über diese Lippen nie ein liebloses Wort gekommen sei oder kommen könne . Vom Vater hatte sie das nicht geerbt ; es konnte nur die Gabe einer vortrefflichen , an Herzensbildung reichen Mutter sein . Der Vater war Amerikaner , und zwar Missionar , nach China bestimmt , wohin die Tochter ihn begleitete ; die Mutter war tot , eine Deutsche gewesen , wie es schien . Sie waren über London , Köln , Wien und Triest nach Aegypten gekommen , um einige Zeit hier zu bleiben und sich dann zunächst Indien anzusehen . Große Eile schienen sie nicht zu haben . Sie kannten die Wirkung des Khamsin noch nicht und waren trotz desselben gleich nach ihrer Ankunft hier herauf geritten , weil Mary gewünscht hatte , zunächst das Gesamtbild von Kairo vor sich zu sehen . Und der Eindruck desselben war , wenigstens bei der Tochter , ein so tiefer , daß der ermattende Wind auf sie ohne sichtbare Wirkung blieb . Sie hatte die entfaltete Karte auf ihrem Schoße liegen , ohne aber zunächst nach speziellen Punkten zu suchen . Es schien ihr vor allen Dingen um den Totaleindruck zu tun zu sein . Dabei machte sie dann und wann eine Bemerkung , die mich aufhorchen ließ . In diesem Mädchen schien ein seltsames , ungewöhnlich reiches Seelenleben zu pulsieren ! Einmal hätte ich beinahe verraten , daß ich ihr aufmerksam zuhörte . Sie nannte nämlich meinen Namen . » Weißt du , Vater , an wen ich jetzt denke ? « sagte sie . » An Karl May . Ich habe seine drei Bände Im Lande des Mahdi gelesen , und - - - « » Lies nicht das dumme Zeug von diesem May ! « unterbrach er sie rasch und schnarrend . » Dieser Schriftsteller hat nichts als Phantasie , und du weißt , daß mir seine weichliche Frömmigkeit widerwärtig ist ! Wie kommst du dazu , grad jetzt an ihn zu denken ? « » Er nennt Kairo Bauwaabe el bilad esch schark , das Tor des Orientes , und sagt , dieses Tor sei altersschwach geworden und könne dem Einflusse des Abendlandes kaum mehr widerstehen . Es wird mir schwer , das zu glauben . Ich habe den Orient noch nicht gesehen , aber ich liebe ihn und wünsche , daß er sich stärker erweisen möge , als zum Beispiel du , Vater , mit so vielen Anderen denkst . Er ist für mich ein schlafender Prinz im stehengeblieben Saale einer eingefallenen , morgenländischen Königsburg . Seine Bestimmung ist , von einer abendländischen Jungfrau aufgeweckt zu werden . Wenn dann durch Beide der Osten mit dem Westen in selbstloser Liebe vereinigt ist , werden alle Völker der Erde glücklich sein . « » Du bist eine Träumerin , ganz wie deine Mutter war ! Die Wirklichkeit aber sieht ganz anders aus als so ein Märchentraum . Das Morgenland hat uns um das Paradies gebracht ; es hat den Erlöser gekreuzigt und bis auf den heutigen Tag niemals erkennen wollen , was zu seinem Frieden dient . Nun kommen wir , die Himmelsboten , ihm diesen Frieden zu bringen . Nimmt es ihn an , so soll es ihn haben ; stößt es ihn aber von sich , so wird es trotz aller unserer Mühe nicht zu retten sein . Schau doch hinab , und sieh , was zu deinen Füßen liegt ! Alles , was da noch orientalischen Ursprungs ist , steht im Begriff , im Schmutze zu versinken . Alles Neue , Praktische und Gute aber hat diese Stadt vom Abendlande bekommen . Dein Karl May , von dem ich sonst nichts wissen will , hat also in diesem einen Falle ausnahmsweise einmal das Richtige gesagt . Ist der Orient der Märchenprinz , von dem du sprachst , so ist es nur uns Sendboten möglich , ihn aus dem Schlafe aufzuwecken . Nur wir allein können ihn erlösen ; wir fußen in und auf der Wirklichkeit ; deine abendländische Jungfrau aber gehört ins Reich der Phantasie . « » Phantasie ! Das ist vielleicht das richtige Wort , « lächelte sie . » Es gibt Leute , welche behaupten , daß die Phantasie hellere und schärfere Augen habe als der alterssichtig gewordene Verstand . « » Willst du mich belehren ? « » Nein . Dazu bist du mir ja viel , viel zu gelehrt . Aber weißt du , wir klopfen heut beide an das Tor des Orientes , und wenn man irgendwo anklopft , soll man sich nicht nur fragen Was willst du hier ? sondern auch Was bringst du mit ? Denn ob man das , was man will , erreichen wird , das ist wahrscheinlich sehr von dem abhängig , was man mitbringt . Und mitbringen muß und wird Jeder Etwas , und wenn es nichts weiter als seine Persönlichkeit wäre . Fragen wir uns also heut , indem wir an diese Pforte klopfen , was wir für die , welche hinter ihr wohnen , mitbringen ! « » Well , mein Kind ! Ich bringe ihnen meinen Glauben . Das ist mehr als genug ! « » Und ich bringe ihnen meine Liebe , meine ganze , ganze , volle Liebe ! Ob das genug ist , weiß ich nicht ; aber ich besitze ja nichts weiter , was ich geben kann . Und diese Liebe gebe ich so gern , so unendlich gern . Was habe ich gewünscht ! Wie habe ich geträumt , gehofft , geschwärmt ! Mein Herz ist mir nach hier vorausgeflogen . Es ist mir , als sei mein bisheriges Leben eine Weissagung gewesen , welche von heute an beginne , in Erfüllung zu gehen . Der Orient ist die Heimat des Menschengeschlechtes . Fühlst du nicht auch , was es heißt , am Tore unserer Heimat zu stehen ? Im Osten geht der Welt die Sonne auf . Ist es nur dein Glaube , welcher ihr entgegen geht ? Bringst du ihr