einen aus , weil er mir als der wichtigste von allen erscheint , die ich über diesen Gegenstand bekam . Er war von einer geradezu kalligraphisch geübten Hand auf sehr gutes Papier geschrieben und in das große Totem dessen , der ihn diktiert hatte , gehüllt . Dieses Totem bestand aus papierdünnem Antilopenleder , welches durch eine Behandlung , die nur die Indsmen kennen , die Weiße des Schnees und die Glätte des Porzellanes erhalten hatte . Die einpunktierten Charaktere waren mit Zinnober und einer andern , mir unbekannten Farbe rot und blau gefärbt . Der Inhalt lautete : » Mein weißer , älterer Bruder ! Ich fragte Gott nach Dir . Ich wollte wissen , ob Du noch unter Denen weilst , von denen man sagt , daß sie leben . Die Antwort kam durch die Benachrichtigung , daß man Dich eingeladen habe , an den Septemberberatungen hier in meinen Bergen , deren heilige Stille und Ruhe für immer vernichtet werden soll , teilzunehmen . Sei um aller Derer willen , die Du einst hier liebtest und vielleicht noch heute liebst , gebeten , diesem Rufe Folge zu leisten . Eile herbei , wo Du auch seist , und rette Deinen Winnetou ! Man will ihn falsch verstehen , und man will auch mich nicht begreifen . Du hast weder mich , noch habe ich Dich jemals gesehen . Wie ich nie einen Laut Deiner Stimme vernahm , so hörtest auch Du niemals den Klang der meinigen . Heut aber schreit meine Angst weit über das Meer hinüber zu Dir , so laut , so laut , daß Du es hören wirst und unbedingt kommen mußt . Niemand weiß , daß ich Dich rufe . Nur der dies schreibt , mußte es erfahren . Er ist meine Hand ; er schweigt . Wende Dich , bevor Du hier erscheinst , nach dem Nugget-tsil . Die mittelste der fünf großen Blaufichten wird zu Dir sprechen und Dir sagen , was ich diesem Papier nicht anvertrauen kann . Ihre Stimme sei Dir wie die Stimme Manitous , des großen , ewigen und allliebenden Geistes ! Ich bitte Dich noch einmal : Komm , o komm , und rette Deinen Winnetou . Man will ihn Dir erwürgen und erschlagen ! Tatellah-Satah , der Bewahrer der großen Medizin . « Was den in diesem Briefe erwähnten Nugget-tsil betrifft , so versteht man unter Nuggets die mehr oder weniger großen , gediegenen Goldkörner , welche von den Goldsuchern entweder einzeln , zuweilen aber auch in ganzen , reichhaltigen Nestern gefunden werden . Tsil bedeutet in der Apatschensprache so viel wie Berg . Nugget-tsil heißt also so viel wie » Goldkörnerberg « . Auf diesem Berge sind bekanntlich der Vater und die Schwester meines Winnetou von einem gewissen Sander ermordet worden . Später , kurz vor dem Tode Winnetous , den er im Innern des Hancockberges fand , teilte er mir mit , daß er sein Testament für mich auf dem Nugget-tsil vergraben habe , und zwar zu Füßen seines dort bestatteten Vaters ; ich werde da viel Gold zu sehen bekommen , sehr viel Gold . Als ich hierauf nach dem Nugget-tsil ritt , um das Testament zu holen , wurde ich dabei von diesem Sander überrascht und von einer Schar von Kiowa-Indianern , bei denen er sich befand , gefangen genommen . Der Anführer dieser Schar war der damals noch jugendliche Pida , der mich jetzt , nach über dreißig Jahren , in dem Briefe seines Vaters , des ältesten Häuptlings Tangua , aus seiner » Seele « grüßte . Sander stahl das Testament und entfloh mit ihm , um das Gold zu holen , dessen Fundstelle in der letztwilligen Verfügung Winnetous beschrieben war . Ich machte mich von den Kiowas frei und eilte ihm nach . Ich kam an Ort und Stelle an , als er den Schatz soeben gefunden hatte . Das Versteck lag auf einem hohen Felsen am Ufer des einsamen Bergsees , den man » Das dunkle Wasser « zu nennen pflegt . Als er mich sah , schoß er auf mich . Was dann geschah , das ist im letzten Kapitel von » Winnetou « , Band III , zu lesen . Und in Beziehung auf Tatellah-Satah , den » Bewahrer der großen Medizin « , muß ich gestehen , daß es stets einer meiner Herzenswünsche gewesen war , diesen geheimnisvollsten aller roten Männer einmal zu sehen und zu sprechen ; nie aber hatte eine Gelegenheit bereit gestanden , mir dieses wirklich herzliche Verlangen zu erfüllen Tatellah-Satah ist ein Name , welcher der Taossprache angehört und wörtlich übersetzt » Tausend Sonnen « heißt , in seiner Anwendung aber » Tausend Jahre « bedeutet . Der Träger desselben hatte also ein so ungewöhnliches , ja außerordentliches Alter , daß man die Höhe des letzteren unmöglich bestimmen konnte . Ganz ebenso wenig wußte man , wo er geboren worden war . Er gehörte keinem einzelnen Stamme an . Er wurde von allen roten Völkern und Nationen gleich hoch verehrt . Was Hunderte und Aberhunderte von einzelnen Medizinmännern im Laufe der Zeit an Geistesgaben und Kenntnissen besessen hatten , das sprach man ihm , dem Höchstgestiegenen , in voller Summe zu . Um zu begreifen , was das heißt , muß man wissen , daß es grundfalsch ist , sich einen indianischen » Medizinmann « als einen Kurpfuscher , Regenmacher und Gaukler vorzustellen . Das Wort Medizin hat in dieser Zusammensetzung nicht das Allergeringste mit der Bedeutung zu tun , die es bei uns besitzt . Es ist für die Indianer ein fremder Ausdruck , dessen Sinn sich bei ihnen derart verändert hat , daß wir uns dabei grad das Gegenteil von dem zu denken haben , was wir uns bisher dabei dachten . Als die Roten die Weißen kennen lernten , sahen , hörten und erfuhren sie gar manches , was ihnen gewaltig imponierte . Am meisten aber erstaunten sie über die Wirkung unserer Arzneimittel , unserer Medizinen . Die