sich betrügen , daß man sich für sie ob ihrer Torheit schämte . Tschun hätte diese fremde Welt gar zu gern auch gesehen , und er sagte darum seiner Mutter , daß er , wie Kuang yin , Diener in einer der Gesandtschaften werden möchte . Aber da kam er schlecht an . » Die einzigen guten Fremden sind die Priester und Nonnen des Petang , « antwortete sie ihm , » die hat uns der liebe Gott gesandt , aber die anderen sind sicher alle schlecht , und ihre Frauen wissen offenbar nichts von Zucht und guter Sitte . Da gehörst Du nicht hin . « Die Mutter hatte einen alten Vetter , Yang hung , der Uhrmacher und Händler chinesischen Schmuckes war , zu dem wollte sie Tschun in die Lehre geben . Es ward in der Verwandtschaft viel darüber hin und hergeredet , denn da Tschuns Vater lange schon tot war , fand man dies eine passende Gelegenheit , der Witwe gute Ratschläge zu geben . Mit echt chinesischer Geringschätzung der Zeit wurden über etlichen Schalen Tee und zwischen ein paar Zügen aus den kleinen Pfeifen endlose Gespräche geführt . Denn sprechen kostet nichts und ist daher eine Freude , die sich auch der ärmste Chinese mit oder ohne Veranlassung gern gestattet . Kuang yin , der immer schöne seidene Kleider trug und statt der Pfeifchen lieber Zigaretten rauchte , hätte Tschun gern zu einer Anstellung in einer Gesandtschaft verholfen , denn er hielt nicht viel vom Uhrmacherberuf . Er ging so weit , zu behaupten , das Importieren der einzelnen Uhrenteile aus Europa und nachherige Zusammensetzen durch die chinesischen Uhrmacher würde bald keinen Profit mehr abwerfen , denn die fertigen europäischen Uhren würden alljährlich zu immer niedrigeren Preisen in den fremden Ländern ausgeboten . Reparaturen würden schließlich die einzigen Arbeiten sein , die übrig blieben . » Ja , « meinte Kuang yin , » wenn wir die einzelnen Uhrenteilchen hier in China selbst fabrizierten mittels Maschinen und Dampf , wie die Fremden es bei sich zu Hause machen , dann könnten wir sie sicherlich unterbieten , denn die fremden Arbeiter sollen verwöhnte , anspruchsvolle Leute sein , die sich nie mit kleinem Gewinn begnügen - das hat mir der alte Wey erzählt , der ja in Europa gewesen ist . « Die anderen schüttelten die Köpfe . Kuang yin war doch einer der Ihrigen , den sie von klein auf kannten , aber er schien ihnen manchmal recht absonderlich mit seinen neuen Ideen - doch was kann man von einem erwarten , den sein Broterwerb zwingt , tagaus tagein mit den unheimlichen Ausländern zusammen zu sein . Nur der fortschrittlich gesonnene Vetter Wang pao hielt es mit ihm und meinte : » Wenn diese Fremden wirklich so viel mehr wissen als wir , sollte man es ihnen auf allen Gebieten ablernen . « » Gewiß , « stimmte Kuang yin eifrig bei , » so wie es die Japaner gemacht haben . Die sollen uns ja mit ihren neuen Waffen vor einigen Jahren sogar sehr geschlagen haben - wenigstens erzählt man es so in den Gesandtschaften - und daß die Japaner uns viel Land fortgenommen haben würden , wenn uns die Fremden beim Friedensschluß damals nicht geholfen hätten . « Ein ungläubiges Gemurmel entstand . Der Japanische Krieg und seine Ergebnisse waren durch die Regierung stets als eine Strafexpedition gegen die zwerghaften Inselrebellen dargestellt worden und der Bevölkerung nie recht zum Bewußtsein gekommen . » Am besten wäre es schon , man verjagte sie samt und sonders wieder , « murmelte der ob seiner Fremdenfeindschaft bekannte greise Großonkel Lin te i. » Gar so schwer könnte es doch nicht sein , denn es sind ihrer ja nicht viele . « » Trotz aller Ehrfurcht , die ich der Weisheit Eurer verehrungswürdigen Jahre schulde , Lin Lao yeh , « erwiderte Kuang yin , » möchte ich doch bemerken , daß das nicht so leicht sein würde . Auch sagt Wey , in Europa sei jeder Mann Soldat , da könnten immer neue hergeschickt werden . « » Sei doch nicht zu sicher , daß die Fremden für ewig hier sind , Kuang yin , « sagte mit hämischer Miene der Vetter Sin schen , den allerhand dunkle Handelsgeschäfte bis tief nach Schantung geführt hatten und der Kuang yin ob seiner sicheren Einnahmen und seines behaglichen Lebens in der Gesandtschaft eigentlich beneidete , » gerade Ihr hier in Peking wißt am wenigsten , was im Lande vorgeht . Weitgereiste Leute wie ich hören mehr davon . Und wenn es auch richtig ist , daß uns die fremden Teufel damals beim Friedensschluß gegen die Inselzwerge geholfen haben , so hat nachher doch jeder von ihnen ein Stück unseres Leibes für sich begehrt . Darob herrscht allerwärts wachsende Erbitterung . Wer weiß , was wir noch erleben werden ! « Zu solch fernabschweifenden Erörterungen höchster politischer Probleme führte die belanglose Frage , welchen Beruf eines der Millionen chinesischer Menschenstäubchen ergreifen solle ! Dies Menschenstäubchen selbst wurde dabei von niemand um seine Meinung befragt , und Tschun wußte , daß das so in der Ordnung sei , aber es ärgerte ihn doch im stillen , denn er mußte wohl von irgendwoher ein Körnchen Unabhängigkeitsgefühl geerbt haben , das geeignet sein mochte , ihn noch in Konflikte mit dem Althergebrachten zu führen . Zum erstenmal entstanden allerhand verworrene Gedanken in ihm , für die er keine Worte gewußt hätte , und die vielleicht mit dem » Recht auf Selbstbestimmung « zu tun hatten , das sich gelegentlich in Einzelnen und in Völkern ganz unerwartet regt - wenn das , auf einen der Millionen kleiner Chinesenjungen angewandt , nicht gar so lächerlich großklingende Worte wären . Immer wieder dachte Tschun , wie herrlich es doch gewesen wäre , mit Kuang yin in der Gesandtschaft leben zu dürfen . Denn alles , was er von den Verwandten über die Fremden gehört , auch das , was diese als Grund zur Geringschätzung gegen