und er sah sich nicht um nach der Ursula , die mit den Ärmeln ihre Tränen trocknete und nicht wußte , sollte sie stehen bleiben oder dem Xaver nachlaufen . Weil sie aber sah , daß er schnell dahinging , dachte sie , daß ihr alles Reden nichts helfen würde . Sie richtete das Kopftüchel zurecht und öffnete ihren Handkorb . Auf der Innenseite des Deckels war ein Spiegel angebracht , und Ursula betrachtete ihr Bild darin . Es sah nicht vorteilhaft aus . Über das sommersprossige Gesicht waren schwärzliche Streifen gezogen ; sie kamen von den Tränen und den schmutzigen Fingern . Auf zehn Schritte wäre es zu sehen gewesen , daß sie geflennt hatte ; deswegen spuckte sie in ihr Taschentuch und verwischte die Spuren . Und dann ging sie langsam ihren Weg , auf den Tanzboden . Der Weblinger Wirt hatte einen guten Tag . Saal und Stuben waren gefüllt , und im Nebenzimmer saßen alle Honoratioren , auf die er gerechnet hatte . Die Herren Lehrer aus der Umgebung , der Förster von Pellheim , der Verwalter von Hohenzell und der Stationskommandant Hermann . Unter der Türe erschien ein junger Mann . Er grüßte freundlich und wurde von allen willkommen geheißen . » Bei mir ist noch Platz , « sagte der Lehrer Stegmüller von Erlbach . » Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen ? Herr Mang , Kandidat der Theologie - Fräulein entschuldigen , jetzt hab ich den Namen vergessen ... « » Sporner , « sagte das hübsche Mädchen , welches neben ihm saß . » Fräulein Sporner , die Nichte des Herrn Collega von Aufhausen . Den kennen Sie ja schon ? « » Gewiß habe ich schon die Ehre gehabt . Wenn die Herrschaften erlauben , dann bin ich so frei , « sagte der Kandidat der Theologie und setzte sich mit linkischer Bescheidenheit nieder . Er hatte ein hübsches Gesicht und lustige braune Augen ; seine Bewegungen verrieten Kraft und Geschmeidigkeit , aber er war nicht frei von der angelernten Würde , die man für den geistlichen Beruf braucht . Dazu kam noch einige Schüchternheit im Verkehr mit Damen , und Fräulein Sporner war ein schönes Mädchen , vor dem ein junger Studiosus wohl erröten konnte . Darum war es nicht verwunderlich , daß Sylvester Mang sich einige Male durch die Locken fuhr und keinen rechten Platz für die Hände fand , und daß er nach längerem Besinnen sagte , es sei heute ein schöner Herbsttag . » Wundervoll , « meinte Fräulein Sporner , » es ist überhaupt so hübsch hier . « » Fräulein sind noch nicht länger da ? « - » Nein . « » Wir haben gerade von Ihnen geredet , Herr Mang , « sagte der Lehrer von Aufhausen . » Am nächsten Sonntag haben wir ein Hochamt , und da könnten wir einen guten Tenor brauchen . « » Wenn Sie wünschen , stehe ich gerne zu Diensten . « » Sie tun mir einen großen Gefallen damit . « » Sie sind Sänger ? « fragte das Fräulein . » Ja , das heißt , ein wenig . Natürlich nicht geschult . « » Der Herr Mang hat einen prachtvollen Tenor , « unterbrach ihn Stegmüller . » Ich sag ' Ihnen , Fräulein , da können Sie in der Stadt lang suchen , bis Sie einen solchen Tenor finden . « » Da freue ich mich auf den Sonntag . « » Wenn Sie nur nicht zu stark enttäuscht werden , Fräulein . Ich habe gar keine Übung mehr . « » Er ist überhaupt ein musikalisches Genie , « rühmte Stegmüller . » Ein Künstler auf der Violine . Ja , wenn ich das gekonnt hätte , säß ich nicht als Schullehrer in Erlbach ! Eigentlich is ' s schad , daß Sie Geistlicher werden . « » Es ist ein idealer Beruf , « sagte Sylvester . Und er sah bei diesen Worten nicht weniger altklug aus , wie andere junge Leute , welche etwas Großes behaupten . Fräulein Sporner nickte ernst und verständnisvoll zu seinen Worten . » Die Kunst , das wär mein Fall gewesen , « seufzte Stegmüller . » Frei sein , wie ein Vogel in der Luft und auf niemand Obacht geben . Und leben können , wo man will . « » Treiben Sie auch Musik , Fräulein ? « fragte er . » Klavier habe ich gelernt , aber ich hab ' s nicht sehr weit gebracht . « » Sie sollten einmal den Herrn Mang begleiten . « » Da kann ich nicht genug . « Sylvester freute sich , daß ein Gespräch im Gange war , in dem er seinen Mann zu stellen wußte . Er stellte höfliche Fragen und rühmte alle Werke , welche das Fräulein hervorhob . Und als sie sagte , kein Lied gefalle ihr besser , als das » Am Meer « von Schubert , fiel Sylvester leise ein : » Das Meer erglänzte weit hinaus ... « » Auch das Gedicht ist herrlich , « lobte das Mädchen . » Von Heine , « sagte er . » Ich hab es einmal bei einem Maifest gesungen , am Gymnasium . Der Rektor sagte aber , ich hätt ' es nicht tun sollen . « » Wenn es so schön ist ! « » Er meinte , weil Heine doch ein Gottesleugner war . « Fräulein Sporner mußte wieder den Ernst des jungen Mannes bewundern . An allen Tischen wurde die Unterhaltung lebhafter . Die Frauen hatten sich vieles zu erzählen ; die eine hatte ihren Mann pflegen müssen , der andern war ein Kind krank geworden . Die Fleischpreise gingen in die Höhe , Schmalz und Eier wurden nicht billiger . Manche führten Klage über die Mühen ihres Eheherrn , und als vom Tanzsaal herunter schrille Musik und Stampfen vernehmlich wurden , sagte die Frau Stationskommandant : » Es wird doch hoffentlich nicht schon wieder