. Plattners Blick musterte scharf den Knaben , und jäh entschwand das Wohlgefallen aus seinen Zügen . » Wie der Bub ihm gleicht ! « sagte er langsam . » Der wird dir zu schaffen machen . « Und in romanischer Sprache fuhr er fort : » Er hat mich gleich gefragt , wo doch der Papa sei . Die Mama sage : im Spital bei den kranken Leuten , aber er glaubt ' s nicht . Und warum glaubst du ' s nicht ? frag ich ihn . Da macht der Lausbub so ein altbärtiges G ' sicht hin und flüstert : Mir darfst schon sagen , Großvater , daß der Papa tot ist . Ich bin nicht so dumm , wie die Mama meint , ich merke alles . « Während der Wiedererzählung blickte der Knabe mit seinen unruhigen Augen von dem Großvater zur Mutter und umgekehrt , als verstehe er jedes Wort der ihm fremden Sprache . » Mama , wann kommt der Papa heim ? « sagte er , sich an des Großvaters Schulter drängend . » Wenn er gesund ist , « entgegnete Josefine kurz . » Wird er wahrscheinlich lange krank sein ? « fing der Bub in herausforderndem Ton an . » Ja , lang . Wahrscheinlich . « » Wieviel Jahre , Mama ? Ein Jahr oder mehr ? « Es klang wie frühreife Ironie . Josy ergriff ihn am Arm . » Schwatz nicht so viel , « sagte sie finster . » Geh jetzt ! Wasche dich ! Zieh dich an ! Marsch hinaus ! « Da beugte sich der Knabe an des Großvaters Ohr und zischelte : » Wir beide sind Männer , gelt Großvater ? Ich will mit dir gehen ! Und du zeigst mir Papas Grab , haha ! « Er lachte plötzlich frech der Mutter ins Gesicht , dann duckte er sich , schluchzte auf und ging mit schlotternden Knien hinaus . Mit scheuer Miene schlich ihm Rösli nach . Nur der kleine rotbäckige Uli ritt lärmend und jauchzend in seinem kurzen Hemdchen auf einem Blumenstab durch das Zimmer und über die Altane , wo Vater und Tochter wieder gramvoll nebeneinander saßen . Selten fiel ein Wort . » Ihr kommt also nicht mit mir ? « » Nein , Vater ! « » Und was gedenkst du zu tun ? « » Irgend etwas anfangen . « » Und denkst davon zu leben ? « » Ja ! « » Mit den Kindern ? « » Wenn ich die Kinder nicht hätt , braucht ich nicht zu leben . « » So-o-o ? « Der große vorwurfsvolle Aufblick des Vaters drang Josefinen tief in das leidende Herz . » Hab nicht Furcht , « sagte sie bitter , » ich lebe und will leben . Der Bub bringt mich fast um mit seinen Fragen , und ich gäb ihn dir gern . Aber es könnte ein Wort fallen - von den Knechten - von einem Zögling - nein . Sie werden ja dort von nichts anderem reden . « Plattner fuhr auf . » In meiner Gegenwart ? « stürmte er ingrimmig . Unwillkürlich sah er hinter sich , als erwarte er schon die Angreifer und Tuschler . Die Sonne kam über den Balken herein , sie malte das zackige Blattornament scharf und treu auf den hellen Parkettboden . Aus dem nebligen Morgen wollte ein voller Sommertag erstehen , nicht ganz klar , aber voll lockendem , mildem Glanz . » Was der Mensch sich selber zubereitet ! « nickte Plattner aus seinen schweren Gedanken heraus . Josefine nickte stumm . » Du auch , Kind , du auch . « » Ich ? Was kann ich noch tun oder nicht tun ? Mir hat ja das Schicksal alle Wahl erspart , « höhnte sie bitter . » Wenn du dem - dem - Menschen absagst und läßt dich scheiden und ziehst zu deinem Vater und - - « » Dann bist erst recht gemein ! « rief Josy überlaut . » Wenigstens ich , Vater , ich wär ' s. Übrigens - ich könnt nicht . Da ist kein Überlegen , kein Besinnen . Was ich einmal lieb gehabt , das bleibt mein gegen die ganze Welt . Wir sind nun in der Hölle , Vater - nun denn - in der Hölle . « Sie sprang auf . Ihre starren Augen erschreckten ihn . Unwillkürlich hob er den Arm , um sie zu schützen . Aber er ließ ihn wieder sinken . Ihr bewegliches Gesicht hatte sich verändert . » Man muß herauskommen , aber nicht so , wie du meinst , Vater . Man muß ihn mit herausreißen , sonst ist ' s gemein . Wenn ich könnte - wenn ich beweisen könnte , daß man ihn unschuldig verurteilt hat ! « Glühend , leuchtend , von Schwärmerei verklärt , mit aufwärts gerichteter Stirn , mitten in dem sonnendurchspielten Zimmer stehend , erschien die Frau plötzlich wie eine andere . Es war einer jener Augenblicke , in denen das sonst unkenntlich verhüllte oder umpanzerte Innerste des Menschen , sein eigenes , individuelles Selbst , in eigenster Gestalt erscheint , überraschend , neu , eine Offenbarung . Den Vater überrann ein leichter Schauer . Er schwieg betroffen . Die Tochter gewann Gewalt über ihn , über seine Meinungen und Abneigungen , die er für unerschütterlich gehalten . Mühsam ermannte er sich . » Unschuldig ? « sagte er in weichem , traurigem Ton . » Josy , was träumst auch ! Er hat ja gestanden . Da fehlt kein Pünktchen am Schuldbeweis . Die Hoffnung mußt fahren lassen . « Josefine antwortete nicht gleich . Die Begeisterung auf ihrem Gesichte erlosch , wie eine helle Lampe erlischt . Herausforderung bebte um ihre Lippen . » Und wer in der ganzen Welt ist unschuldig ? « schrie sie . » Welcher Mensch und welcher Mann ? Wen dürfte man nicht einsperren , wenn man