Frau meint es ja gewiß seelengut , allein vom Kindergemüt versteht sie so wenig wie die übrigen Frauen , wenigstens wenn es sich um Knaben handelt . « Als er jedoch die beiden nur so an den Eßtisch setzen wollte , der draußen fast auf der Straße zwischen den Oleanderbüschen gerüstet war , erschien seine Frau wieder , um Einspruch zu erheben , zwar mit tonloser , beinah versagender Stimme , doch mit zähem , entschlossenen Willen . Sie dulde und erlaube es einfach nicht , daß jemand in so verwahrlostem Zustande mit kohlschwarzen Gesichtern und Händen und zerrissenen und staubigen Kleidern sich an den Tisch setze ; erst müßten die Kinder gewaschen und notdürftig hergerichtet werden und überhaupt wieder halbwegs menschlich und anständig aussehen . Und behielt schließlich die Oberhand , trotz dem Achselzucken des Statthalters und seinem Maulen über die Herzlosigkeit und Grausamkeit des weiblichen Geschlechtes . Also wurden die Kadetten in eine Schlafstube neben dem Höfchen befördert , dort von der Statthalterin und der Monika ausgezogen , ihre Kleider zum Schneider , ihre Schuhe zum Schuhmacher geschickt ( » aber sofort ! und so geschwind als nur möglich , nur das Allernotwendigste , denn in einer Stunde müßten die Kinder wieder verreisen « ) , sie selber , einer nach dem andern , Gerold voran , auf den Tisch gestellt , eingeseift , gekämmt , gestriegelt und gebürstet . Während dieses Geschäftes hörte man durch die Wand den Statthalter im Nebenzimmer spektakeln : » Ihr , der Ihr einen Kutscher vorstellen wollt , und noch dazu einen herrschaftlichen , Ihr solltet doch wissen , daß man einem Pferd , ehe man es anspannt , zu fressen gibt ; geschweige denn einem Menschen . « Ob er denn keinen Funken Gefühl in der Brust habe , daß er zweien armen unschuldigen Kindern , die von morgens acht Uhr bis nachmittags vier Uhr nichts im Magen gehabt haben , zumute abzureisen , ehe sie gegessen hätten . Der Kutscher schien etwas zu erwidern , was man nicht verstehen konnte . » Das ist nichts als elendes , faules , einfältiges Geschwätz « , lärmte der Statthalter weiter , » Ihr kommt noch bequem nach Bischofshardt . Im Gegenteil , in der Abendkühle gibt es weniger Staub , und die Bremsen sind den Pferden nicht mehr so aufsässig . Nur ein Tierquäler ohne Herz und Gemüt kann auf den Einfall kommen , bei dieser infernalischen Hitze ein paar arme unschuldige Rößlein auf der Landstraße in Schweiß zu jagen . Und dem Wagen wird es wohl auch kein Rad abknappen , wenn er noch ein Viertelstündchen wartet . « Dann blieb es eine geraume Weile still nebenan . Hernach tönte es : » Guten Abend , Herr Statthalter . « » Guten Abend , Herr Balsiger ; was gibts Gutes ? womit kann ich aufwarten ? « » Ich glaube , Herr Statthalter , es ist besser , wir lassen Gesima allein abfahren , und die Buben kommen morgen vormittag mit der Post nach ; falls Sie etwa nicht Platz für beide haben sollten , so bin ich gerne bereit , den einen von ihnen , oder auch beide , über Nacht zu mir zu nehmen . « » An und für sich hätte ich durchaus nichts dagegen , daß die Buben die Nacht in Schönthal blieben « , antwortete der Statthalter nach einer kleinen Pause , mit nachdrücklicher Betonung , » denn es sind brave , gesunde , unverdorbene Buben . Sie sind mir auch nicht feil , niemand braucht sie mir abzunehmen . Aber bei mir heißt es : ein Wort ist ein Wort ; es ist zwischen uns abgemacht worden , sie sollten heute mit Gesima in des Landammanns Wagen nach Bischofshardt fahren . « » Bei mir heißt es ebenfalls : ein Wort ist ein Wort . Aber es war abgemacht worden , um zwei Uhr werde man fahren , und jetzt ist es bald fünf , und bis die Buben gegessen haben , kann es sechs Uhr werden . « » Sechs Uhr ist nicht zu spät ; in zwei Stündlein ist ein Wagen von hier in Bischofshardt . « » Meinetwegen , so sei es sechs Uhr , wenns nicht anders sein kann ; aber dann muß ich dringend bitten , nicht eine Minute später . « » Auf eine Minute früher oder später wirds auch nicht ankommen . « » Ich bitte um Verzeihung , wenn es um vier Stunden Verspätung nicht angekommen ist , so kommt es schließlich auf eine Minute an . « Jetzt erhob plötzlich der Statthalter seine Stimme zum donnernden Gebrüll , daß die Wände zitterten : » Herr Balsiger , ich bin ein einfacher Gemütsmensch . Aber wenn ich auch von Kunst und Ästhetik und Klassik und all dem überspannten Zeug nichts verstehe , so weiß ich doch , was recht und unrecht ist , und vielleicht besser als mancher , der sich wunder wieviel auf seine Bildung zugute tut . In welchem Gesetz , Herr Balsiger , steht denn geschrieben , daß ich nicht ebensogut ein Anrecht auf ein wenig Freude in der Welt haben sollte wie ein anderer ? Bis dato kenne ich keinen solchen Paragraphen . Aber das hätte ich nicht von Ihnen erwartet , Herr Balsiger , daß Sie mir geizig und neidisch die Minuten vorrechnen würden , um mir das Stündchen Gegenwart der braven Naturbuben zu verkürzen . Ich bin ein Gemütsmensch , Herr Balsiger , ich habe auch einen Lichtblick nötig . Woher aber soll ich den sonst beziehen ? Jedenfalls nicht von meinem Max . Weshalb übrigens gerade ich dazu verdammt bin , einen solchen Duckmäuser zum Sohne zu haben , ist mir noch heutigen Tages ein Rätsel . Da machen sie ein gewaltiges Wesen und Geschrei über den Sentisbrugger Dolf wegen ein paar Liebeleien und einiger lumpigen tausend Franken Schulden . Ich tauschte mit Vergnügen den Max gegen den Dolf . An dem Dolf ist doch wenigstens Natur und Rasse ,