von allen Höhen hinunterzukommen : fallen ! « fügte er mit dunklerer Stimme hinzu . » Unsinn ! Unsinn ! « antwortete fröhlich meckernd der Alte . » Wozu ist denn der alte Seiltänzer da ? Der holt noch immer den Buben herab oder hält den Sack auf , wenn er abstürzt ! Aber jetzt , jetzt heißt ' s kriechen - nicht klettern . Den Tanzsaal der Mondgeister hat der alte Giovanni für sein Goldkind gefunden - den Tanzsaal der Mondgeister ! « Und er bog weit die stachligen Ranken auseinander , hinter denen der Fels eine dunkle Spalte aufwies . » Eine Höhle ! « jauchzte Konrad , » eine Höhle , die keiner kennt ! « Eine Zauberwelt voll phantastischer Tropfsteingebilde öffnete sich ihm , die des Alten Blendlaterne mit hin und her flackerndem Licht seltsam beleuchtete . Sie wurde von nun an der Schlupfwinkel seiner Träume , die geheimnisvolle Erweckerin allen Frohsinns . Hohe gelbe Kerzen von Wachs , wie die Bauern sie alljährlich in psalmodierenden Prozessionen nach Vierzehnheiligen zu tragen pflegen , stellte Konrad hier unten auf ; ein altes holzgeschnitztes Heiligenbild , es mochte wohl eine Magdalena gewesen sein - eine vor der Buße , denn die langen Haare deckten nur spärlich den jungen blühenden Mädchenkörper - das Giovanni in einem Bodenwinkel gefunden hatte , prangte in der großen Nische hinter der einen gewaltigen Säule , die das ganze Gewölbe zu tragen schien . Ihr zu Füßen breitete ein schwarzes Bärenfell sich aus - Konrads Lager , wenn er all die schwülen Bücher mit den bunten Umschlägen verschlang , durch die seine Pensionskollegen die steife Zurückhaltung des hochmütigen Junkers endlich überwunden hatten . Um ihretwillen hatte er sich sogar herbeigelassen und war Arm in Arm mit dem , der sich die Nägel biß , über den Grünen Markt gegangen ; um ihretwillen hatte er mit dem häßlichen Dickschädel auf der Altenburg Schmollis getrunken und die rothaarige Kellnerin unter dem Beifallsgebrüll der anderen in den Arm gekniffen . Als er das zweitemal den heimatlichen Boden betrat , hatte sich eine feine Falte zwischen seinen Brauen eingegraben . Walter Warburg , der » Judenjunge « , begleitete ihn . Professor Traeger hatte den jungen Mann als den klügsten und anständigsten unter seinen Schülern bezeichnet ; daraufhin hatte die Gräfin Savelli , nicht ohne starkes inneres Widerstreben , dem Wunsche Konrads , ihn mitzubringen , nachgegeben . Die beiden strichen von früh bis spät über Berg und Tal ; sie suchten Steine und Pflanzen und Tiere und saßen an Regentagen unermüdlich über ihren Sammlungen . Für Giovanni , dessen Haut nur noch wie ein zerknittertes Pergament in tausend Falten über seinen Knochen hing , schien Konrad keine Zeit zu haben . Einmal fing er den heißen Blick tückischen Hasses auf , mit dem der Alte seinen Freund durchbohren zu wollen schien , als dieser gerade , entzückt vom köstlichen Fang , einen großen Trauermantel auf das Spannbrett spießte . Ein seltsames Gefühl , aus Scham und Zorn gemischt , zwang Konrad von nun an , dem greisen Seiltänzer noch mehr aus dem Wege zu gehen . Es kam sogar vor , daß er es wie eine Erleichterung empfand , wenn die Tanten ihm von Giovannis gestörtem Geist allerlei Häßliches glauben machen wollten . Aber auch von der Großmutter zog er sich mit auffälliger Absicht zurück und behandelte sie mit der fremden Höflichkeit eines wohlerzogenen jungen Mannes . Die Freunde schienen völlig ineinander aufzugehen und der anderen nicht zu bedürfen . Und doch hatte Konrad ein Geheimnis vor Walter : seine Höhle . Es kam vor , daß er nachts aus dem Schlosse schlich , um bei Kerzenglanz vor der heiligen Magdalena mit sich allein zu sein . Nur zwei Augen , zu alt , um des Schlafs noch viel zu bedürfen , kleine schwarze Augen verfolgten ihn ; sie sahen , daß er keine Bücher mehr in sein Versteck trug , wohl aber eine kranke Sehnsucht , die müde aus seinen