gemacht worden , und während an einem der ersten Oktobertage der Inspektor , die Pfeife im Munde , sich gemütlich in Karstens Garten in der Sonne dehnte , froh , die » ganze Schererei « los zu sein , dampften Lotte und Lena , fröhlicher Zukunftshoffnungen voll , der neuen Heimat entgegen . Onkel Karl war tags zuvor in entgegengesetzter Richtung in seine Heimat zurückgefahren . Nur seinen Nichten zuliebe hatte er es so lange in dem kleinen Nest und bei seinem schrulligen Schwager ausgehalten . Lotte und Lena hatten nur eine einzige gute Bekannte in Berlin , Marie Weber , eine Schulfreundin Lenas . Sie wurde von Lena ausserordentlich bewundert , da sie schon seit einem Jahre als Telephonistin angestellt war . Es traf sich sehr glücklich , dass Fräulein Weber bei Ankunft der Schwestern gerade dienstfrei war . Sie konnte die Landsmänninnen an der Bahn empfangen und gleich zu dem bescheidenen Hôtel garni führen , in dem sie selbst bei ihrer ersten Ankunft in Berlin abgestiegen war . So weit es ihre Zeit erlaubte , stand sie auch sonst den Schwestern während der ersten Tage rührig zur Seite und veranlasste auch Lena dazu , sich unverzüglich noch einmal bei der Ober-Postdirektion zu melden . Vor allem aber musste so schnell als möglich eine passende kleine Wohnung gefunden werden , damit Lotte keine Zeit verlor . Von rechtswegen , behauptete Fräulein Weber , hätte sie schon Anfang September ihr Geschäft eröffnen müssen , wollte sie auf einen Saisonerfolg rechnen . - Lotte aber liess sich durch diese Behauptung nicht einschüchtern . Mit rastlosem Fleiss gedachte sie das Versäumte nachzuholen , sobald sie nur erst ein Arbeitsstübchen hatte und über die Bezugsquellen genügend orientiert war . Mit der Kundschaft , hoffte sie , würde sich ' s dann schon machen . Hatte sie doch zu Haus , so lange es mit der Mutter noch leidlich gegangen war , einen ganz respektablen Kundenkreis gehabt . Zu ihrer grossen Genugthuung hatte Lotte auch hier das Handgeld sozusagen in der Tasche . Marie Weber hatte bereits einen Winterhut bei ihr bestellt . Allerneueste Mode im Preise von zehn Mark . Wenn der Hut schön würde und sie recht gut kleidete , hatte die Telephonistin versprochen , unter ihren Kolleginnen für Lottes Hüte Propaganda zu machen . Während Lottes schlichter Sinn sich nur auf das nächste Notwendige richtete , war Lena förmlich berauscht von Berlin , das sie bisher nur einmal flüchtig besucht hatte . Ganz gegen ihre sonstige praktische Gewohnheit brachte sie ganze Tage nur im Anstaunen der Berliner Herrlichkeiten hin . Der in diesem jungen Geschöpf lebende und bisher kaum geweckte Schönheits- und Genusssinn kam in diesen ersten Berliner Tagen mit plötzlicher Gewalt zum Ausbruch . Was konnte man in den wundervollen durchsonnten Herbsttagen auch besseres thun , als die märchenhaft schönen Auslagen hinter den grossen Spiegelscheiben der Magazine bewundern , den herrlichen Tiergarten durchstreifen , Denkmäler und private sowie öffentliche Prachtgebäude beschauen ? Nein , so wundervoll hatte Lena sich Berlin denn doch nicht vorgestellt . Lotte war wirklich grenzenlos philiströs , dass sie an nichts weiter dachte , von nichts weiter sprach , als von Wohnungsuchen und Wohnungseinrichtung , von Einkäufen an Material und den besten und billigsten Bezugsquellen . Blieb Lotte wirklich einmal an einem Schaufenster stehen , so war es zweifellos das einer Modistin , von dem sie dann ihrerseits nicht loszureissen war . Lottes inständige Bitten , ihre unantastbaren Beweisführungen , dass dies Leben nur Geld verschlinge , ohne die geringste Aussicht auf Einnahmen zu gewähren , vermochten Lena endlich dazu , mit dem Wohnungsuchen Ernst zu machen . Die Wirtin des kleinen Hôtel garni , in das Marie Weber sie geführt hatte , war eine ordentliche Frau . Sie meinte es gut mit den hübschen , jungen , gänzlich erfahrungslosen Dingern und hatte ihnen geraten , sich an die Querstrassen der südlichen Friedrichstrasse zu halten . Dort würde eine kleine passende Hofwohnung im Preise von 3-400 Mark noch zu finden sein . Ueberdies sei die Gegend für die Zwecke von Fräulein Lottchen ausserordentlich günstig . Es wohne da in den grossen Mietskasernen eine Menge kleinen Publikums beisammen , das sie als Kunden heranziehen könne . Auf eine Konkurrenz mit Gerson und Bestellungen aus dem Tiergartenviertel würde sie ja wohl doch nicht gleich rechnen können , hatte die Wirtsfrau lächelnd hinzugefügt und Lottchen dabei freundlich auf die Schultern geklopft . So hatten die Schwestern , von Marie Weber des näheren unterwiesen , in der Krausen- und Schützenstrasse zu suchen begonnen , aber nichts eigentlich passendes oder wünschenswertes gefunden . Lena war der Sache bald überdrüssig . Der Tag war sommerlich warm und sie schlug vor , in einer kleinen Konditorei in der Nähe Station zu machen und Eischokolade zu trinken . Lotte aber , für gewöhnlich die bei weitem nachgiebigere und minder energische von beiden , verstand in diesen Angelegenheiten nun einmal keinen Spass . Sie erklärte Lena ganz kategorisch , dass sie erstens seitdem sie in Berlin wären , täglich mindestens sechszig Pfennig zu viel verbraucht hätten , und zum zweiten , dass sie die Wohnung noch heute suchen , finden und auf eigene Hand mieten werde , wenn Lena noch einmal abschnappe . Das half . Lena wollte sich denn doch das Heft nicht so ohne weiteres aus den Händen winden lassen . Auch war Lotte , trotzdem sie sich jetzt im ersten Ansturm mächtig zusammenraffte , im Grunde herzlich unpraktisch und würde vermutlich , auf sich selbst gestellt , eine grundfalsche Wahl treffen . So suchten sie denn gemeinsam weiter , bis sie in der That noch an demselben Nachmittag nicht nur etwas Passendes , sondern auch etwas Hübsches gefunden hatten . In der Zimmerstrasse , zwischen der Wilhelm- und Friedrichstrasse , waren sie , einem Mietszettel nachgehend , in eines der älteren Berliner Häuser geraten . Durch einen tiefen dunklen Thorweg kamen sie in einen überraschend freundlichen hellen Hof , um den sich die Hintergebäude im Viereck zogen . Keines über zwei niedere