; aber vielleicht war es besser für ihre Kasse , als ein neues Zimmer zu mieten . Sie erkundigte sich nach den Museen und schlenderte dorthin . Für etliche Stunden vergaß sie über die herrlichen Kunstschätze ihre persönlichen Sorgen . Später ging sie in eine Restauration , aß , und durchflog mehrere Zeitungen . Da fiel ihr eine Ankündigung auf . » Heute Abend , acht Uhr , im kleinen Konzertsaal , Leipzigerstraße , Frauenversammlung . Sprecherin Frau Eugenie Blatt , Fräulein Cornelie Speiler . Präsidentin Frau von Werdern . « Frau Blatt ! Ob das dieselbe war , mit der sie in Briefwechsel stand ? Erst neulich hatte sie geschrieben : Nur Mut ! Unsere Sache wird siegen ! Könnte ich Sie doch sprechen . Wir vermögen nicht genug Soldaten unter unsere Fahne zu bekommen . Gewiß , es konnte nur ein- und dieselbe Person sein . Auch jene hieß Eugenie und war Pionier der Frauensache . Wäre das ein Wink des Schicksals ? Sollte Hildegard nicht gleich hineilen zu dieser Genossin und ihr die ganze hilflose Lage mitteilen ? Natürlich würde sie das thun . Aber heute nicht , morgen . Heute würde Frau Eugenie viel zu thun , sich für den Abend vorzubereiten haben . Morgen . Morgen . Gott sei Dank , der sie diese Notiz hatte finden lassen . Und daß diese Frau gerade hier sprach . Sie wohnte für gewöhnlich in Frankfurt . Hildegards Augen begannen zu strahlen . Nun würde vielleicht doch noch ihre Hoffnung , die große Hoffnung , die sie auf Berlin gesetzt hatte , sich erfüllen . Sie hatte immer gedacht : die andern Frauen sitzen in Dresden , Zürich , Frankfurt , Leipzig , du aber gehst gleich in die größte Stadt , wo die meisten Chancen für die » Sache « sind , und wirst da eine bedeutende Rolle spielen . Hildegard besah sich einige der schönsten Schaufenster in der Leipziger Straße , trat in eine der Konditoreien ein , und ging dann nach Hause . Zu ihrem Erstaunen wars bereits sieben Uhr . Die Zeit verging hier märchenhaft schnell . Das Warzengesicht war nicht zu Hause . Hildegard sah zum Fenster hinaus , frisierte sich aus langer Weile , und ärgerte sich über den Verdruß , den sie über Fräulein Niehms Abwesenheit empfand . Endlich klirrte draußen der Schlüssel im Schloß . Aber nicht Anna , sondern Fräulein Schulze war die Ankommende . » Ei , da sind Sie ja schon « sagte sie freundlich , » ich dachte , Sie wären noch nicht zu Hause . Ich bin Ihretwegen so früh gekommen . Es ist heute Donnerstag . An diesem Abend hat Anna immer Ausgang . Die armen Mädels müssen auch ihr Vergnügen haben . Sonntag Abend kann ich sie nicht recht entbehren . Da habe ich meist Theebesuch ; mein Bräutigam kommt , oder andere Bekannte . « » Wollen Sie nicht bei mir eintreten ? « fragte Hildegard . » Ich denke , wir räumen zuerst um , nur das Bettzeug , das andere macht Anna morgen . Ohne sie bringen wir doch nichts fertig . « Fräulein Schulze ging auf ihr Zimmer und erschien bald mit einem Arm voll Wäsche bei Hildegard . Unter einigen Scherzen wurde das Wechseln der Betten vollzogen . » So , nun kommen Sie in Ihr neues Zimmer ; der Theekessel steht noch drüben , wir wollen eine Tasse Thee trinken . Ich habe meinem Bräutigam heute abgeschrieben , wegen der Umzieherei . « Die junge Frau sagte einige höfliche Worte und setzte sich neben ihre Hausfrau , die den Docht unter der Theemaschine anzündete . Hildegard mußte immerfort auf den dunklen , fast schwarzen Kattunvorhang blicken , der das Zimmer in zwei Hälften schied . Dahinter stand das Bett und der Nachttisch . Hier vorn in der Nähe des Fensters befanden sich etliche Sessel , das Sofa , der Theekessel , eine Kommode , ein Kleiderschrank . » Gefällts Ihnen hier ? « fragte Fräulein Schulze . » Ich müßte eigentlich für dieses Zimmer viel mehr fordern als für das andere , denn eigentlich sind hier zwei Apartements « setzte sie scherzend hinzu . » Aber die Aussicht « warf Hildegard ein , die ans Fenster getreten war . Sie wandte sich schauernd ab . » Sind Sie schwindlich ? « Fräulein Schulze lachte . » Das ist ja schrecklich . Sind die Berliner Höfe alle so ? « » Beinahe alle . « Ein enger Schacht , der so schmal war , daß man die Hand zum Fenster des Vorzimmers strecken konnte , das gegenüber lag , zog sich drei Stockwerke tief hinab . Modrige Feuchtigkeit bedeckte das viereckige Stück Asphaltboden dieses häßlichen Abgrundes . » Die Fenster der übrigen Hinterzimmer sehen auch hinab « bemerkte Fräulein Schulze . Deshalb war sie sofort mit dem Tausch zufrieden , dachte die junge Frau . Hier rückwärts war ja kein Tropfen frischer Luft . Zögernd nahm sie die Tasse heißen Thees , den das Fräulein ihr anbot . » Da sind auch einige Cakes . « Hildegard dankte . Ihr wurde übel in dieser Luft . Die Vermieterin schien etwas gereizt zu werden . » Sind Sie eine Dame von großen Ansprüchen , « sagte sie im Laufe des Gesprächs , » was haben Sie eigentlich für Ihre dreißig Mark erwartet ? Leute in vornehmen Häusern vermieten keine Zimmer . Und zuvorkommender gegen Sie , als ich bin , könnte ich auch nicht sein . « » Aber ich danke Ihnen ja auch herzlich . « Hildegard zwang sich zur Heiterkeit und kämpfte die aufsteigenden Thränen nieder . Ich bin ja auch ganz zufrieden . Blos das Ungewohnte , die große Stadt .... « » Na ja « meinte die Directrice und lehnte sich ins Sofa zurück , » das entschuldigt Sie ja auch . Sonst könnte ich Sie nicht begreifen . Sie sind hier bei anständigen Leuten . Meine Anna ist eine Perle , sie wird Sie