, etwan ein steinern Rad , ein Pflug , eine fette Henne , ein gülden Hufeisen . Wenn ich einem stadtbekannten und kuriösen Menschen begegnete , dem dicken Hökerweibe , Appelolsche benamset , oder dem wilden Peter , dessen Haare und Nägel seit Jahren unverschnitten geblieben , so dachte ich in meinem Sinn : du ahnest nicht , daß ich dich jetzo zum letzten Male anschaue und die weite Reise ins Schlesingerland fürhabe ! Bei solchem Umherwandeln merkte ich , daß mein Abschied nicht bloß der Vaterstadt galt , sondern auch bereits meinem Kindesalter . Zu manchen Malen ward mir klar , wie ich bisher als rechter Einfaltspinsel in die Welt gegafft und mich mit allerhand dummen Einbildungen getragen . Das Haus am Knochenhauer Ufer , drin meiner Mutter Vater wohnte , trug auf dem Dach ein Türmlein , von wo mein Blick oft über das Gewimmel der Dächer ins Weite geschweift war , auch über die Elbe hinweg bis zur grünen Zollschanze , wo der Himmel sich emporzuwölben begunnte . » Dahier muß die Stelle sein , wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist , « hatte ich stets bei diesem Anblicke gedacht - als ob hinter den grünen Wällen nichts Irdisches mehr zu finden sei . Jetzo schlug ich mich vor die Stirn und schalt : » Welch Asinus bist du gewesen ! Hat nicht der Vater gesagt , hinter der Zollschanze sei die Stadt Wittenberg gelegen , und in dieser Richtung führe die Straße gen Hirschberg ? Du Narre sollst noch das Maul aufreißen , wie die Welt so lang und breit . « Eine andere kindische Einfalt hatte mir eingebildet , der Kaiser Otto , vor dem Rathause hoch zu Rosse abgebildet , sei derselbige , von dem die Bürgersleute sprachen : » Unser Kaiser « , und die um den Kaiser Otto stehenden steinernen Weibsbilder seien die Frau Kaiserin nebst ihren Mägden . Nunmehr zur Nachdenklichkeit gestimmt , befragte ich meinen Vater nach dem Kaiser Otto und erfuhr zu meiner Verwundernis , der habe schon vor vielen hundert Jahren gelebt , und was ich für Mägde angesehen , seien Symbola , Fürtrefflichkeiten seiner glorreichen Regierung , zum Exempel seine Justitia oder Gerechtigkeit , seine Frömmigkeit und Tapferkeit ; jetzo aber werde die Krone des Römischen Reiches Teutscher Nation vom Kaiser Matthiae getragen , der wohne im Österreiche , in der Stadt Wien , zwiefach so entfernt wie Hirschberg . Das Besteigen unseres Dachtürmleins erinnerte mich daran , daß ich ja noch nicht auf dem Magdeburger Dome gewesen sei , von wo man , wie die Leute rühmten , viele Meilen weit in die Runde sehen und bei klarer Luft sogar den Harz erkennen kann . Bat derohalben meinen Vater , mich auf den hohen Turm zu geleiten , und erhielt die Zusage . Sollte jedoch nicht zum Ziel gelangen . Denn wie wir eines Spätnachmittages beim Küster des Domes vorsprachen , damit er uns den Turm auftue , war weder der Küster noch sein Weib daheim , und also blieb uns der Turmschlüssel verwehret . Wir begnügten uns damit , von unten zu betrachten , was des Anschauens würdig . Da staunte ich über die mächtigen Türme mit ihrem aus Stein gemeißelten Zierate . Der Sonnenuntergang entzündete in den Scheiben der hohen Fenster Purpurflammen , und rosig angehaucht war der graue Sandstein , während die Schnörkel und Pfeiler bläuliche Schatten warfen . So hatte ich den Dom noch nie gesehen . Alsdann gingen wir zum Kreuzgang . In seine Wände sind Steinplatten eingelassen , auf denen geistliche Herren aus alter Zeit , mit Kutten angetan , abgebildet sind ; und ich war bisher , weiß nicht aus was Ursach , der erschrecklichen Meinung gewesen , hier habe man Mönche zur Strafe für Ungehorsam lebendig eingemauert , also daß ihre Gestalt unter dem angeworfenen Kalke noch erkennbar . Von diesem Aberglauben heilte mich mein Vater : » Solch Einmauern , « sagte er , » ist in den papistischen Klöstern zwar vorgekommen , aber doch nicht also oft , auch nicht in dieser Weise zur Schau gestellet . « Ich fragte nun , ob es wahr sei , was ein Klosterschüler mir anvertrauete , daß nämlich ein heimlicher Gang unter der Erde den Dom mit unserer Johanniskirche und sogar mit dem Kloster Berge verbinde . Hierauf antwortete mein Vater : » Also reden die Leute ; wollen auch wissen , daß Kurfürst Moritz , wie er Magdeburg belagerte , durch den unterirdischen Gang in des Dompredigers Wohnung gedrungen sei , um daselbst mit dem Stadtrate ohne Wissen der Bürgerschaft zu akkordieren . Das soll vor mehr denn sechzig Jahren geschehen sein . Den früheren Domprediger habe ich gefragt , was Wahrheit daran sei , und die Auskunft erhalten , in den Kirchenschriften werde nichts dergleichen vermeldet . Was aber die Johanniskirche anlangt , so weiß ich allerdings von einem unterirdischen Gang ; er führet aus dem Keller unseres Predigerhauses in ein Gewölbe unterhalb der Kirche , weiter jedoch nicht . Wenigstens hat unser Küster keine Fortsetzung des Ganges gefunden . « » Wie denn ? Aus dem Keller unseres Predigerhauses ? « fragte ich . » Wir wohnen ja im Predigerhause . « » Aus unserm Keller , « bestätigte der Vater . » Hinter Gerümpel befindet sich da eine kleine Tür , unser Küster hat den Schlüssel . Ich bin niemals hineingekrochen . Der Gang soll baufällig sein und gefährlich zu betreten . « Daß diese Worte mir später einmal zum Schicksal werden sollten , ahnte ich damals nicht , prägte sie aber meinem Gedächtnisse ein , weil sie meine Phantasie aufregten . Im weiteren Gespräche fragte ich , was für Bewandtnis es mit jener Belagerung durch den Kurfürsten Moritz habe . Es fiel mir bei , daß Tages zuvor der Prediger von Sankt Kathrinen zu meinem Vater die Äußerung getan : » Ein neuer Kurfürst Moritz tut dem Reiche not . « - » Wie denn ? « fragte ich jetzo verwundert . »