jeder Zustand , jede Einrichtung mit allen anderen Zuständen und Einrichtungen in vielfacher Wurzelverschlingung verbunden ist , und da begann er , sich in andere Probleme zu vertiefen und andere Bewegungen zu verfolgen ; überall lauschte er hin , wo ein neuer Geist die alten Formen sprengen wollte . Je weiter er vorwärts drang , desto zahlreicher eröffneten sich ihm immer wieder neue Forschungsfelder . Die Fülle der auf ihn einstürmenden Gedanken und erwachenden Erkenntnisse hinderte ihn daran , sich auf irgend eine bestimmte Aktion zu konzentrieren . Erst mußte er lernen und noch lernen , erst mußte sein gährender Geist Klärung gewinnen , ehe er daran gehen konnte , tätig in das Räderwerk des öffentlichen Lebens einzugreifen . » Später , später ! « rief er sich zu und hatte vorläufig darauf verzichtet , sich politisch oder publizistisch zu betätigen . Er bewarb sich nicht um den Reichsratssitz , zu dem ihn sein Großgrundbesitz berechtigt hätte , er schloß sich keinem Vereine an und veröffentlichte keine Aufsätze ; er begnügte sich mit Studieren und Denken , mit Schauen und Beobachten . Daß er öffentlich werde wirken müssen , um die in Tillings Vermächtnis enthaltene Aufgabe zu erfüllen , das war ihm klar - aber : später , später . Als er achtundzwanzig Jahre alt war , entschloß er sich , zu heiraten . Der Besitzer des Majorats und zugleich letzter männlicher Sproß des Hauses Dotzky war einfach verpflichtet , für Vermögens- und Namenserhaltung zu sorgen und sich eine ebenbürtige Gattin zu wählen . Von Kindheit auf hatte er - halb im Scherz , halb im Ernst - um sich wiederholen gehört , daß die einzige Tochter der Gräfin Griesbach , die kleine Beatrix , seine Frau werden solle . Die Mütter waren Jugendfreundinnen , die Kinder Spielgenossen , und der Gedanke , daß sie einst ein Paar werden sollten , wuchs sowohl bei Rudolf wie bei Beatrix als etwas selbstverständliches , einfaches , gar nicht tiefbewegendes noch hochbeglückendes , aber immerhin als etwas ganz erfreuliches heran . Ohne langes Hofmachen seinerseits , ohne langes Überlegen ihrerseits , ohne Überraschung für die Familien und Freunde wurde Rudolfs Werbung vorgebracht und angenommen und sechs Wochen später die Trauung vollzogen . Beatrix war eine anmutige und elegante Erscheinung ; in geistiger Beziehung war sie nicht viel über das Niveau ihrer Mutter herausgewachsen , aber Rudolf hatte gar nicht den Versuch gemacht , sie zur Teilnahme an seinen geistigen Interessen heranzuziehen - hierin war und blieb seine Vertraute die Mutter . Bei seiner kleinen Frau wollte er nicht Anregung zu seinen Arbeiten , sondern Erholung finden . Ausruhen wollte er bei ihr und sich aufheitern lassen . Sie besaß ein fröhliches Temperament und fühlte sich durch die glänzende Lebensstellung , die ihr der liebenswürdige und hübsche Gatte bot , vollständig glücklich - da konnte sie wohl durch sonnige Laune und ungeheuchelte Zärtlichkeit die gewünschte Aufheiterung leisten . Für das geistige Ausruhen bürgte ihr gänzliches Unverständnis : mit ihr gab es kein weiteres Ausspinnen der Gedanken , kein Erwägen der Pläne - mit einem Wort : keinerlei weiteres Kopfzerbrechen ; in ihrer Gesellschaft mußte man die geistige Arbeit ruhen lassen . Martha hatte sich dieser Eheschließung nicht widersetzt . Sie hatte die Empfindung , daß Rudolfs Lebensaufgabe und Lebensinhalt außerhalb der häuslichen Verhältnisse lag , etwa wie bei einem von seiner Berufspflicht ganz erfüllten Priester . Rudolfs Schicksal hing nicht an der Gemeinschaft mit einem geliebten Weibe - es hatte ein weiteres Feld . Auf diesem Felde war die Mutter seine Vertraute und Beraterin ; vielleicht wäre es dieser sogar schmerzlich gewesen , eine solche Rolle einer anderen überlassen zu sollen . Der große Liebreiz der jungen Gräfin Dotzky verbunden mit ihrem kindlichen Frohsinn , ließ über ihren Mangel an Geist , über die Seichtigkeit ihres Charakters hinwegsehen . Viele nannten sie entzückend und Rudolf hatte sie von Herzen lieb . So fühlte sich Martha über ihres Sohnes Eheleben ganz beruhigt und zufriedengestellt . Anders urteilte sie über die bevorstehende Heirat der Tochter . Da war ihr unsäglich bang . Für Sylvia hatte sie stets den Traum genährt , daß ihr in einer harmonischen Ehe ein Glück beschieden sein möge , wie sie selber es an der Seite Tillings gefunden . Und dafür bot ihr das Wesen des jungen Delnitzky keine Bürgschaft . Es war am Abend des Tauffestes . Sylvia saß beim Fenster in ihrem Zimmer . Die Dunkelheit war schon hereingebrochen . Das Fenster stand offen und die laue Sommernachtluft , düftebeladen , strömte herein . Hinter den Baumwipfeln stieg eine glutrote , unnatürlich groß scheinende Mondscheibe empor . Von ferneher leiser Unkensang und aus nahem Gebüsch die Triller einer Nachtigall . Sylvias Kopf war an die Fauteuillehne zurückgeworfen und ihre beiden Hände hingen über die Armlehnen hinab . Ihr Atem ging hörbar und kurz durch die halbgeöffneten Lippen ; sie selber fühlte das Schlagen ihres Herzens . Verliebt ... Die Wonne dieses Bewußtseins war nicht nur eine seelisch , sondern zugleich physisch empfundene Wonne . Eine süße Wärme , eine seligkeitsahnende Beklemmung in der Brust , eine wogende Betäubung im Kopf . Beim Abschied - sie standen von den anderen ungesehen in einer Nische der finstern Ausgangshalle - hatte Delnitzky sie auf den Mund geküßt . Der erste Liebeskuß in ihrem Leben . Jetzt saß sie da und suchte sich dieses Erlebnis , dieses Ereignis wieder zu vergegenwärtigen . Sie war erschüttert , bereichert - verändert mit einem Wort , nicht mehr dieselbe Sylvia , die sie vor einigen Stunden gewesen . Die Tür ging auf . » Im Finstern , mein Kind ? « Und Martha drückte an den elektrischen Knopf . Ein mattes rosa Licht fiel nun durch die gläserne Deckenampel in den Raum und zeigte die weiß lackierten Möbel , die blumengemusterten Stoffe und Tapeten des frischen , einfachen Mädchenzimmers Sylvia sprang auf . » Habe ich Dich erschreckt ? « » O nein , Mama ... Gut , daß Du kommst ... ich wäre ohnehin später zu