auf der ganzen Welt nur noch ein ebensolches , und das gehöre dem Oberrabbi von Damaskus . Wenn man es an ein Klavier anschraube , innerlich erhitze und dann hineinbliese , so gäbe es genau denselben Ton wie die Posaunen von Jericho . « » Hatten Sie nicht Angst , daß auch bei Ihnen die Mauern einfallen könnten ? « fragte der Philosoph . » Nein , von den Mauern war gar nicht die Rede - ich weiß nur , daß ich dann nach Spiritus suchte , um das Kästchen zu füllen , und ihn nicht finden konnte , aber mit einemmal war er doch da , und das Kästchen war auch schon am Klavier angebracht . Der Professor blies in den Schlauch , und es gab einen dumpfen Ton - aber dann muß der Spiritus ausgelaufen sein , und plötzlich stand alles in Flammen . Niemand kümmerte sich darum , und ich dachte an meinen Perserteppich , der unter dem Flügel liegt . Sie wissen ja , ich bin etwas eigen mit meinen Sachen . Aber der Professor sagte , es sei gar kein Perser , es sei ein Beludschistan , und er habe keine Beziehung zum Wesen der Dinge - ist das nicht merkwürdig ? Ja , und nun kam noch etwas ganz Triviales , ich meinte , der Flügel würde sicher auch anbrennen , und in diesem Moment stand der Professor in seiner ganzen Größe vor mir und sagte : Wenn Fräulein H ... mir ihren Verlust genau beziffert , soll alles ersetzt werden . « » Und dann ? « fragte der Philosoph . » Das weiß ich selbst nicht mehr , es war ganz verschwommen . Aber sagen Sie selbst , liebster Doktor , ist es nicht wirklich seltsam ? Meinen Sie nicht , daß es kosmische Bedeutung hat ? « Damit brach das Gespräch ab , denn Gerhard kam , und die Dame ging bald darauf fort . Ich setzte mich zu ihnen und fragte Sendt , was denn das für eine rätselhafte Geschichte sei , ich hätte leider nicht vermeiden können , sie mitanzuhören . Und jetzt zweifelte ich nicht mehr daran , daß man hierzulande Zauberei treibt . » Haben Sie denn nicht gemerkt , daß die Dame mir einen Traum erzählte ? « » Nein - darauf bin ich gar nicht gekommen . « » Lieber Dame « , sagte Gerhard , und es klang beinah wehmütig - er hat überhaupt immer etwas Schmerzliches im Ton - , » Sie machen Fortschritte . Schon können Sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden . Das geht uns allen hier wohl manchmal so - nicht wahr , cher philosophe ? « » Traum oder nicht Traum « , antwortete der Philosoph nervös , » was sie mir da auftischte , war wieder einmal eine Wahnmochingerei , wie sie im Buch steht . « » Wahnmochingerei - was ist das ? « » Nun , was Sie da eben mitangehört haben . « Doktor Gerhard wollte wissen , was für ein Traum es gewesen sei . » Natürlich ein kosmischer « , sagte der Philosoph , » sie hoffte es wenigstens und wollte von mir wissen , ob es stimmt . Sonst traut sie sich nicht , ihn bei Hofmanns zu erzählen . « Ich hätte gerne noch gewußt , was eine Wahnmochingerei ist und kosmische Träume . Aber der Philosoph schien mir nicht gut aufgelegt , und ich kann doch nicht immer fragen und fragen wie ein vierjähriges Kind . 3 14. Dezember Ein komischer Zufall , daß ich Heinz Kellermann hier treffe . Wir haben uns seit dem Gymnasium nicht mehr gesehen . Er behauptet zwar , es gebe nichts Zufälliges , sondern was wir Zufall nennen und als solchen empfinden , sei gerade das Gegenteil davon , nämlich ein durch innere Notwendigkeit bedingtes Geschehen . Man sei nur im allgemeinen zu blind , um diese inneren Notwendigkeiten zu sehen . Trotzdem schien er ebenso verwundert wie ich und fragte mit der gedehnten und erstaunten Betonung , die ich so gut an ihm kannte : » Wie kommst du denn hierher ? « Ich konnte diese Frage nur zurückgeben , und dann sagte er etwas überlegen : Oh , man könne nur hier leben , und hier lerne man wirklich verstehen , was Leben überhaupt bedeute . Ich habe ihm erzählt , daß das auch mein sehnlichster Wunsch sei , und wie ich mich mit meiner Biographie herumquäle - na Gott ja - daß ich eben ein Verurteilter bin und nicht recht weiß , was ich mit mir und dem Leben anfangen soll . Daraufhin ist er gleich viel wärmer geworden und lud mich für den Abend in seine Wohnung ein - es kämen noch einige Freunde von ihm , auf die er mich sehr neugierig machte . Ich ging hin , und es war auch wirklich der Mühe wert . Aber ich werde jetzt wieder ein paar Tage daheim bleiben und mich sammeln . Es sind zu viel neue und verwirrende Eindrücke von allen Seiten . Wohin ich komme und wen ich kennenlerne - alles ist so seltsam , wie in einer ganz anderen Welt , und ich tappe noch so unsicher darin herum . - Ob das nun Zufall ist oder innere Notwendigkeit , daß ich hierher kam und gerade diese Menschen kennenlernte ? Aber es lockt mich , ich kann dem allen nicht mehr entfliehen - ich bin wohl dazu verurteilt , und der Gedanke gibt mir meine innere Ruhe etwas wieder . Doktor Gerhard rät mir ja immer wieder , ich solle etwas schreiben - jeder Mensch habe einiges zu sagen und müsse , was er erlebt , in irgendeiner Form nach außen hin gestalten . Wenn es auch nur wäre , um meinem Stiefvater Vergnügen zu machen , er hat ja schon immer gemeint , ich hätte ein gewisses Talent dazu . - Und er ist gewiß aufrichtig , denn er hält sonst nicht übermäßig viel von